Rezensionen

Kritik der Betriebswirtschaftslehre (von Alexander Melčok)

Wien, 9. 4. 2018

Hier wird das Standardwerk der Betriebswirtschaftslehre (BWL) von Günter Wöhe, das im Fach auch als „der Wöhe“ bekannt ist, einer Kritik unterzogen. Wöhe beginnt mit einer allgemeinen Bestimmung dessen, was Wirtschaften sei. Ohne die existierende Wirtschaft vorher zu untersuchen, weiß diese „Bibel“ der BWL genau Bescheid, dass Wirtschaften im möglichst zweckmäßigen bzw. effizienten Umgang mit knappen Gütern besteht. Knapp seien dabei prinzipiell alle Güter unabhängig von ihrer vorhandenen Menge, da es sich beim Menschen um ein unersättliches Wesen handle. Der naturgegebenen Knappheit der Ressourcen stehe daher die Unbegrenztheit der menschlichen Bedürfnisse gegenüber (Position 104). Wirtschaften nenne man daher „den sorgsamen Umgang mit knappen Ressourcen“ (Zitat aus Wöhe, Position 119). Dieses Prinzip verwirft diese Kritik als Abstraktion, deren Fragwürdigkeit sich bereits darin erweist, dass nicht zwischen der knappen Zahlungsfähigkeit eines privaten Haushalts und dem Geldeinsatz eines kapitalistischen Unternehmens unterschieden wird. Letzteres produziert mit modernster Technik und überschwemmt den Weltmarkt, wo daher alles andere als Knappheit herrscht. Deswegen hat das Kapital ja auch am Markt plötzlich alles andere als sorgsamen Umgang mit Knappheit im Sinn, sondern will diesen bei seinen Käufern gerade außer Kraft setzen: Es will nun Absatzwiderstände überwinden, die darin bestehen, dass die Menschen trotz ihrer eben noch als unbegrenzt präsentierten Bedürfnisse den Kauf verweigern. Dies teilt Wöhe seinen Studenten im Kapitel über Marketing mit (in dieser Kritik ab Position 1367), ohne auch nur einen Gedanken an den Widerspruch zu verschwenden, den er sich damit einhandelt.

Bereits am Knappheitstheorem, das Wöhe dogmatisch als Prinzip allen Wirtschaftens setzt, so als wäre es bereits in dessen Begriff enthalten, wird deutlich, dass es sich um eine Übersetzung des kapitalistischen Verhältnisses handelt, in dem der finanzielle Ertrag, der auch als Profit bekannt ist, möglichst hoch über dem Aufwand, besser bekannt als Kosten, liegen soll. Aus diesem Grund konstatiert diese Kritik der BWL auch zwei nicht ganz kompatible Prinzipien bei Wöhe, der neben der Ideologie des Knappheitstheorems mit seiner angeblichen Optimierung der menschlichen Bedürfnisbefriedigung auch praktisch nützliches Wissen bieten will. Mit dieser Hinwendung zur kapitalistischen Wirklichkeit entgeht ihm jedoch nicht, dass diese „auf die eigennützige Bereicherung der Betriebseigner abzielt“ (Position 321). Die Prinzipien „Optimierung menschlicher Bedürfnisbefriedigung“ und „Bereicherung der Betriebseigner“ stehen sich daher unvermittelt gegenüber, sollen aber natürlich einander ergänzen, wofür Wöhe einfach auf die von der kapitalistischen Wirklichkeit eigentlich schon längst blamierte Ideologie der unsichtbaren Hand von Adam Smith zurückgreift (Position 326). Im Unterschied zu Marx spricht hier das Alter dieser „Theorie“ nicht gegen sie.

Indem die BWL die Erzeugung von Gewinn mit dem möglichst zweckmäßigen Einsatz der Mittel am Beispiel der Heiztechnik gleichsetzt, erspart sie sich die Erklärung des Gewinns. Dieser ist einfach als Prinzip der wirtschaftlichen Realität unterstellt, und weil es in dieser um Gewinn geht, widmet sich das Lehrbuch den Methoden für dessen Steigerung. Genauso beruft sich die BWL auf die wirtschaftliche Realität, um damit die Gültigkeit ihrer Modelle nachzuweisen, die für eine „vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit“ (Wöhe, Position 204) notwendig seien. Sich auf die Realität zu berufen oder diese abzubilden, ist aber etwas anderes, als diese zu erklären, Letzteres wäre die Aufgabe einer Wissenschaft. Stattdessen affirmiert die BWL die gesellschaftliche Natur der Menschen im Kapitalismus zur Natur des Menschen überhaupt (Position 239) und erweist sich damit endgültig als Ideologie zur Rechtfertigung der kapitalistischen Wirtschaft, die deren auszubildenden Nachwuchs mit dem entsprechenden Sendungsbewusstsein für künftige Führungsaufgaben ausstatten soll. Diese sollen Unternehmensführung als „Berufung“ begreifen, die einen Dienst an der Menschheit darstelle. Zu diesem Zweck werden auch einfache organisatorische Zusammenhänge bedeutungsvoll dargestellt, indem man diese z. B. in „schöne lateinische Adjektive“ (Position 675) übersetzt und von der Unterscheidung „zwischen komplementären, konkurrierenden und indifferenten Zielen“ (Wöhe, Position 676) schwätzt.

