Rezensionen

Peter Decker erklärt Heideggers Apotheose der Herrschaft

Peter Decker: Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist, Gegenstandpunkt-Verlag, München 2020

Wien, 6. 3. 2021

In ihrer Verachtung für das bloß Seiende und dessen „Banalität“, in ihrem Streben nach „Höherem“ weist die Philosophie eine Disposition für den faschistischen Größenwahn auf. Mit diesen wenigen Worten lässt sich die Aussage dieses Buches zusammenfassen. Heidegger ist mit seiner Seinslehre der konsequenteste Philosoph gewesen und hat gerade deswegen mit dem Faschismus nicht nur sympathisiert, sondern sich als Universitätsrektor offen in dessen Dienst gestellt. Das bedeutet allerdings nicht, dass nur eine faschistische Herrschaft den philosophischen Ansprüchen genügen kann, dies leistet vielmehr jede Herrschaft insofern, als sie ihre Untertanen zu Dienst und Opferbereitschaft verpflichtet. Wenn das eigene Dasein dadurch in Frage gestellt wird, erfahre man nämlich etwas vom „Ruf des Seins“ und damit von dessen Wahrheit und Größe. Der Seinsvergessenheit mache sich hingegen schuldig, wer sich dem bloß Seienden und Materiellen hingibt, wer sich in seinem Dasein bequem einrichten will. Kleinmütig am Seienden festzuhalten, anstatt dieses entschlossen zu negieren und so für die Heldentaten frei zu werden, die eine Nation auf ihrem Weg zu gebührender Größe verlangt, das ist für Heidegger ein Verstoß gegen die Würde des menschlichen Daseins und dessen angemessenes Seinsverständnis.

Den Dienst an der bestehenden Herrschaft als Dienst am Sein zu begreifen und damit der Größe des menschlichen Daseins zu entsprechen, dem es sich verbietet, sich mutlos an Seiendes zu klammern: Dieser Gedanke führt Heidegger zum Faschismus. Diese Verachtung des am bloß Seienden haftenden Lebens kommt dem faschistischen Drang nach nationaler Größe wie gerufen. Peter Decker versteht es, solche Zusammenhänge an den Aussagen Heideggers zu erklären. Er weist damit nach, dass man Heideggers Worte ignorieren muss, wenn man zwischen der Person, die politisch geirrt habe, und dem Werk, das mit diesem Irren nichts zu tun haben könne, unterscheiden will.

Umgekehrt verhält es sich allerdings auch nicht so, dass Heidegger zunächst Faschist gewesen wäre und seine Philosophie seiner faschistischen Gesinnung gemäß entworfen hätte. Er hat hier keinen Missbrauch der Philosophie betrieben, wie Nicolas Tertulian meint, für den „Heideggers politische Anschauungen tatsächlich im Mittelpunkt seines Denkens stehen“.[1] Es bestimmen nicht politische Zwecke seine Philosophie, sondern seine Philosophie sieht sich in der faschistischen Politik gut aufgehoben. Im Mittelpunkt seines Denkens stehen seine philosophischen Vorstellungen und Überzeugungen, die ihn für den Faschismus genauso empfänglich gemacht haben wie für jede andere Herrschaftsform, welche die materialistischen Berechnungen ihrer Untertanen durchkreuzt. Diese Einstellung zeigt sich heutzutage in anderer Gestalt, etwa in der Verachtung der Spaßgesellschaft, der es in ihrer Oberflächlichkeit an jedem „tieferen“ Seinsverständnis mangle. Darin will niemand eine zynische Verachtung von Lebensfreude entdecken, aber auch nicht das verräterische Eingeständnis freudloser Zustände, die das Bedürfnis nach einer „Entschädigung“ durch „Spaß“-Erlebnisse hervorbringen.

Den Zusammenhang zwischen der faschistischen Gesinnung und dem philosophischen Anspruch Heideggers nachzuweisen, gelingt Peter Decker in seinem Buch auf überzeugende Weise. Die Lektüre dieses Werks kann ich daher nur empfehlen. Kein anderes Buch kritisiert Heidegger und die ideologische Funktion der Philosophie in solcher Klarheit und Kürze.


[1] Nicolas Tertulian, zit. n. Peter Decker: Martin Heidegger – Der konsequenteste Philosoph des 20. Jahrhunderts – Faschist, Gegenstandpunkt-Verlag, München 2020, Kindle-Version, S. 73

Falsche Behauptungen und offensichtliche Leseschwäche

Nachdem Amazon leider die Kommentarfunktion und mit dieser alle bisherigen Kommentare entfernt hat, muss ich hier meinen Einspruch gegen die folgende dumme und erbärmliche Rezension meines Buches über Dogmen veröffentlichen. Zunächst die jenseitige, von falschen Behauptungen strotzende „Rezension“:

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            wolfsnase

1,0 von 5 Sternen

Voll die Mogelpackung — platteste kommunistische Propaganda

Rezension aus Deutschland vom 4. Juni 2020

Verifizierter Kauf

Der Autor hat einige wenige gute Gedanken, aber diese muss man in dem Buch aus dem reichlichen Schrott erstmal heraussieben. Und das lohnt sich nicht. Also besser Finger weg von dem Buch.

