2020

Vom Nutzen der Lohnarbeit

Wien, 12. 2. 2020

In der ORF-Sendung „Report“ vom 4. 2. 2020 befragte Wolfgang Wagner den Landeshauptmann des Burgenlands, Hans Peter Doskozil, zu seinen „revolutionären“ Plänen. Dieser hat nämlich so unverständliche Vorstellungen wie jene, dass man von dem Lohn leben können müsse, den man für seine Arbeit erhält. Schließlich müsse man Mieten zahlen und benötige auch ein Auto, um die Notwendigkeiten eines bürgerlichen Alltags zu bewältigen. Dafür erklärt er die Durchsetzung eines Mindestlohns von 1700,- Euro netto notwendig.

Dem hält Wolfgang Wagner entgegen, dass ihn nicht einmal seine Partei, die SPÖ, in dieser Sache folgen würde. Dadurch sieht er sich in seinen Zweifeln bestätigt, denn schließlich wäre auch die Privatwirtschaft nicht bereit, diesen Mindestlohn zu akzeptieren. Natürlich fällt ihm als bürgerlichem Gerechtigkeitsfanatiker auch sofort ein, dass ein solcher Mindestlohn möglicherweise die Differenzierung der Löhne gemäß der Kriterien von Ausbildung und Leistung nicht mehr ermöglichen würde. Schließlich würden dadurch plötzlich Menschen in den Genuss eines Lohns kommen, den bisher nur entsprechend ausgebildete Menschen erhalten haben.

Es ist wirklich bemerkenswert, mit welch kaltschnäuzigem Zynismus ein Journalist, der sich für einen kritischen Menschen hält, hier freimütig seine Menschenverachtung bekennt. Die Vorstellung, Lohnarbeit sei mit der bloßen Existenzerhaltung der Lohnempfänger vereinbar, erscheint ihm äußerst befremdlich. Damit gibt er zwar eine Wahrheit der bürgerlichen Gesellschaft kund, dies scheint ihm aber keineswegs bewusst zu sein, denn sonst müsste er zur Kritik dieser Gesellschaft übergehen. Wenn er nun gegen Doskozil sich auf den Standpunkt stellt, die in der bürgerlichen Gesellschaft herrschende Rechungsweise vertrage sich nicht mit den Lebensbedürfnissen der Lohnarbeiter, so hat er damit recht, zieht aber daraus nicht den Schluss, dass dies gegen die bürgerliche Gesellschaft spricht. Wäre Wagner während der NS-Herrschaft ein Journalist gewesen, hätte er wohl seine Zweifel gehabt, wenn irgendjemand den unerhörten Gedanken gewagt hätte, ob der „Endsieg“ der arischen Rasse auch ohne die Massenvernichtung der Juden zu erreichen wäre. An solchen Journalisten lässt sich daher sehr schön demonstrieren, wie lächerlich das Greinen darüber ist, dass der Widerstand gegen die NS-Herrschaft sich auf ein paar Minderheiten beschränkt hat. Sie beweisen schließlich in ihrer Person, dass sie eher bereit sind, den Schaden anderer Menschen in Kauf zu nehmen, als an ihren Überzeugungen zu rütteln. Die Überzeugung des Herrn Wagner kann nämlich nur sein, dass die bürgerliche Gesellschaft die beste aller möglichen Welten ist, auch wenn sie massenhaft Menschen hervorbringt, die von ihrer Arbeit nicht leben können.

Wagner beweist damit auch, dass er kein Problem damit hat, wenn die bürgerliche Gesellschaft ihren Idealen nicht entspricht. Denn daran festhalten, dass sie eigentlich allen Menschen nützen würde, will er trotz des dazu widersprüchlichen Befundes der Massenarmut. Damit fügt er sich nahtlos in die Riege der übrigen Journalistenzunft ein, die auch kein Problem damit hat, wenn sie in ihrer Berichterstattung die bürgerliche Ideologie des Rechtsstaates erschüttert. So wird derzeit zwischen ÖVP und SPÖ darüber gestritten, dass beide Parteien versuchen würden, einen größeren Einfluss auf die Justiz zu erhalten, indem sie Gesinnungsgenossen dort unterbringen. Misstrauen sie der unparteiischen Haltung der Justiz oder ist es gerade diese Haltung, die sie dadurch zu unterwandern beabsichtigen? Wenn es aber darum geht, sich die Rechtsprechung gewogen zu machen, wie kommt es dann, dass sie nicht befürchten, dadurch den Anschein einer unparteiischen Justiz zunichte zu machen? Solche Fragen stellt sich ein bürgerlicher Journalist nicht einmal, er brüstet sich nämlich lieber damit, durch seine mutige „Aufklärungsarbeit“ die hehren Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft gegen die Übergriffe verkommener politischer Führer zu verteidigen. Als solch ein Übergriff gelten einem Journalisten wohl auch die „weltfremden“ Forderungen des Herrn Doskozil nach einem Mindestlohn von 1700,- Euro netto.