Welche Verrenkungen in theoretischer Hinsicht unter anderem auch für das Bedürfnis, die notwendigerweise spekulative Natur des Geschäfts (Positionen 1739 und 1834) berechenbar zu machen, erforderlich sind, stellt diese gelungene Kritik der BWL auf lehrreiche und anschauliche Weise dar.

 

 

Jan Fleischhauer: Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Reinbek bei Hamburg, 2009

Kurzcharakteristik: Kritik linker Selbstbeweihräucherung, die teilweise bürgerlichen Zynismus in Absetzung vom linken Moralismus praktiziert.

Jan Fleischhauers Buch „Unter Linken“ ist durchaus witzig, wenn es die selbstgefälligen Heucheleien der Linken bei der Protektion ihrer bevorzugten Opfer bloßstellt. Dass Linke darüber kein einziges Mal lachen können, ist klar, da kein Scherz über jene Anliegen gestattet ist, deren vermeintliche Bedeutung heiligen Ernst verlangt. Umgekehrt können Rechte ja auch keine Scherze über Themen und Urteile, die ihnen wichtig sind, vertragen.

Das Milieu der Linksschickeria, das bei Medien- und Kulturschaffenden dominiert, nimmt der Autor gelungen aufs Korn. Es ist die kleinbürgerliche Kapitalismuskritik der linken Spießer, die er damit trifft. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie die moralischen Tugenden, welche in der bürgerlichen Gesellschaft gewürdigt werden, um deren Selbstzerfleischung zu verhindern, enger als üblich auslegt. So klagen die linken Bourgeois über die Profitgier, zu der das gesunde Erwerbsstreben mutiert sei, wenn wieder einmal eine Krise der Kapitalverwertung ansteht. Die Verantwortung, die Kapitalisten gerne als eigentliches Motiv der Durchsetzung ihrer Interessen herausstreichen, nehmen sie ernst, um diese der Verantwortungslosigkeit zu rügen, wenn sie mit ihren Unternehmen scheitern. Ganz allgemein treten sie für mehr Moral als Heilmittel gegen die schnöde materialistische Welt ein, für die sie den Kapitalismus halten. Dass Marx sich als Materialist verstand und im „Manifest der Kommunistischen Partei“ der bürgerlichen Gesellschaft Respekt dafür zollte, dass alles Heilige in ihr verdampfe und sich das nüchterne Interesse als Prinzip der gesellschaftlichen Beziehungen offenbare, interessiert keinen dieser durchgedrehten Moralisten, die sich als Linke verstehen.

Da man als Moralapostel kaum ein heuchlerisches Erscheinungsbild vermeiden kann, liefert die Linksschickeria in ihrem moralischen Überlegenheitsgefühl jede Menge Anlass für die Kritik, die Fleischhauer durchführt. Alle Erniedrigten und Beleidigten, auch die selbsternannten, werden zum Objekt der linken Fürsorge, deren Repräsentanten sich damit als Gutmenschen in Szene setzen und ihren guten Ruf pflegen können. Der Erfindung des Opfers widmet sich daher Fleischhauers erstes Kapitel seiner Untersuchung des mondänen linken Denkens. Hier finden sich auch unerwartete Subjekte wie die Gehörlosen, deren Lebensweise diskriminiert werde, wenn man ihnen Hörhilfen zur Verfügung stelle.