Hab‘ das Buch gestern auf den Kindle geladen bekommen und eben zurück gegeben. Ein paar Beispiele aus dem Gedächtnis:

Wer nach Ansicht des Autors den Kapitalismus wegen den widerkehrenden Krisen kritisiert, kritisiert ihn nicht wirklich, sondern akzeptiert ihn und wünscht lediglich die Vermeidung dieser Krisen. Nur liefert eine Kritik an einem System wegen einem bestimmten Phänomen bei eben diesem System, erstmal keinen Anhaltspunkt für eine grundsätzliche Akzeptanz oder Ablehnung eben dieses Systems. Solche gedanklichen Kurzschlüsse finden sich leider öfter in dem Buch.

Das geht auch noch haarsträubender: Neonazis meinen (nach Ansicht des Autor’s) durch Leugnung des Holocaust das dritte Reich rein waschen zu können, als ob das der einzige Geonzid in dieser Zeit gewesen wäre und auch der einzige Unterschied zu dem System, in dem wir jetzt leben. Und damit, meint der Autor, hätten diese ausnahmsweise –und unwissenderweise– mal etwas kapiert. Da hört’s dann bei mir auf. Abgesehen, dass ich davon ausgehe, dass Neonazis durchaus noch die ein oder andere Veränderung am bestehenden System wünschen, sehe ich durchaus den ein oder anderen Unterschied zur Gesellschaft von 1933 bis 1945. Platter geht’s nicht mehr. Na gut, wenigstens genau so platt geht es bei der Abhandlung zum Thema Meinungsfreiheit zu.

Verständlich wird das ganze erst so nach und nach bei der Lektüre des Buchs, wenn so langsam klar wird, wo die politische Heimat des Autor’s liegt. Nämlich in der Gegend hinter dem „antifaschistischen Schutzwall“ bzw das, was man früher dafür hielt. Das Buch fängt noch recht frei von ideologie mit der Abhandlung bestimmter Dogmen in unserer Gesellschaft an. Nach und nach fallen immer öfter die Worte ‚Kapitalismus‘, ‚Kommunismus‘ und ‚Marx‘. Bis wir dann bei ‚Loidolts Blick auf die böse kapitalistische Welt und wie mit Marxismus alles besser werden würde‘ sind.

Die kommunistischen Belehrungen machen das ganze dann immer dröger, bevor man dabei einschläft, wird man bestenfalls durch einen kompletten Aussetzer wachgerüttelt und die gibt es in diesem Buch spätesten alle zwei bis drei Seiten. Wie zB der komplette Querschläger aus dem off, wo er sich gehässig darüber auslässt, dass Feministinnen in den 70er Jahren den penetrationslosen Sex propagierten. So What? Sind das jetzt unsere aktuellen Probleme? Was hat das mit aktuellen Dogmen zu tun? Ich schätze mal auch der ein oder andere stramme Kommunist oder Linke dürfte an dieser Stelle etwas konsterniert sein. Loidolt klingt da beim Schreiben wie ein Mitglied eines Dumpfbacken-Stammtischs.

Loidolts Geschichtswissen scheint wohl zumindest teilweise aus einem Geschichtslehrbuch aus dem Ostblok der 50er Jahre zu stammen. Wie er richtig bemerkt, waren zu allen Zeiten in Nationalstaaten Soldaten die, die im Krieg die Drecksarbeit für Imperialisten machen durften und hinterher oft genug eins wegen Kriegsverbrechen auf den Deckel bekamen, zumindest aber nach ‚getaner Arbeit‘ egal waren. Ganz ander’s nach Loidolt die Soldaten der russischen Armee. Die waren „richtige Helden“. Tja, nur das die russischen Soldaten oft genug von hinten erschossen wurden, wenn sie nicht zackig genug nach vorne liefen. Dann gab es noch den Eid, der zu schwören war, dass man lieber sterben würde als sich zu ergeben. Das sorgte dafür, dass viele der übriggebliebenen hundertausenden russischen Krieggefangenen nach dem 2. Weltkrieg so gar keine Lust hatten, repatrieiert zu werden, dann das bedeutete als Strafe für den „Verrat“, sich gefangen nehmen zu lassen, das Gulag. Solche Punkte blendet Loidolt geflissentlich aus.

Mir fallen spontan etliche Punkte im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System derzeitiger westlicher Staaten ein, die m.E. dringend einer Änderung bedürfen. Allerdings keiner Änderung in Richtung Kommunismus. Das System hat die letzten rund 100 Jahre mit 100 Millionen Toten gezeigt, wo man es am besten lässt: auf dem Müllhaufen der Geschichte. Wer seine politische Heimat in eben diesem dogmatischen System hat, sollte sich besser nicht zu Dogmen äussern. Wenn man den Teich austrocknen will, sollte man die Frösche aussen vor lassen. Auch wenn diese erstmal so tun, als ob sie Beifall quacken.

1 Stern ist noch zuviel für dieses Pamphlet.

Meine Erwiderung:

Die kommunistische Dumpfbacke dankt für diese Demonstration, dass es sich bei dem Buch um eine UNERWÜNSCHTE Widerlegung begehrter Dogmen handelt. Das ist auch nicht erstaunlich, sonst wären diese Dogmen ja nicht so begehrt. Hier ist es das Dogma des Antikommunismus, das sich herausgefordert sieht. Antikommunist ist der Rezensent, weil der Kommunismus in 100 Jahren 100 Millionen Tote hervorgebracht habe. Woher er das so genau weiß, bleibt sein Geheimnis. Selbst wenn das stimmte, wäre ihm der Kapitalismus auch hier überlegen, der ja bekanntlich jährlich mehr als 30 Millionen Hungertote hervorbringen soll, wobei das natürlich auch hier nur Schätzungen sein können.

