2020

Unorganisiertes Leben – unwertes Leben?

Wien, 24. 3. 2020

In seiner Novelle „Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk“[1] schildert Stefan Zweig die Erlebnisse des Erzählers, der die unerwartete Gelegenheit erhält, einen Taschendieb bei der Ausübung seines „Handwerks“ zu beobachten. Möglich wird diese Beobachtung nur dadurch, dass der Erzähler ohne ein bestimmtes Ziel durch Paris schweift und sich ganz den Erscheinungen hingeben kann, die diese Stadt zu bieten hat. In den Worten des Erzählers: „Ich machte keinerlei Plan, ich gab mich frei, schaltete jeden Kontakt auf Wunsch und Ziel ab und stellte meinen Weg ganz auf die rollende Scheibe des Zufalls, das heißt, ich ließ mich treiben, wie mich die Straße trieb (…).“[2] Eine Haltung wie diese wird in unserer durchorganisierten Gesellschaft den Kindern immer mehr von vornherein ausgetrieben, immerzu müssen sie strebsam ihre Aufmerksamkeit auf die Erlangung bestimmter Fähigkeiten richten und können sich nicht ihrer Umgebung ganz interesselos und jenseits von Zweckgebundenheit hingegeben. So verlieren sie die Fähigkeit, sich zu entspannen und den Blick für Neues freizubekommen, für Dinge jenseits des von einem bestimmten Interesse eingeschränkten Gesichtskreises.

Ein „interesseloses Wohlgefallen“, wie Kant den ästhetischen Genuss genannt hat, ist in einer Gesellschaft verpönt, in der das ganze Dasein dem Interesse der Verwertung zu dienen hat. Es darf in der Schule keine Tätigkeit geben, die nicht in irgendeiner schulischen Leistung verwertbar wäre. Sich nur einmal dem unmittelbaren Dasein hinzugeben, ohne dass dies zumindest durch einen Erlebnisaufsatz im Deutschunterricht gerechtfertigt würde, darf einfach nicht sein. Anscheinend muss jeder seine Erlebnisse veräußern und den anderen Menschen zugänglich machen, sie für sich behalten zu wollen, erschiene als anstößig und als abweichendes Verhalten, das vielleicht sogar eines therapeutischen Eingriffs bedürfen würde. Die Sorge, dass die Schüler zu sehr in den Tag hineinleben könnten, hat vermutlich auch manche Lehrer dazu veranlasst, diese nun mit Arbeitsaufgaben einzudecken, die sich richtig einzuteilen bereits eine Herausforderung darstellt. Nachdem es wegen der Corona-Pandemie notwendig wurde, die Schüler zu Hause mit Arbeitsaufträgen zu versorgen, sind manche Lehrer diesem Gebot nämlich derartig engagiert nachgekommen, dass man sich wahrlich keine Sorgen um eine mögliche Unterbeschäftigung der Schüler machen muss.

Nun soll hier keineswegs dafür Partei ergriffen werden, nur in den Tag hineinzuleben, sich nur treiben zu lassen und das Leben nicht zweckmäßig einzurichten. Es kommt aber schon darauf an, welche Zwecke hier organisiert werden und wie das Verhältnis zwischen Arbeit und Muße ausfällt, das heutzutage unter dem Schlagwort Work-Life-Balance thematisiert wird. In dieser modernen Fassung ist das Verhältnis allerdings ganz klar so bestimmt, dass das Leben der Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit dienen soll, während es sich in einer vernünftigen Gesellschaft genau umgekehrt so verhielte, dass die Arbeit dem Leben dienen würde. In einer kapitalistischen Gesellschaft dient die Arbeit aber der Kapitalverwertung, die an den Lebenskräften zehrt, sodass es gezielter Maßnahmen bedarf, um diese wiederherzustellen. Zu solchen Maßnahmen zählt mittlerweile die Eindämmung der dank neuer Kommunikationsformen gegebenen permanenten Verfügbarkeit. Das Kapital macht vom totalen Zugriff auf das Leben der Lohnabhängigen, den Internet und Mobiltelefone ermöglichen, rücksichtslosen Gebrauch und seinen Knechten damit das Leben auch in der „Freizeit“ schwer, die auf diese Weise zu verschwinden droht. Damit nähert sich das Kapital wieder der Erkenntnis von Karl Marx, laut welchem das Kapital die Frage nach der täglichen Arbeitszeit auf folgende Weise beantwortet: „Der Arbeitstag zählt täglich volle 24 Stunden nach Abzug der wenigen Ruhestunden, ohne welche die Arbeitskraft ihren erneuerten Dienst absolut versagt.“[3] Auch hier erweist sich die Schule als Ausbildung für das kapitalistisch bestimmte Leben, denn auch die Schüler werden zu Hause mit Material versorgt. Sie müssen das elektronische Klassenbuch überprüfen, um sich auf dem aktuellen Stand hinsichtlich ihrer Hausübungen zu halten. Da gibt es immer wieder unliebsame Überraschungen, wenn nach 18 Uhr plötzlich eine Hausübung vermerkt ist, die vorher nicht eingetragen war. Wenn man hier nicht immer wieder die Eintragungen kontrolliert, kann es schon einmal vorkommen, dass man so eine Aufgabe erst am Tag ihrer Fälligkeit bemerkt.