Der „Realismus“ der SPÖ wird hier allerdings schon für die Einsicht sorgen, dass man es mit dem Mindestlohn nicht übertreiben darf. So erweist sich die Heuchelei als das Merkmal, wodurch sich die Sozialdemokratie von den übrigen Parteien unterscheidet, und erlebt deswegen derzeit ihren wohlverdienten Niedergang. Schließlich erklärt sie den Proleten seit Jahrzehnten, dass die Klassengesellschaft ihre soziale Heimat sei und Arbeitslosigkeit hierzulande nur vermieden werden könne, wenn man sie dem Ausland verschaffe, indem man das dort angesiedelte Kapital in der Konkurrenz bezwinge. Wenn die Proleten nun zu jenen Parteien überlaufen, die diesen Standpunkt glaubwürdiger vertreten, so erhält die Sozialdemokratie damit nur die Resultate ihrer Politik, die sie redlich verdient hat.

Ist Geld wirklich alles auf der Welt?

Wien, 27. 1. 2020

Einer meiner Söhne musste sich vor kurzem in der Schule mit der Frage auseinandersetzen, ob Geld wirklich alles auf der Welt sei. Diese Frage zeigt bereits die Auffassung des Fragenden an, dass Geld wohl nicht alles sein könne. Für diese Haltung steht ja auch die Geschichte von König Midas, der den Wunsch hatte, dass alles zu Gelde werde, was er berühre, und schließlich verhungerte, weil Gold nicht essbar ist. Zugleich offenbart diese Frage aber auch die große Bedeutung, die Geld in unserer Welt spielt. Wäre es nicht so deutlich, wie wichtig Geld ist, wäre die Frage, ob es denn gar das wichtigste und einzige Gut, ob es vielleicht sogar „alles“ sei, überflüssig. Diese Frage würde sich dann gar nicht stellen.

Die Bedeutung des Geldes ist alles andere als erstaunlich und wird üblicherweise mit dessen enormem Nutzen begründet. So wird es gerne als eine Notwendigkeit zur Vereinfachung des Gütertausches dargestellt. Dieser wäre ohne Geld nur schwierig zu bewerkstelligen, heißt es da, denn es müsste ja immer derjenige, der an ein bestimmtes Gut herankommen will, dessen Besitzer genau jenes Gut zum Austausch anbieten, dessen dieser gerade bedarf. Darüber hinaus müsste dieser Austausch auch noch trotz der unterschiedlichen Gebrauchswerte dieser Güter von gleichem Wert sein. Schließlich würde es für einen der Tauschpartner von Nachteil sein, wenn er zwar ein Gebrauchsgut anbieten könnte, das der andere benötigt, umgekehrt jedoch dessen Gebrauchsgut mit viel weniger Arbeitsaufwand erzeugt worden ist. Ein Auto gegen ein Buch zu tauschen, würde daher als Benachteiligung dessen, der sein Auto hergibt, betrachtet werden. Dem Tausch habe das Geld sogar zweifach geholfen: einmal dadurch, dass es unmittelbar begehrt, weil allgemeines Tauschmittel ist, darüber hinaus dadurch, dass es als Wertmaß fungiert, also in verschiedenen Wertgrößen existiert und sich daher dem Wert des zu erwerbenden Gutes gemäß „tauschen“ lässt. Aus diesem Grund war auch zunächst Gold von Natur aus Geld, weil es diese Eigenschaften besonders gut erfüllt. Es ist haltbar, formbar, teilbar und quantitativ bestimmbar. Auch wenn Geld nicht von Natur aus Gold ist, so ist Gold dennoch von Natur aus Geld, heißt es daher bei Karl Marx.

Unterstellt ist natürlich bei dieser Beweisführung, dass die Güter einer arbeitsteiligen Gesellschaft nur mittels Austausch verteilt werden können. Das Beweisverfahren ist daher zirkulär, da es eine Geldwirtschaft voraussetzt, danach das Geld wegdenkt und infolgedessen sich damit leicht tut, dessen „Notwendigkeit“ nachzuweisen. Das läuft auf die Tautologie hinaus, dass Geld tatsächlich für eine Gesellschaft notwendig ist, in welcher die Verfügung über Geld notwendig ist, um auch nur auf irgendein Gebrauchsgut Zugriff zu erhalten. Deswegen produziert in der bürgerlichen Gesellschaft jeder zu dem Zweck, möglichst viel Geld zu verdienen. Gerade dadurch, dass hierin jeder seinen Vorteil im Auge habe, käme aber auch das allgemeine Wohl zustande, rühmt sich die bürgerliche Gesellschaft. Als wäre eine unsichtbare Hand am Werk, würden alle Bedürfnisse befriedigt werden, indem jeder auf seinen Vorteil bedacht sei, hat Adam Smith daher behauptet.