Damit ist klar: Die Toten des Kommunismus sprechen gegen diesen, weil der Rezensent gegen ihn ist. Beim Kapitalismus ist das nicht so, weil ihm da ja „spontan etliche Punkte im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen System derzeitiger westlicher Staaten, die (…) dringend einer Änderung bedürfen“, einfallen. Das wird die Damen und Herren von Staat und Kapital gewiss schwer beeindrucken, auch wenn er nicht einen einzigen Einwand erwähnt – vermutlich ist er von deren Vielzahl einfach überwältigt. Einwände gegen das westliche System haben Faschisten im Übrigen auch, das macht diese noch lange nicht schlüssig. Nahezu jede Person hat ihre Ideale über den Kapitalismus, die ihr als Einwand gegen seine Realität gelten. Das hat allerdings nichts mit Kritik, sondern höchstens mit Utopie zu tun.

Zum Abschluss noch ein Hinweis zu den inhaltlichen Einwänden am Beispiel der sowjetischen Kriegshelden: Das Wort „Held“ kommt im ganzen Buch genau sechsmal vor. Dreimal ist dabei Karl Held gemeint. Einmal mache ich mich über blinden Aktionismus lustig und nenne dessen Protagonisten polemisch „Helden der Tat“. Im Artikel über Kriegsverbrecher kommt folgender Satz über Soldaten, die als Kriegsverbrecher angeklagt werden, vor: „Sie mögen sich also damit trösten, dass sie auch als ‚gefallene Helden‘ für die Weißwaschung ihrer Herrschaft weiterhin die nützlichen Idioten abgeben, die im Krieg deren Feinde ihren ‚gerechten‘ Zorn spüren ließen.“ Die sechste Erwähnung spricht von Kriegshelden: „Weder von der Sowjetunion noch vom heutigen Russland sind solche heuchlerischen Schauprozesse bekannt, deren Soldaten galten auch noch als ‚Kriegshelden‘, nachdem sie ihren Zweck erfüllt hatten.“ Wie man daraus die Behauptung drechseln kann, ich würde diese für „richtige Helden“ halten, lässt sich nur mit der Verwirrung und der Erschütterung erklären, welche die Lektüre des Buches beim „Rezensenten“ hervorgerufen hat.

Dabei hat er sich sogar daran gestoßen, dass „auch der ein oder andere stramme Kommunist oder Linke (…) etwas konsterniert sein (dürfte)“, weil ich etwas Freches über den Feminismus geschrieben habe. Wenn es ihm in den Kram passt, sind ihm offensichtlich auch linke Dogmen lieb und teuer!

Sehr nett, weil verräterisch ist auch die Aussage zum Faschismus, nachdem ich die Demokratie nicht so fundamental von dieser Herrschaftsform unterscheide, wie er das in seinem Demokratie-Idealismus gerne hätte: „Da hört’s dann bei mir auf.“ Das wäre ja schön, wenn es da bei ihm aufhörte, bloß wollte ich nicht erreichen, dass es dabei bleibt. Aber da hätte er ja seine Dogmen über Bord werfen müssen und das wollte er nicht, deswegen hört es da bei ihm auf und ist er zu keiner inhaltlichen Auseinandersetzung fähig!

Albert Krölls: Kritik der Psychologie – Das moderne Opium des Volks

Haben die Menschen in vergangenen Zeit auf Gottes Erlösung gehofft, so setzen sie heutzutage auf die Psychotherapie. Während religiöse Fanatiker den mangelhaften Glauben ihrer Brüder und Schwestern für jeglichen Schaden verantwortlich machen, der ihnen daher als „Strafe Gottes“ gilt, schreiben moderne Menschen ihr Scheitern dem mangelhaften Glauben an sich selbst zu. Psychische Defekte halten sie für die Ursache dieses Mangels und versuchen diese zu beseitigen, um in der bürgerlichen Konkurrenz nicht mehr zu scheitern, sondern erfolgreich zu sein. Daher nennt Albert Krölls die Psychologie das moderne Opium des Volks. Genauso wie Aufputsch- und Beruhigungsmittel wird sie zur Förderung der Konkurrenztüchtigkeit eingesetzt. Darüber hinaus bietet sie auch Methoden zur Bewältigung der Konkurrenzniederlagen an, die ja trotz allen Selbstvertrauens nicht ausbleiben, weil es nun einmal nicht der Zweck der bürgerlichen Gesellschaft ist, dass sich bei allen Bürgern Erfolg einstellt. Auch wenn die Psychologie nicht auf eine Belohnung im Jenseits vertröstet, so lädt sie dazu ein, das Scheitern als Anstoß zur „Entwicklung der Persönlichkeit“ zu nehmen, die dadurch belastbarer werde und somit den Herausforderungen der Konkurrenz in Zukunft besser gewachsen sei. Das kommt den Angeboten der Religion gleich, schmerzhafte Erfahrungen als Prüfungen Gottes zu begreifen, durch die man ein besserer Mensch werden könnte.