Nicht zufällig stellt sich Joseph von Eichendorff den Anforderungen bürgerlicher Konkurrenzfähigkeit entgegen, wenn er seine berühmte Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ nennt, denn schließlich ist deren Hauptperson eine einfältige Künstlerseele. Zwar verhält es sich keineswegs so, dass der „Taugenichts“ zu nichts taugt, schließlich versteht er es ja, seine Geige zu spielen. Ein Taugenichts ist er jedoch gemessen am Zweck des bürgerlichen Gelderwerbs und des entsprechenden Schaffensdrangs. Allerdings ist die Welt des „Taugenichts“, die Eichendorff schildert, von dessen kindlicher Einfalt geprägt, die niemandem etwas Böses will und auch von niemandem Böses fürchtet. Diese heile Welt wird auch durch nichts erschüttert, da glückliche Fügungen immer wieder dafür sorgen, dass der „Taugenichts“ nicht Not leiden muss, dass ihm durch fremde Menschen kein Leid geschieht, sondern diese ihm wohlgesinnt sind. In der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren unversöhnlichen Gegensätzen und Konkurrenzkämpfen verhält es sich gerade umgekehrt, daher wirkt die Welt der Novelle Joseph von Eichendorffs als Märchen. Die Romantik insgesamt lässt sich in diesem Sinne als bürgerliche Erbauungsliteratur verstehen, in welcher die bürgerlichen Gegensätze versöhnt oder schicksalshaft überhöht, weil höheren Mächten geschuldet erscheinen.

Auch bei Goethe spielt der Konflikt zwischen Gelderwerb und brotloser Kunst eine Rolle, nämlich in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Dort versucht Wilhelm Meisters Schwager immer wieder, diesen von seiner Leidenschaft für das Theater abzubringen und für die Schönheiten des „natürlichen Erwerbsstrebens“ zu begeistern. Es handelt sich hier allerdings um einen Konflikt, den sich Wilhelm Meister nur als Angehöriger einer erfolgreichen Kaufmannsfamilie leisten kann, den meisten Bürgern ist eine solche Wahl nämlich nicht gegeben, sondern sie sind den Zwängen des Gelderwerbs unterworfen. Damit schließt sich der Kreis zu den Erfahrungen mit der Schule in der bürgerlichen Gesellschaft, der man wahrlich nicht vorwerfen kann, die Kinder nicht bei der Einübung bürgerlicher Verhaltensweisen zu unterstützen, worunter insbesondere der Gehorsam gegen die Obrigkeit fällt. Einwände gegen ein durch und durch auf kapitalistische Funktionalität angelegtes Leben sind eher selten anzutreffen, vielmehr wird dies im Utilitarismus zum genuin menschlichen Dasein verklärt. So bleibt es den Außenseitern der bürgerlichen Gesellschaft vorbehalten, ihr Unbehagen mit dieser Lebensführung zu formulieren, wie etwa Rolf Dieter Brinkmann schreibt: „(…) ich habe immer darunter gelitten, dass alles, was einer macht, über den Leisten der sofortigen Nützlichkeit gezogen werden muss – überhaupt: dass die erste Einstellung von Menschen, egal worauf sie treffen, immer vom Nützlichkeitsaspekt, der sofortigen Verwertung für Konkretes, aber nicht als Material zum Träumen und Weitergehen und Weiterentwickeln bestimmt ist – so sehen sie alles nur als Fressen an.“[4] Damit, so Brinkmann weiter, würden sich die Menschen nicht von Tieren unterschieden, die „ja unter der andauernden Anspannung der Nahrungsbeschaffung“ stehen. Auch hierin bereitet die bürgerliche Schule bestens auf das Dasein vor, das für die meisten Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft vorgesehen ist. Ein wacher Geist ist dort nur für die Wahrnehmung von Geschäftsgelegenheiten gefragt, die intellektuelle Tätigkeit ist darauf eingeschränkt, diese zu erkennen und zu ergreifen. Sich wie der Erzähler in Stefan Zweigs Novelle treiben zu lassen und Dinge zu beobachten, ohne dass diese Beobachtungen zu Geld gemacht werden können, gilt hier als Zeitvergeudung.