Danach nimmt sich der Autor die Ausmalung utopischer Gesellschaftsentwürfe vor, bei der natürlich Platon nicht fehlen darf, nachdem dieser bereits von Popper und Glucksmann als Ahnherr des Despotismus entlarvt worden ist. Platon war für eine strenge gesellschaftliche Hierarchie von Ständen, was sich zwar schlecht mit dem Gleichheitsgebot des Kommunismus vereinbaren lässt, aber die Reglementierungen, die er für die Zusammenarbeit der Stände vorsah, nimmt Fleischhauer natürlich gerne als Vorzeichen sozialistischer Regulierung oder gar kommunistischer Planung. Die Strenge des Klosters und die Ruhe des Gefängnishofes gelten ihm als Vorbild dieser Gesellschaftskonzepte. (Position 1009) Wie dazu die Marx’sche Utopie einer ungebundenen Individualität passen soll, die morgens Jäger, nachmittags Fischer und nach dem Essen Kritiker sein könne (Position 999), bleibt jedoch Fleischhauers Geheimnis. Da sich die menschliche Natur gegen Regelungen sträube, obwohl jedes kapitalistische Unternehmen das Gegenteil davon bezeugt, ergebe sich die Gewalt sozialistischer Gesellschaften logischerweise aus dieser Lücke zwischen Utopie und Realität. (Position 1097) In ihrem Regulierungs- und Kontrollwahn sei die Linke auch auf die überschaubare Großkommune fixiert (Position 1163), weil sie in dieser ihre kleine Welt finde, die sie in diesem Fall gar nicht als kleinbürgerlich betrachtet.

Im dritten Kapitel setzt sich der Autor mit den Widersprüchen der linken Bildungspolitik auseinander, die sich daraus ergeben, dass Linke nicht ganz nüchtern den Auftrag der Selektion des Nachwuchses für die verschiedenen „Karrieren“ der bürgerlichen Gesellschaft zur Kenntnis nehmen, wie das im Gegensatz zu ihnen Freerk Huisken macht. Sie wollen gegen den Zweck der Bildungseinrichtungen eine Gleichheit bei den Ausbildungsresultaten erreichen, mit denen die derart beglückten Schüler in der bürgerlichen Gesellschaft gar nichts anfangen könnten, da diese deswegen nicht ihre Berufshierarchien aufheben wird.

Das vierte Kapitel zeigt auf, wie die Linken den Staat für die eigene Alimentierung zu nutzen verstanden, indem sie sich im öffentlichen Dienst und im Universitätswesen breitmachten. Dabei gelang ihnen auch eine entsprechende Aufblähung der Apparate, um ihresgleichen mit Anstellungen und Aufträgen zu versorgen. Generell seien es die Vorlauten, Cleveren und Unverschämten, die den Sozialstaat für sich einzuspannen verstehen, behauptet Fleischhauer zu Recht. (Position 1988) Dadurch würde der Staat sich immer neue Aufgaben aufhalsen und seine Kernaufgaben nicht erfüllen, sodass z. B. Eltern die Klassenzimmer ihrer Kinder streichen müssen. (Position 2027)

Im fünften Kapitel geht Fleischhauer auf den Umgang der Linken mit vielbeschworenen Volk ein, dem sie seine mangelnde Revolutionsbereitschaft übelnehmen. So schließt Herbert Marcuse daraus ohne jedes Argument schlicht und einfach auf ein verwirrtes Volk, nur dass diese Verwirrtheit bei ihm „totale Entfremdung“ heißt. (Position 2427) Ferner verteidigt Fleischhauer den deutschen Mittelstand, über dessen Geduld sich die Linke lustig mache, die darüber froh sein müsste, da die geschmähten Kleinbürger im Unterschied zu den Reichen immer die Zeche für den Sozialstaat zu zahlen hätten.

Kapitel sechs ist eine Kritik des Antizionismus und der komplementären Palästinenserfreundschaft. Das siebte Kapitel geht auf das Dogma vom Täter ein, der eigentlich ein Opfer sei, wodurch des Öfteren unvorsichtige Resozialisierungsmaßnahmen durchgeführt wurden, die leider nicht jene büßen mussten, die hier fahrlässig gehandelt haben. Im achten Kapitel wird die Frechheit der muslimischen, hier vor allem der türkischen Gemeinde bloßgestellt, die jeden Deutschen, der ihr widerspricht, zum Nazi erklärt. Das neunte Kapitel geht auf dieselbe Verfahrensweise der Linken gegen ihre Kritiker ein, die ja ebenso billig als Faschisten angeprangert werden. Dabei geht Fleischhauer jedoch so weit, diesen Vorwurf einfach zurückzugeben, was bereits dadurch berechtigt sei, dass auch der Nationalsozialismus ein Sozialismus sei. Aus dieser Selbstbezeichnung folgt jedoch überhaupt nichts, sie könnte ja genauso gut einem falschen Selbstverständnis oder einem Täuschungsmanöver entsprungen sein. Auch ist bemerkenswert, dass hier wieder alles schlecht sein soll, was mit den Nazis zu tun hat, während er genau diese Einstellung zuvor den Linken zur Last gelegt hat.