In seiner Kritik der Psychologie hält sich Albert Krölls allerdings nicht mit solchen allgemeinen Feststellungen ihres Zusammenhangs mit der bürgerlichen Gesellschaft auf. Er zeigt vielmehr ganz konkret an den Inhalten psychologischer Theorien die Widersprüche auf, die sie sich dadurch einhandeln, dass sie vermeintlichen psychischen Defekten der Menschen anlasten, was sich diese in ihrem bürgerlichen Rechtsbewusstsein antun. Krölls kritisiert den Determinismus der Psychologie, von der Aggressionstheorie bis zu Freud und Skinner, und das darin zum Ausdruck kommende Ideal der Steuerung menschlichen Verhaltens. Anstatt sich in das Bild einer mit sich selbst im Kampf liegenden menschlichen Natur einzufühlen, schlägt er die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft vor, die in den Konkurrenzkämpfen der Bürger und der Nationen besteht. Wer von solcher Kritik nichts wissen will, der muss notwendigerweise falsche Urteile herausbilden, welche die Psychologie zu ihrem System gemacht hat.

Johannes Schillo: Zurück zum Original. Zur Aktualität der Marxschen Theorie

Seit einiger Zeit besteht wieder ein Interesse an der Kapitalismuskritik von Karl Marx, die dieser im „Kapital“ vorgelegt hat. Das ist einerseits wenig erstaunlich angesichts der zahlreichen Krisen, des Wachstums von Armut und Elend, der Kriegsschauplätze und kriegsträchtigen Konflikte rund um den Erdball. Andererseits ist den Autoren dieses Bandes aufgefallen, dass bei dieser neuen Beschäftigung mit Marx, der neuen Marx-Lektüre, häufig der Text des Originals kaum zur Kenntnis genommen wird. Dies führt zu jeder Menge Verzerrungen und Verirrungen, die anhand des Marxschen Texts kritisiert werden. Deswegen ist dieses Buches sowohl für die Auffrischung einer länger zurückliegenden Marx-Lektüre als auch zur Einführung und Begleitung eines Neulings bei der Lektüre des Marxschen „Kapitals“ ausgesprochen nützlich und hilfreich. Ein wichtiges Resultat dieser Untersuchungen lässt sich bereits vorwegnehmen: Um die Lektüre des Originals kommt man in der Regel nicht herum. Den Autoren gelingt es zu zeigen, wie aufschlussreich die Marxschen Erkenntnisse nach wie vor sind, um den Kapitalismus zu erklären und zu kritisieren. Dies gilt allerdings in erster Linie für die ökonomischen Schriften und nicht für die früheren Werke, in denen Marx mit der Kritik zeitgenössischer philosophischer Überzeugungen beschäftigt war und die natürlich für die Erklärung des Kapitalismus bedeutungslos sind.

Nicht nur mit der neuen Marx-Lektüre, sondern auch mit neuen Versuchen der Marx-Widerlegung durch die Extremismusforschung beschäftigt sich dieser Band. Es zeigt sich hier, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung diesem Anliegen widerspricht und stattdessen ganz prinzipiell der Geltungsanspruch der Marxschen Theorie als extremistisch diffamiert wird, kommt er doch dem Geltungsanspruch der Staatsmacht in die Quere.

Aber nicht nur die Kapitalismuskritik, sondern auch die Religionskritik von Marx erfreut sich eines neuen Interesses, vor allem aufgrund der Auseinandersetzungen der weltlichen Mächte mit dem Islam. Was diese Mächte an Religionen schätzen, in bestimmten Fällen aber auch fürchten, wird hier schlüssig dargestellt. Auch hier gibt es eine neue Lektüre, die zu ziemlich unerwarteten Ergebnissen führt, wenn etwa Linke plötzlich auch die Religion nicht mehr links liegenlassen, also nicht den Rechten überlassen wollen. Da wird die Religion plötzlich als ein ganz feines Überlebensmittel angesichts elender Lebensverhältnisse geschätzt – schön, dass sich hier einmal Linke mit dem Staat einig wissen!

Weitere ausführlich erklärte Themen dieses Buches betreffen das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie bzw. Wirtschaft und Staat, die neuesten „Errungenschaften“ der staatlichen Betreuung des nationalen Standortes und der dafür notwendigen Formen von Pauperismus sowie schließlich die „bahnbrechenden“ Erkenntnisse von Piketty. Dieser hat doch tatsächlich in Zahlen gefasst und empirisch belegt, was ohnehin jeder wissen und täglich begutachten könnte, nämlich die zunehmende soziale Ungleichheit, das einzige sichere Wachstum dieser Gesellschaft, nämlich das Wachstum der Kluft zwischen Arm und Reich. Wie es sich mit Pikettys Erklärung dieses Faktums verhält, steht jedoch auf einem anderen Blatt, auch hierzu bietet dieses Buch die nötigen Hinweise.

Hier handelt es sich um ein kenntnis- und erkenntnisreiches Buch, dessen Erwerb sich absolut lohnt Ein Muss für jeden, der begreifen will, in welcher Welt er lebt und was dieser entgegenzusetzen ist, anstatt verständnislos den Kopf zu schütteln oder in den Sand zu stecken.

Renate Dillmann/Arian Schiffer-Nasserie: Der soziale Staat. Über nützliche Armut und ihre Verwaltung

Die hässliche Fratze eines reichen Staates

Bekanntlich behaupten Linke, dass Rechte die Angst vor Armut schüren. Ebenso erklären sie Deutschland zu einem reichen Staat, dem es keine Mühe bereiten sollte, Migranten bei sich aufzunehmen. Demnach müssten sie ein Buch wie dieses, das von der Armut in Deutschland handelt, für ein Propagandamachwerk der Rechten halten, das zur Abschreckung von Migranten geschrieben worden sei.