[1] Stefan Zweig: Unvermutete Bekanntschaft mit einem Handwerk, in: Die unsichtbare Sammlung – Novellen, in: Stefan Zweig: Gesammelte Werke, zusammengestellt von Jürgen Schulze, Kindle E-Book, Neuss 2013

[2] Ebenda, Positionen 84801 ff.

[3] Karl Marx: Das Kapital, in: Marx-Engels-Werke (MEW) Bd. 23, S. 280

[4] Rolf Dieter Brinkmann: Rom, Blicke, Hamburg 1979, S. 448 f.; an neue Rechtschreibung angepasst.

Bildungskatastrophen ohne Ende

25. 2. 2020

Der bekanntlich äußerst fähige und daher mehrere Funktionen wahrnehmende Präsident der österreichischen Wirtschaftskammer, Harald Mahrer, war am 23. 2. 2020 zu Gast in der Pressestunde des ORF. Ein offenkundiger Übermensch wie er lässt sich natürlich nicht hinters Licht führen, wenn die Gewerkschaft die Erschöpfung der Pflegekräfte zum Anlass nimmt, eine Beschränkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden zu fordern. Er weiß, dass das nur ein Vorwand ist, um eine Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche allgemein durchzusetzen. Hierzu gibt er bereitwillig Auskunft, dass dies im Kapitalismus unmöglich sei, weil man sich ja im globalen Wettbewerb befinde. Während man früher tunlichst vermieden hätte, mit dem Kapitalismus für dessen Zumutungen zu werben, ist Kritik am Kapitalismus mittlerweile so ausgestorben, dass man nur verständnislose Blicke erntet, wenn man darauf besteht, dass die Notwendigkeit dieser Zumutungen doch nur ein weiteres Argument gegen den Kapitalismus sei.

Das alles gehört jedoch noch zum hierzulande üblichen Auftreten sich kritisch wähnender Geister. Eine Besonderheit konnte Herr Mahrer in seiner Zurückweisung einer Arbeitszeitverkürzung dann jedoch auch noch präsentieren: Er wies darauf hin, dass das österreichische Kapital mehr als die Hälfte seiner Bereicherung im Export erlange, dies aber wegen „Qualität, Innovation und Kreativitätskraft“ und nicht „dadurch, dass wir so niedrige Lohnnebenkosten haben, so niedrige Energiepreise, so wenig Bürokratie“. Das ist insofern bemerkenswert, als dies ja eher dafür spräche, dass das Kapital eine Verringerung der Arbeitszeit verkraften könnte, weil diese ja seine Stärken nicht berühren, sondern sich nur in jenen Bereichen auswirken würde, denen es seinen Erfolg ohnehin nicht verdankt. Schließlich würde sich eine Arbeitszeitverkürzung nur auf die Lohnkosten auswirken, und in niedrigen Lohnkosten liegt gerade nicht die Stärke des Kapitals, erklärt uns Mahrer, wenn er darauf hinweist, dass nicht niedrige Lohnnebenkosten das Mittel seines Erfolgs seien. Die Argumentation des Herrn Mahrer ist hier also eindeutig widersprüchlich, ein geradezu schreiender Widerspruch, und man fragt sich, wie da zwei Journalisten danebensitzen können, ohne dass ihnen dies auffällt. Bei allen beteiligten Personen kann es sich nur um Beispiele der Bildungskatastrophen handeln, die sich in Österreich tagtäglich abspielen. Im Übrigen ist das deswegen niemandem aufgefallen, weil alle Beteiligten in ihrem großen Einfühlungsvermögen für die Nöte kapitalistischer Bereicherung sofort verstanden haben, dass das Kapital ohnehin schon mit Lohnnebenkosten, Energiepreisen und bürokratischen Auflagen derartig belastet sei, dass man ihm nicht auch noch eine Arbeitszeitverkürzung zumuten könne. Es könne diese Belastungen ja ohnehin gerade noch durch seine Qualität und seine innovativen sowie kreativen Fähigkeiten stemmen (auch durch Kreativität in der Steuergestaltung, wie jeder weiß), weitere Belastungen würden selbst durch die hier bewiesenen Fähigkeiten nicht mehr zu kompensieren sein.