Fleischhauer weist in diesem Zusammenhang auf die Einschränkungen der kapitalistischen Freiheit unter der Obhut der Nazis und auf deren Programme zur Förderung der proletarischen Reproduktion hin. Dass diese Maßnahmen der Kriegsvorbereitung dienten und dafür ein gestärktes Volk vonnöten ist, kommt ihm in seiner Fixierung auf die beabsichtigte Gleichsetzung von Nazis und Linken nicht in den Sinn. Ebenso fällt ihm die faschistische Verherrlichung des Kampfes und der Stärke nicht ein, auf deren Grundlage die Nazis das „schaffende“ Industriekapital förderten und das „raffende“ Finanzkapital als jüdisch-parasitär verunglimpften. Die Auffassung, dass starke Menschen zu fördern und schwache zu eliminieren seien, die zum Holocaust führte, widerspricht darüber hinaus der sozialistischen Auffassung von der grundsätzlichen Gleichheit der Menschen. Das völkische Gleichheitsversprechen der Nazis ist daher nur die Kehrseite ihrer nationalen Überhöhung und ihres Selbstverständnisses als Herrenmenschen gewesen.

Ferner ist das Lob des Kapitalismus zu kritisieren: „Kein Wirtschaftssystem hat mehr gegen Armut und Hunger getan“ (Position 1251), posaunt Fleischhauer, selbst die Globalisierung würde nur unter falscher Wahrnehmung leiden und habe das Leben der Menschen weltweit verbessert. Den Beweis für diese Behauptungen bleibt er wohl nicht zufällig schuldig. Auch frage ich mich, wo die vielen Millionen Menschen herkommen, die angeblich jährlich an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben. Sind die reine Erfindung, falsch interpretiert oder dem Kapitalismus nicht zuzuschreiben, weil nur dort vorhanden, wo er eben „unterentwickelt“, also gar nicht wirklich vorhanden sei? Auch ist es lächerlich, wenn Fleischhauer in der Folge davon spricht, dass der Kapitalismus seine Versprechen halte (Position 1273). Was soll da jemals versprochen worden sein, außer dass jeder für sich zu sorgen habe, bei Strafe seines Untergangs? Aus diesem Grund legen die Menschen sich ja ihr Scheitern zur Last, entwickeln massenhaft Depressionen und begehen Suizid. Das ist auch ein Unterschied zu den realsozialistischen Staaten gewesen, dass diese tatsächlich für sich in Anspruch nahmen, die Menschen zu versorgen. Daran wurden die Staatsführer gemessen und jedes unbefriedigende Resultat wurde ihnen zur Last gelegt, nicht individuellem Versagen.

Schließlich ist noch die Behauptung eines Beweises bedürftig, dass ohne die Sanierung der neuen Bundesländer „die Wachstumsquote in den alten Bundesländern … etwa doppelt so hoch ausgefallen“ wäre. (Position 237) Wie hätte das bitte aussehen sollen? Boten die Maßnahmen zur Sanierung der Ostgebiete nicht im Gegensatz zu dieser Behauptung einen Absatzmarkt, der das Kapitalwachstum der alten Bundesländer beförderte, anstatt es zu behindern? Das ist mit Sicherheit eine der schwächsten Aussagen in diesem Buch, vor allem weil als Begründung dafür die Berufung auf einen Bericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2002 herhalten muss. Auch die Behauptung Fleischhauers, gerade die Krise bestätige seinen Konservatismus, nährt den Verdacht, dass er nun in die umgekehrten Denkfallen der Linken tritt, die er doch recht treffend und amüsant kritisiert hat. Auch dafür bleibt er den Beweis im letzten Kapitel schuldig, er behauptet nur, dass auch der bürgerliche Staat kein Garant gegen Krisen ist – welcher Kommunist würde das auch bestreiten! Für ihn scheint die Krise ein Ausdruck der menschlichen Unzulänglichkeit zu sein, die einfach in der menschlichen Natur liegt. Würde man Krisen abstellen wollen, so käme dies für ihn wohl nur wieder einem in Despotismus und Terror ausartenden Angriff auf diese Menschennatur gleich. So ist die Krise für Fleischhauer nicht ein Einwand gegen den Kapitalismus, sondern die Bestätigung seiner Übereinstimmung mit der menschlichen Natur. Möglicherweise hat ihm seine Fixierung auf die linken Spießer den Blick für eine Kapitalismuskritik getrübt, die nicht so etwas wie angewandte Moral ist.

Fazit: Trotz Einwänden lesenswert, macht die Schwächen nicht nur linker, sondern unfreiwilligerweise auch konservativer Standpunkte deutlich.