Hier wird allerdings keine Angst vor Armut geschürt, sondern die längstens bestehende Armut in wesentlichen Details beschrieben, die man bereits ihrer sozialstaatlichen Verwaltung entnehmen kann. Von den Schlussfolgerungen Rechter unterscheidet sich dieses Buch darüber hinaus dadurch, dass es Armut nicht als „Missstand“ und nationales „Versagen“ beklagt, sondern als Mittel kapitalistischer Produktion erklärt, ohne welches diese nicht stattfinden könnte. Deswegen werden hier auch nicht Migranten für Armut verantwortlich gemacht. Armut ist vielmehr eine Voraussetzung und Notwendigkeit für die Produktion kapitalistischen Reichtums und nationaler Macht. Deswegen handelt es sich hier um nützliche Armut, wie es im Untertitel heißt. Zu dieser nützlichen Armut zählen auch die Arbeitslosen, die als industrielle Reservearmee dafür sorgen, dass das Kapital jederzeit auf Arbeitskräfte zugreifen kann, sei es zum Ersatz bestehender „Dienstnehmer“ oder zur Ausweitung seines Geschäfts.

Um die Nützlichkeit dieser Armut herstellen und erhalten zu können, bedarf es ihrer staatlichen Verwaltung und Betreuung. Dabei kommt allerdings keineswegs mehr als ein schäbiges, von Entbehrungen und Krankheiten geprägtes Leben heraus, sodass der Sozialstaat keineswegs so etwas wie die Beseitigung von Armut wäre, nur weil er so etwas wie ein nacktes Überleben ermöglicht und der Verlust des Arbeitsplatzes dadurch nicht bald zur völligen Verwahrlosung in Pauperismus oder Kriminalität führt. Damit weder seinen Unternehmen noch seinem Haushalt die sozialstaatlichen Maßnahmen finanziell zur Last fallen, greift der Staat auf die Löhne zu. Er entscheidet, wie viel dafür vom Lohn abgezweigt werden muss, welche Leistungen dadurch finanziert werden und wie man sich dieser würdig erweist, nämlich durch umfassende Bemühungen zur Nutzbarmachung der eigenen Arbeitskraft für kapitalistischen Bedarf. So verschafft sich der Sozialstaat Handlungsfreiheit bei der Festsetzung der Aufwendungen, die er für angemessen hält – entsprechend sehen diese auch aus. Mittlerweile sind sowohl die tägliche als auch die Lebensarbeitszeit wieder dem Ausgangspunkt vor 150 Jahren nahe, als unter Bismarck eine Pension für Lohnabhängige ab 70 Jahren eingerichtet wurde.

Der Sozialstaat dient der Aufrechterhaltung eines Lebens in den vielen Notlagen, die sich aus der Armut der Lohnabhängigen ergeben, wie an seinem Umgang mit diesen hier ausführlich dargestellt wird. Auch die Auswirkungen der kapitalistischen Entwicklung, die sich auch in der Ausbreitung von Erkrankungen wie Demenz infolge eines geistig vereinseitigenden und auszehrenden Berufsalltags manifestieren, auf die Betreuungsmaßnahmen des Sozialstaates werden ausführlich beschrieben und erklärt.

Das Buch bietet Aufklärung im besten Sinn des Wortes und kann auch als Nachschlagewerk genutzt werden, wobei hier auch Kästen helfen, in denen Erkenntnisse zu bestimmten Schlagwörtern festgehalten werden. Es ist ein absolutes Muss für jeden, der eine nüchterne und schonungslose Analyse des Sozialstaats jenseits ideologischer Verblendung zu schätzen weiß.

Kritik der Betriebswirtschaftslehre (von Alexander Melčok)

Wien, 9. 4. 2018

Hier wird das Standardwerk der Betriebswirtschaftslehre (BWL) von Günter Wöhe, das im Fach auch als „der Wöhe“ bekannt ist, einer Kritik unterzogen. Wöhe beginnt mit einer allgemeinen Bestimmung dessen, was Wirtschaften sei. Ohne die existierende Wirtschaft vorher zu untersuchen, weiß diese „Bibel“ der BWL genau Bescheid, dass Wirtschaften im möglichst zweckmäßigen bzw. effizienten Umgang mit knappen Gütern besteht. Knapp seien dabei prinzipiell alle Güter unabhängig von ihrer vorhandenen Menge, da es sich beim Menschen um ein unersättliches Wesen handle. Der naturgegebenen Knappheit der Ressourcen stehe daher die Unbegrenztheit der menschlichen Bedürfnisse gegenüber (Position 104). Wirtschaften nenne man daher „den sorgsamen Umgang mit knappen Ressourcen“ (Zitat aus Wöhe, Position 119). Dieses Prinzip verwirft diese Kritik als Abstraktion, deren Fragwürdigkeit sich bereits darin erweist, dass nicht zwischen der knappen Zahlungsfähigkeit eines privaten Haushalts und dem Geldeinsatz eines kapitalistischen Unternehmens unterschieden wird. Letzteres produziert mit modernster Technik und überschwemmt den Weltmarkt, wo daher alles andere als Knappheit herrscht. Deswegen hat das Kapital ja auch am Markt plötzlich alles andere als sorgsamen Umgang mit Knappheit im Sinn, sondern will diesen bei seinen Käufern gerade außer Kraft setzen: Es will nun Absatzwiderstände überwinden, die darin bestehen, dass die Menschen trotz ihrer eben noch als unbegrenzt präsentierten Bedürfnisse den Kauf verweigern. Dies teilt Wöhe seinen Studenten im Kapitel über Marketing mit (in dieser Kritik ab Position 1367), ohne auch nur einen Gedanken an den Widerspruch zu verschwenden, den er sich damit einhandelt.