Diese Behauptung wird vermutlich auch nicht ganz zutreffen, denn auch in diesem Fall wäre die Frage überflüssig, ob Geld denn tatsächlich alles sei. Offensichtlich gibt es so einige Bedürfnisse, die in der bürgerlichen Gesellschaft nicht an den Segnungen der unsichtbaren Hand teilhaben. Die Frage, ob denn Geld wirklich alles sei, wird wohl kaum allein Auswüchse wie den König Midas oder Dagobert Duck im Auge haben, der seine perverse Liebe zum Geld durch ausgiebiges Baden in seinem Geldspeicher befriedigt. Als Perversion gilt hier, dass ein Mittel zum Selbstzweck wird. Eine solche Perversion stellt bereits die Schatzbildung an sich dar, lange bevor Dagobert Duck in seinen Schätzen badet. Den Schatzbildner hat Marx daher als den verrückt gewordenen Kapitalisten bezeichnet, der sein Geld dadurch vermehren will, dass er es seinem Zweck entzieht. Dieser Zweck besteht nämlich in der Vermehrung und die bleibt mit Sicherheit aus, wenn man das Geld hortet. Um mehr zu werden, muss Geld nämlich investiert werden. Umgekehrt findet daher Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft nur dann statt, wenn sie der Geldvermehrung dient. Bleibt hier der Erfolg aus oder werden die Erfolgsaussichten negativ beurteilt, so findet auch keine Produktion statt. Es werden die nützlichen Dienste zur weiteren Produktion nicht mehr benötigt und daher noch massiver Lohnarbeiter freigesetzt, als dies bereits in den Zeiten des Wirtschaftswachstums erfolgte. Dieses Wachstum kann nur in bestimmten Phasen die Freisetzung von Arbeitskräften kompensieren, die ihre Ursache darin hat, dass das Kapital permanent daran arbeitet, seine Arbeitskosten zu reduzieren.

Halten wir fest: Einerseits lobt sich die bürgerliche Gesellschaft für die Herrschaft von Privateigentum und Geld, weil dadurch die Segnungen der unsichtbaren Hand zur Entfaltung kämen. Andererseits registriert sie Schattenseiten wie Arbeitslosigkeit und Armut, die von diesen Segnungen nicht erreicht werden würden. Dass diese „Schattenseiten“ die notwendige Bedingung dieser vermeintlichen Segnungen sind, will sich jedoch niemand eingestehen. Menschen mit dieser Einsicht stellen daher eine Minderheit dar. Die Behauptung, dass Geld nicht alles sei, will daher nicht einfach solche Gemeinplätze bedienen wie den Standpunkt, dass Geld allein nicht glücklich mache oder man sich „wahre Liebe“ nicht mit Geld kaufen könne (in Wirklichkeit beruht in der bürgerlichen Gesellschaft „Liebe“ auf der Verfügung über Geld). Diese Einsicht soll vielmehr jenen als Trost dienen, die mit ihren kümmerlichen Löhnen zu einem bescheidenen Leben genötigt sind. Diese sollen keine höheren Löhne fordern, sondern sich mit ihrer Lage dadurch abfinden, dass Geld ja nicht alles sei. Kapitalisten wird allerdings umgekehrt nicht erklärt, dass sie bei ihren Investitionen nicht so sehr aufs Geld schauen sollten, weil dieses ja ohnehin nicht alles sei. Schließlich würde man sich mit dieser Aufforderung angesichts der herrschenden Verhältnisse, in denen alles Leben vom kapitalistischen Wachstum abhängt, lächerlich machen.

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass die bürgerliche Gesellschaft es gar nicht schätzt, wenn eine alternative Gesellschaft den Beweis antreten will, dass Geld nicht alles sei. Voller Genugtuung wurde daher triumphierend darauf hingewiesen, dass auch der reale Sozialismus um Ausbeutung nicht herumgekommen und letztlich dennoch zum Scheitern verurteilt gewesen sei, weil er mit ein paar sozialen Rücksichten dafür sorgen wollte, dass Geld nicht alles sei. Die Freude kannte daher keine Grenzen, als die realsozialistischen Staaten um 1990 zu dem Befund kamen, dass eine ordentliche Staatsgewalt nur mit entsprechender Ausbeutung etwas hermache, und sich daher zur Übernahme des kapitalistischen Systems entschieden. Da es mit ihrer Imperialismustheorie auch nicht weit her war, bildete sich die damalige Sowjetunion auch ein, sich damit die Feindschaft des Westens dauerhaft von Hals halten zu können. Das hätte unter Jelzin beinahe zum kompletten Niedergang des Staates Russland geführt, dem erst Putin Einhalt geboten hat, der sich dafür wieder mit jenen Anfeindungen konfrontiert sieht, denen die Sowjetunion ausgesetzt war. Merke: Nur wenn man sich den imperialistischen Mächten auf Gedeih und Verderb ausliefert, kann man deren unversöhnliche Feindschaft vermeiden. Die Frage ist nur, was für einen Nutzen man davon haben sollte …