Herr Mahrer hat mit dieser Argumentation wahrlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er zu Recht mehrere Funktionen im wirtschaftlichen und politischen Geschehen Österreichs wahrnimmt. Denn wer es schafft, mit derartigen Widersprüchen seinen Standpunkt zu behaupten, dem sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Sehr schön und entlarvend war ja auch seine rhetorische Frage zur Arbeitszeitverkürzung: „Wer macht uns dann die Arbeit?“ Herrn Mahrer ist es offensichtlich vollkommen klar, dass andere für ihn die Arbeit machen, und mit „uns“ meint er wohl die Klasse der Besitzenden, auch wenn er natürlich felsenfest davon überzeugt ist, dass er und seinesgleichen eine viel wertvollere Arbeit leisten, die sich in entsprechenden Einkünften gerechterweise niederschlage.

Als Fazit können wir festhalten, dass ein wenig Unbildung hinsichtlich der Gesetze der Logik nicht schaden kann, wenn man sich für die Interessen des Kapitals einsetzen will, dies scheint vielmehr sogar eine Voraussetzung dafür zu sein. Und so lassen sich in Österreich genauso wie in den übrigen Erdteilen mit kapitalistischer Herrschaft jeden Tag Beispiele für Bildungskatastrophen finden, die alle aufzuzeichnen einen einzelnen Menschen gewiss überfordern würde. Daher nehme ich mir die Freiheit, besonders gelungene Beispiele solcher Bildungskatastrophen vorzustellen, wie sie nur so besonders fähige Persönlichkeiten wie Herr Mahrer hervorzubringen imstande sind. Dieser wird es gewiss vorziehen, sich solcher Vergehen gegen logische Argumentation schuldig zu machen, ehe er sich den Belastungen aussetzt, welche die Gesundheit der Pflegekräfte beeinträchtigen und dazu führen, dass diese ihren Beruf aufgeben, obwohl sie sich das finanziell kaum leisten können.

Vom Nutzen der Lohnarbeit

Wien, 12. 2. 2020

In der ORF-Sendung „Report“ vom 4. 2. 2020 befragte Wolfgang Wagner den Landeshauptmann des Burgenlands, Hans Peter Doskozil, zu seinen „revolutionären“ Plänen. Dieser hat nämlich so unverständliche Vorstellungen wie jene, dass man von dem Lohn leben können müsse, den man für seine Arbeit erhält. Schließlich müsse man Mieten zahlen und benötige auch ein Auto, um die Notwendigkeiten eines bürgerlichen Alltags zu bewältigen. Dafür erklärt er die Durchsetzung eines Mindestlohns von 1700,- Euro netto notwendig.

Dem hält Wolfgang Wagner entgegen, dass ihn nicht einmal seine Partei, die SPÖ, in dieser Sache folgen würde. Dadurch sieht er sich in seinen Zweifeln bestätigt, denn schließlich wäre auch die Privatwirtschaft nicht bereit, diesen Mindestlohn zu akzeptieren. Natürlich fällt ihm als bürgerlichem Gerechtigkeitsfanatiker auch sofort ein, dass ein solcher Mindestlohn möglicherweise die Differenzierung der Löhne gemäß der Kriterien von Ausbildung und Leistung nicht mehr ermöglichen würde. Schließlich würden dadurch plötzlich Menschen in den Genuss eines Lohns kommen, den bisher nur entsprechend ausgebildete Menschen erhalten haben.