Bereits am Knappheitstheorem, das Wöhe dogmatisch als Prinzip allen Wirtschaftens setzt, so als wäre es bereits in dessen Begriff enthalten, wird deutlich, dass es sich um eine Übersetzung des kapitalistischen Verhältnisses handelt, in dem der finanzielle Ertrag, der auch als Profit bekannt ist, möglichst hoch über dem Aufwand, besser bekannt als Kosten, liegen soll. Aus diesem Grund konstatiert diese Kritik der BWL auch zwei nicht ganz kompatible Prinzipien bei Wöhe, der neben der Ideologie des Knappheitstheorems mit seiner angeblichen Optimierung der menschlichen Bedürfnisbefriedigung auch praktisch nützliches Wissen bieten will. Mit dieser Hinwendung zur kapitalistischen Wirklichkeit entgeht ihm jedoch nicht, dass diese „auf die eigennützige Bereicherung der Betriebseigner abzielt“ (Position 321). Die Prinzipien „Optimierung menschlicher Bedürfnisbefriedigung“ und „Bereicherung der Betriebseigner“ stehen sich daher unvermittelt gegenüber, sollen aber natürlich einander ergänzen, wofür Wöhe einfach auf die von der kapitalistischen Wirklichkeit eigentlich schon längst blamierte Ideologie der unsichtbaren Hand von Adam Smith zurückgreift (Position 326). Im Unterschied zu Marx spricht hier das Alter dieser „Theorie“ nicht gegen sie.

Indem die BWL die Erzeugung von Gewinn mit dem möglichst zweckmäßigen Einsatz der Mittel am Beispiel der Heiztechnik gleichsetzt, erspart sie sich die Erklärung des Gewinns. Dieser ist einfach als Prinzip der wirtschaftlichen Realität unterstellt, und weil es in dieser um Gewinn geht, widmet sich das Lehrbuch den Methoden für dessen Steigerung. Genauso beruft sich die BWL auf die wirtschaftliche Realität, um damit die Gültigkeit ihrer Modelle nachzuweisen, die für eine „vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit“ (Wöhe, Position 204) notwendig seien. Sich auf die Realität zu berufen oder diese abzubilden, ist aber etwas anderes, als diese zu erklären, Letzteres wäre die Aufgabe einer Wissenschaft. Stattdessen affirmiert die BWL die gesellschaftliche Natur der Menschen im Kapitalismus zur Natur des Menschen überhaupt (Position 239) und erweist sich damit endgültig als Ideologie zur Rechtfertigung der kapitalistischen Wirtschaft, die deren auszubildenden Nachwuchs mit dem entsprechenden Sendungsbewusstsein für künftige Führungsaufgaben ausstatten soll. Diese sollen Unternehmensführung als „Berufung“ begreifen, die einen Dienst an der Menschheit darstelle. Zu diesem Zweck werden auch einfache organisatorische Zusammenhänge bedeutungsvoll dargestellt, indem man diese z. B. in „schöne lateinische Adjektive“ (Position 675) übersetzt und von der Unterscheidung „zwischen komplementären, konkurrierenden und indifferenten Zielen“ (Wöhe, Position 676) schwätzt.

Welche Verrenkungen in theoretischer Hinsicht unter anderem auch für das Bedürfnis, die notwendigerweise spekulative Natur des Geschäfts (Positionen 1739 und 1834) berechenbar zu machen, erforderlich sind, stellt diese gelungene Kritik der BWL auf lehrreiche und anschauliche Weise dar.

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Reinbek bei Hamburg, 2009

Kurzcharakteristik: Kritik linker Selbstbeweihräucherung, die teilweise bürgerlichen Zynismus in Absetzung vom linken Moralismus praktiziert.

Jan Fleischhauers Buch „Unter Linken“ ist durchaus witzig, wenn es die selbstgefälligen Heucheleien der Linken bei der Protektion ihrer bevorzugten Opfer bloßstellt. Dass Linke darüber kein einziges Mal lachen können, ist klar, da kein Scherz über jene Anliegen gestattet ist, deren vermeintliche Bedeutung heiligen Ernst verlangt. Umgekehrt können Rechte ja auch keine Scherze über Themen und Urteile, die ihnen wichtig sind, vertragen.

Das Milieu der Linksschickeria, das bei Medien- und Kulturschaffenden dominiert, nimmt der Autor gelungen aufs Korn. Es ist die kleinbürgerliche Kapitalismuskritik der linken Spießer, die er damit trifft. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie die moralischen Tugenden, welche in der bürgerlichen Gesellschaft gewürdigt werden, um deren Selbstzerfleischung zu verhindern, enger als üblich auslegt. So klagen die linken Bourgeois über die Profitgier, zu der das gesunde Erwerbsstreben mutiert sei, wenn wieder einmal eine Krise der Kapitalverwertung ansteht. Die Verantwortung, die Kapitalisten gerne als eigentliches Motiv der Durchsetzung ihrer Interessen herausstreichen, nehmen sie ernst, um diese der Verantwortungslosigkeit zu rügen, wenn sie mit ihren Unternehmen scheitern. Ganz allgemein treten sie für mehr Moral als Heilmittel gegen die schnöde materialistische Welt ein, für die sie den Kapitalismus halten. Dass Marx sich als Materialist verstand und im „Manifest der Kommunistischen Partei“ der bürgerlichen Gesellschaft Respekt dafür zollte, dass alles Heilige in ihr verdampfe und sich das nüchterne Interesse als Prinzip der gesellschaftlichen Beziehungen offenbare, interessiert keinen dieser durchgedrehten Moralisten, die sich als Linke verstehen.

Da man als Moralapostel kaum ein heuchlerisches Erscheinungsbild vermeiden kann, liefert die Linksschickeria in ihrem moralischen Überlegenheitsgefühl jede Menge Anlass für die Kritik, die Fleischhauer durchführt. Alle Erniedrigten und Beleidigten, auch die selbsternannten, werden zum Objekt der linken Fürsorge, deren Repräsentanten sich damit als Gutmenschen in Szene setzen und ihren guten Ruf pflegen können. Der Erfindung des Opfers widmet sich daher Fleischhauers erstes Kapitel seiner Untersuchung des mondänen linken Denkens. Hier finden sich auch unerwartete Subjekte wie die Gehörlosen, deren Lebensweise diskriminiert werde, wenn man ihnen Hörhilfen zur Verfügung stelle.

Danach nimmt sich der Autor die Ausmalung utopischer Gesellschaftsentwürfe vor, bei der natürlich Platon nicht fehlen darf, nachdem dieser bereits von Popper und Glucksmann als Ahnherr des Despotismus entlarvt worden ist. Platon war für eine strenge gesellschaftliche Hierarchie von Ständen, was sich zwar schlecht mit dem Gleichheitsgebot des Kommunismus vereinbaren lässt, aber die Reglementierungen, die er für die Zusammenarbeit der Stände vorsah, nimmt Fleischhauer natürlich gerne als Vorzeichen sozialistischer Regulierung oder gar kommunistischer Planung. Die Strenge des Klosters und die Ruhe des Gefängnishofes gelten ihm als Vorbild dieser Gesellschaftskonzepte. (Position 1009) Wie dazu die Marx’sche Utopie einer ungebundenen Individualität passen soll, die morgens Jäger, nachmittags Fischer und nach dem Essen Kritiker sein könne (Position 999), bleibt jedoch Fleischhauers Geheimnis. Da sich die menschliche Natur gegen Regelungen sträube, obwohl jedes kapitalistische Unternehmen das Gegenteil davon bezeugt, ergebe sich die Gewalt sozialistischer Gesellschaften logischerweise aus dieser Lücke zwischen Utopie und Realität. (Position 1097) In ihrem Regulierungs- und Kontrollwahn sei die Linke auch auf die überschaubare Großkommune fixiert (Position 1163), weil sie in dieser ihre kleine Welt finde, die sie in diesem Fall gar nicht als kleinbürgerlich betrachtet.

Im dritten Kapitel setzt sich der Autor mit den Widersprüchen der linken Bildungspolitik auseinander, die sich daraus ergeben, dass Linke nicht ganz nüchtern den Auftrag der Selektion des Nachwuchses für die verschiedenen „Karrieren“ der bürgerlichen Gesellschaft zur Kenntnis nehmen, wie das im Gegensatz zu ihnen Freerk Huisken macht. Sie wollen gegen den Zweck der Bildungseinrichtungen eine Gleichheit bei den Ausbildungsresultaten erreichen, mit denen die derart beglückten Schüler in der bürgerlichen Gesellschaft gar nichts anfangen könnten, da diese deswegen nicht ihre Berufshierarchien aufheben wird.

Das vierte Kapitel zeigt auf, wie die Linken den Staat für die eigene Alimentierung zu nutzen verstanden, indem sie sich im öffentlichen Dienst und im Universitätswesen breitmachten. Dabei gelang ihnen auch eine entsprechende Aufblähung der Apparate, um ihresgleichen mit Anstellungen und Aufträgen zu versorgen. Generell seien es die Vorlauten, Cleveren und Unverschämten, die den Sozialstaat für sich einzuspannen verstehen, behauptet Fleischhauer zu Recht. (Position 1988) Dadurch würde der Staat sich immer neue Aufgaben aufhalsen und seine Kernaufgaben nicht erfüllen, sodass z. B. Eltern die Klassenzimmer ihrer Kinder streichen müssen. (Position 2027)

Im fünften Kapitel geht Fleischhauer auf den Umgang der Linken mit vielbeschworenen Volk ein, dem sie seine mangelnde Revolutionsbereitschaft übelnehmen. So schließt Herbert Marcuse daraus ohne jedes Argument schlicht und einfach auf ein verwirrtes Volk, nur dass diese Verwirrtheit bei ihm „totale Entfremdung“ heißt. (Position 2427) Ferner verteidigt Fleischhauer den deutschen Mittelstand, über dessen Geduld sich die Linke lustig mache, die darüber froh sein müsste, da die geschmähten Kleinbürger im Unterschied zu den Reichen immer die Zeche für den Sozialstaat zu zahlen hätten.