Es ist wirklich bemerkenswert, mit welch kaltschnäuzigem Zynismus ein Journalist, der sich für einen kritischen Menschen hält, hier freimütig seine Menschenverachtung bekennt. Die Vorstellung, Lohnarbeit sei mit der bloßen Existenzerhaltung der Lohnempfänger vereinbar, erscheint ihm äußerst befremdlich. Damit gibt er zwar eine Wahrheit der bürgerlichen Gesellschaft kund, dies scheint ihm aber keineswegs bewusst zu sein, denn sonst müsste er zur Kritik dieser Gesellschaft übergehen. Wenn er nun gegen Doskozil sich auf den Standpunkt stellt, die in der bürgerlichen Gesellschaft herrschende Rechungsweise vertrage sich nicht mit den Lebensbedürfnissen der Lohnarbeiter, so hat er damit recht, zieht aber daraus nicht den Schluss, dass dies gegen die bürgerliche Gesellschaft spricht. Wäre Wagner während der NS-Herrschaft ein Journalist gewesen, hätte er wohl seine Zweifel gehabt, wenn irgendjemand den unerhörten Gedanken gewagt hätte, ob der „Endsieg“ der arischen Rasse auch ohne die Massenvernichtung der Juden zu erreichen wäre. An solchen Journalisten lässt sich daher sehr schön demonstrieren, wie lächerlich das Greinen darüber ist, dass der Widerstand gegen die NS-Herrschaft sich auf ein paar Minderheiten beschränkt hat. Sie beweisen schließlich in ihrer Person, dass sie eher bereit sind, den Schaden anderer Menschen in Kauf zu nehmen, als an ihren Überzeugungen zu rütteln. Die Überzeugung des Herrn Wagner kann nämlich nur sein, dass die bürgerliche Gesellschaft die beste aller möglichen Welten ist, auch wenn sie massenhaft Menschen hervorbringt, die von ihrer Arbeit nicht leben können.

Wagner beweist damit auch, dass er kein Problem damit hat, wenn die bürgerliche Gesellschaft ihren Idealen nicht entspricht. Denn daran festhalten, dass sie eigentlich allen Menschen nützen würde, will er trotz des dazu widersprüchlichen Befundes der Massenarmut. Damit fügt er sich nahtlos in die Riege der übrigen Journalistenzunft ein, die auch kein Problem damit hat, wenn sie in ihrer Berichterstattung die bürgerliche Ideologie des Rechtsstaates erschüttert. So wird derzeit zwischen ÖVP und SPÖ darüber gestritten, dass beide Parteien versuchen würden, einen größeren Einfluss auf die Justiz zu erhalten, indem sie Gesinnungsgenossen dort unterbringen. Misstrauen sie der unparteiischen Haltung der Justiz oder ist es gerade diese Haltung, die sie dadurch zu unterwandern beabsichtigen? Wenn es aber darum geht, sich die Rechtsprechung gewogen zu machen, wie kommt es dann, dass sie nicht befürchten, dadurch den Anschein einer unparteiischen Justiz zunichte zu machen? Solche Fragen stellt sich ein bürgerlicher Journalist nicht einmal, er brüstet sich nämlich lieber damit, durch seine mutige „Aufklärungsarbeit“ die hehren Prinzipien der bürgerlichen Gesellschaft gegen die Übergriffe verkommener politischer Führer zu verteidigen. Als solch ein Übergriff gelten einem Journalisten wohl auch die „weltfremden“ Forderungen des Herrn Doskozil nach einem Mindestlohn von 1700,- Euro netto.

Der „Realismus“ der SPÖ wird hier allerdings schon für die Einsicht sorgen, dass man es mit dem Mindestlohn nicht übertreiben darf. So erweist sich die Heuchelei als das Merkmal, wodurch sich die Sozialdemokratie von den übrigen Parteien unterscheidet, und erlebt deswegen derzeit ihren wohlverdienten Niedergang. Schließlich erklärt sie den Proleten seit Jahrzehnten, dass die Klassengesellschaft ihre soziale Heimat sei und Arbeitslosigkeit hierzulande nur vermieden werden könne, wenn man sie dem Ausland verschaffe, indem man das dort angesiedelte Kapital in der Konkurrenz bezwinge. Wenn die Proleten nun zu jenen Parteien überlaufen, die diesen Standpunkt glaubwürdiger vertreten, so erhält die Sozialdemokratie damit nur die Resultate ihrer Politik, die sie redlich verdient hat.

Ist Geld wirklich alles auf der Welt?