Kapitel sechs ist eine Kritik des Antizionismus und der komplementären Palästinenserfreundschaft. Das siebte Kapitel geht auf das Dogma vom Täter ein, der eigentlich ein Opfer sei, wodurch des Öfteren unvorsichtige Resozialisierungsmaßnahmen durchgeführt wurden, die leider nicht jene büßen mussten, die hier fahrlässig gehandelt haben. Im achten Kapitel wird die Frechheit der muslimischen, hier vor allem der türkischen Gemeinde bloßgestellt, die jeden Deutschen, der ihr widerspricht, zum Nazi erklärt. Das neunte Kapitel geht auf dieselbe Verfahrensweise der Linken gegen ihre Kritiker ein, die ja ebenso billig als Faschisten angeprangert werden. Dabei geht Fleischhauer jedoch so weit, diesen Vorwurf einfach zurückzugeben, was bereits dadurch berechtigt sei, dass auch der Nationalsozialismus ein Sozialismus sei. Aus dieser Selbstbezeichnung folgt jedoch überhaupt nichts, sie könnte ja genauso gut einem falschen Selbstverständnis oder einem Täuschungsmanöver entsprungen sein. Auch ist bemerkenswert, dass hier wieder alles schlecht sein soll, was mit den Nazis zu tun hat, während er genau diese Einstellung zuvor den Linken zur Last gelegt hat.

Fleischhauer weist in diesem Zusammenhang auf die Einschränkungen der kapitalistischen Freiheit unter der Obhut der Nazis und auf deren Programme zur Förderung der proletarischen Reproduktion hin. Dass diese Maßnahmen der Kriegsvorbereitung dienten und dafür ein gestärktes Volk vonnöten ist, kommt ihm in seiner Fixierung auf die beabsichtigte Gleichsetzung von Nazis und Linken nicht in den Sinn. Ebenso fällt ihm die faschistische Verherrlichung des Kampfes und der Stärke nicht ein, auf deren Grundlage die Nazis das „schaffende“ Industriekapital förderten und das „raffende“ Finanzkapital als jüdisch-parasitär verunglimpften. Die Auffassung, dass starke Menschen zu fördern und schwache zu eliminieren seien, die zum Holocaust führte, widerspricht darüber hinaus der sozialistischen Auffassung von der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen. Das völkische Gleichheitsversprechen der Nazis ist daher nur die Kehrseite ihrer nationalen Überhöhung und ihres Selbstverständnisses als Herrenmenschen gewesen.

Ferner ist das Lob des Kapitalismus zu kritisieren: „Kein Wirtschaftssystem hat mehr gegen Armut und Hunger getan“ (Position 1251), posaunt Fleischhauer, selbst die Globalisierung würde nur unter falscher Wahrnehmung leiden und habe das Leben der Menschen weltweit verbessert. Den Beweis für diese Behauptungen bleibt er wohl nicht zufällig schuldig. Auch frage ich mich, wo die vielen Millionen Menschen herkommen, die angeblich jährlich an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben. Sind die reine Erfindung, falsch interpretiert oder dem Kapitalismus nicht zuzuschreiben, weil nur dort vorhanden, wo er eben „unterentwickelt“, also gar nicht wirklich vorhanden sei? Auch ist es lächerlich, wenn Fleischhauer in der Folge davon spricht, dass der Kapitalismus seine Versprechen halte (Position 1273). Was soll da jemals versprochen worden sein, außer dass jeder für sich zu sorgen habe, bei Strafe seines Untergangs? Aus diesem Grund legen die Menschen sich ja ihr Scheitern zur Last, entwickeln massenhaft Depressionen und begehen Suizid. Das ist auch ein Unterschied zu den realsozialistischen Staaten gewesen, dass diese tatsächlich für sich in Anspruch nahmen, die Menschen zu versorgen. Daran wurden die Staatsführer gemessen und jedes unbefriedigende Resultat wurde ihnen zur Last gelegt, nicht individuellem Versagen.

Schließlich ist noch die Behauptung eines Beweises bedürftig, dass ohne die Sanierung der neuen Bundesländer „die Wachstumsquote in den alten Bundesländern … etwa doppelt so hoch ausgefallen“ wäre. (Position 237) Wie hätte das bitte aussehen sollen? Boten die Maßnahmen zur Sanierung der Ostgebiete nicht im Gegensatz zu dieser Behauptung einen Absatzmarkt, der das Kapitalwachstum der alten Bundesländer beförderte, anstatt es zu behindern? Das ist mit Sicherheit eine der schwächsten Aussagen in diesem Buch, vor allem weil als Begründung dafür die Berufung auf einen Bericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2002 herhalten muss. Auch die Behauptung Fleischhauers, gerade die Krise bestätige seinen Konservatismus, nährt den Verdacht, dass er nun in die umgekehrten Denkfallen der Linken tritt, die er doch recht treffend und amüsant kritisiert hat. Auch dafür bleibt er den Beweis im letzten Kapitel schuldig, er behauptet nur, dass auch der bürgerliche Staat kein Garant gegen Krisen ist – welcher Kommunist würde das auch bestreiten! Für ihn scheint die Krise ein Ausdruck der menschlichen Unzulänglichkeit zu sein, die einfach in der menschlichen Natur liegt. Würde man Krisen abstellen wollen, so käme dies für ihn wohl nur wieder einem in Despotismus und Terror ausartenden Angriff auf diese Menschennatur gleich. So ist die Krise für Fleischhauer nicht ein Einwand gegen den Kapitalismus, sondern die Bestätigung seiner Übereinstimmung mit der menschlichen Natur. Möglicherweise hat ihm seine Fixierung auf die linken Spießer den Blick für eine Kapitalismuskritik getrübt, die nicht so etwas wie angewandte Moral ist.

Fazit: Trotz Einwänden lesenswert, macht die Schwächen nicht nur linker, sondern unfreiwilligerweise auch konservativer Standpunkte deutlich.