Wien, 27. 1. 2020

Einer meiner Söhne musste sich vor kurzem in der Schule mit der Frage auseinandersetzen, ob Geld wirklich alles auf der Welt sei. Diese Frage zeigt bereits die Auffassung des Fragenden an, dass Geld wohl nicht alles sein könne. Für diese Haltung steht ja auch die Geschichte von König Midas, der den Wunsch hatte, dass alles zu Gelde werde, was er berühre, und schließlich verhungerte, weil Gold nicht essbar ist. Zugleich offenbart diese Frage aber auch die große Bedeutung, die Geld in unserer Welt spielt. Wäre es nicht so deutlich, wie wichtig Geld ist, wäre die Frage, ob es denn gar das wichtigste und einzige Gut, ob es vielleicht sogar „alles“ sei, überflüssig. Diese Frage würde sich dann gar nicht stellen.

Die Bedeutung des Geldes ist alles andere als erstaunlich und wird üblicherweise mit dessen enormem Nutzen begründet. So wird es gerne als eine Notwendigkeit zur Vereinfachung des Gütertausches dargestellt. Dieser wäre ohne Geld nur schwierig zu bewerkstelligen, heißt es da, denn es müsste ja immer derjenige, der an ein bestimmtes Gut herankommen will, dessen Besitzer genau jenes Gut zum Austausch anbieten, dessen dieser gerade bedarf. Darüber hinaus müsste dieser Austausch auch noch trotz der unterschiedlichen Gebrauchswerte dieser Güter von gleichem Wert sein. Schließlich würde es für einen der Tauschpartner von Nachteil sein, wenn er zwar ein Gebrauchsgut anbieten könnte, das der andere benötigt, umgekehrt jedoch dessen Gebrauchsgut mit viel weniger Arbeitsaufwand erzeugt worden ist. Ein Auto gegen ein Buch zu tauschen, würde daher als Benachteiligung dessen, der sein Auto hergibt, betrachtet werden. Dem Tausch habe das Geld sogar zweifach geholfen: einmal dadurch, dass es unmittelbar begehrt, weil allgemeines Tauschmittel ist, darüber hinaus dadurch, dass es als Wertmaß fungiert, also in verschiedenen Wertgrößen existiert und sich daher dem Wert des zu erwerbenden Gutes gemäß „tauschen“ lässt. Aus diesem Grund war auch zunächst Gold von Natur aus Geld, weil es diese Eigenschaften besonders gut erfüllt. Es ist haltbar, formbar, teilbar und quantitativ bestimmbar. Auch wenn Geld nicht von Natur aus Gold ist, so ist Gold dennoch von Natur aus Geld, heißt es daher bei Karl Marx.

Unterstellt ist natürlich bei dieser Beweisführung, dass die Güter einer arbeitsteiligen Gesellschaft nur mittels Austausch verteilt werden können. Das Beweisverfahren ist daher zirkulär, da es eine Geldwirtschaft voraussetzt, danach das Geld wegdenkt und infolgedessen sich damit leicht tut, dessen „Notwendigkeit“ nachzuweisen. Das läuft auf die Tautologie hinaus, dass Geld tatsächlich für eine Gesellschaft notwendig ist, in welcher die Verfügung über Geld notwendig ist, um auch nur auf irgendein Gebrauchsgut Zugriff zu erhalten. Deswegen produziert in der bürgerlichen Gesellschaft jeder zu dem Zweck, möglichst viel Geld zu verdienen. Gerade dadurch, dass hierin jeder seinen Vorteil im Auge habe, käme aber auch das allgemeine Wohl zustande, rühmt sich die bürgerliche Gesellschaft. Als wäre eine unsichtbare Hand am Werk, würden alle Bedürfnisse befriedigt werden, indem jeder auf seinen Vorteil bedacht sei, hat Adam Smith daher behauptet.

Diese Behauptung wird vermutlich auch nicht ganz zutreffen, denn auch in diesem Fall wäre die Frage überflüssig, ob Geld denn tatsächlich alles sei. Offensichtlich gibt es so einige Bedürfnisse, die in der bürgerlichen Gesellschaft nicht an den Segnungen der unsichtbaren Hand teilhaben. Die Frage, ob denn Geld wirklich alles sei, wird wohl kaum allein Auswüchse wie den König Midas oder Dagobert Duck im Auge haben, der seine perverse Liebe zum Geld durch ausgiebiges Baden in seinem Geldspeicher befriedigt. Als Perversion gilt hier, dass ein Mittel zum Selbstzweck wird. Eine solche Perversion stellt bereits die Schatzbildung an sich dar, lange bevor Dagobert Duck in seinen Schätzen badet. Den Schatzbildner hat Marx daher als den verrückt gewordenen Kapitalisten bezeichnet, der sein Geld dadurch vermehren will, dass er es seinem Zweck entzieht. Dieser Zweck besteht nämlich in der Vermehrung und die bleibt mit Sicherheit aus, wenn man das Geld hortet. Um mehr zu werden, muss Geld nämlich investiert werden. Umgekehrt findet daher Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft nur dann statt, wenn sie der Geldvermehrung dient. Bleibt hier der Erfolg aus oder werden die Erfolgsaussichten negativ beurteilt, so findet auch keine Produktion statt. Es werden die nützlichen Dienste zur weiteren Produktion nicht mehr benötigt und daher noch massiver Lohnarbeiter freigesetzt, als dies bereits in den Zeiten des Wirtschaftswachstums erfolgte. Dieses Wachstum kann nur in bestimmten Phasen die Freisetzung von Arbeitskräften kompensieren, die ihre Ursache darin hat, dass das Kapital permanent daran arbeitet, seine Arbeitskosten zu reduzieren.

Halten wir fest: Einerseits lobt sich die bürgerliche Gesellschaft für die Herrschaft von Privateigentum und Geld, weil dadurch die Segnungen der unsichtbaren Hand zur Entfaltung kämen. Andererseits registriert sie Schattenseiten wie Arbeitslosigkeit und Armut, die von diesen Segnungen nicht erreicht werden würden. Dass diese „Schattenseiten“ die notwendige Bedingung dieser vermeintlichen Segnungen sind, will sich jedoch niemand eingestehen. Menschen mit dieser Einsicht stellen daher eine Minderheit dar. Die Behauptung, dass Geld nicht alles sei, will daher nicht einfach solche Gemeinplätze bedienen wie den Standpunkt, dass Geld allein nicht glücklich mache oder man sich „wahre Liebe“ nicht mit Geld kaufen könne (in Wirklichkeit beruht in der bürgerlichen Gesellschaft „Liebe“ auf der Verfügung über Geld). Diese Einsicht soll vielmehr jenen als Trost dienen, die mit ihren kümmerlichen Löhnen zu einem bescheidenen Leben genötigt sind. Diese sollen keine höheren Löhne fordern, sondern sich mit ihrer Lage dadurch abfinden, dass Geld ja nicht alles sei. Kapitalisten wird allerdings umgekehrt nicht erklärt, dass sie bei ihren Investitionen nicht so sehr aufs Geld schauen sollten, weil dieses ja ohnehin nicht alles sei. Schließlich würde man sich mit dieser Aufforderung angesichts der herrschenden Verhältnisse, in denen alles Leben vom kapitalistischen Wachstum abhängt, lächerlich machen.

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass die bürgerliche Gesellschaft es gar nicht schätzt, wenn eine alternative Gesellschaft den Beweis antreten will, dass Geld nicht alles sei. Voller Genugtuung wurde daher triumphierend darauf hingewiesen, dass auch der reale Sozialismus um Ausbeutung nicht herumgekommen und letztlich dennoch zum Scheitern verurteilt gewesen sei, weil er mit ein paar sozialen Rücksichten dafür sorgen wollte, dass Geld nicht alles sei. Die Freude kannte daher keine Grenzen, als die realsozialistischen Staaten um 1990 zu dem Befund kamen, dass eine ordentliche Staatsgewalt nur mit entsprechender Ausbeutung etwas hermache, und sich daher zur Übernahme des kapitalistischen Systems entschieden. Da es mit ihrer Imperialismustheorie auch nicht weit her war, bildete sich die damalige Sowjetunion auch ein, sich damit die Feindschaft des Westens dauerhaft von Hals halten zu können. Das hätte unter Jelzin beinahe zum kompletten Niedergang des Staates Russland geführt, dem erst Putin Einhalt geboten hat, der sich dafür wieder mit jenen Anfeindungen konfrontiert sieht, denen die Sowjetunion ausgesetzt war. Merke: Nur wenn man sich den imperialistischen Mächten auf Gedeih und Verderb ausliefert, kann man deren unversöhnliche Feindschaft vermeiden. Die Frage ist nur, was für einen Nutzen man davon haben sollte …