Houellebecqs Illusionen über Trump

Michel Houellebecq liebt es bekanntlich, die politischen Eliten ein wenig in ihren Komfortzonen zu erschrecken. Deswegen wartet er auch mit einem Lob von Donald Trump auf, das er auch dessen Amtsvorgänger Barack Obama zollt. Im Unterschied zur Führung der USA unter den beiden „Bushes“ habe bereits dieser von Militärinterventionen Abstand genommen, die sich zum Ziel gesetzt hatten, freien Handel und Demokratie auf der ganzen Welt zu erzwingen. Trump habe diese von Obama begonnene Politik, wofür dieser zu Recht den Friedensnobelpreis erhalten habe, konsequent fortgesetzt. Endlich hätten die Amerikaner aufgehört, die ganze Welt mit ihrer Demokratie zwangszubeglücken: „The Americans have stopped trying to spread democracy to the four corners of the globe.“[1] Auch seien die Amerikaner nicht mehr bereit, für eine Pressefreiheit zu sterben, die ohnehin eine Lüge sei, da Houellebecq bereits ab einem Alter von zwölf Jahren zusehen musste, wie sich der Rahmen erlaubter Meinung ständig verringerte. Schließlich stellt er noch erfreut fest, dass die USA immer mehr auf Drohnen zurückgreifen, anstatt Kriege mit entsprechendem Aufwand von Soldaten zu bestreiten. Er beklagt hier nur ihre Unfähigkeit im Gebrauch dieser Drohnen, da sie sonst mehr Kollateralschäden unter der Zivilbevölkerung beim deren Einsatz vermeiden könnten.

Erfreut zeigt sich Houellebecq auch darüber, dass Trump auch in Handelsangelegenheiten „like a healthy breath of fresh air“ wirke. Im Unterschied zu den Jüngern des Liberalismus sei er nicht von den heilsamen Wirkungen des freien Welthandels überzeugt und habe daher keine Skrupel, je nach dem nationalen Interesse der USA für freien Handel einzutreten oder protektionistische Maßnahmen wie Schutzzölle zu nutzen. Und wenn ihm Handelsverträge cshlecht erschienen, zögere Trump auch nicht, diese zu kündigen und neue „deals“ auszuhandeln. Damit diene er tatsächlich den Arbeitern der USA, wofür diese ihn ja gewählt hätten.

So sieht sie also aus, die angebliche Erfolgsbilanz, die Trumps Führung nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt bedeuten würde. Es ist wirklich rührend zu sehen, wie Houellebecq geradezu entzückt darüber ist, dass mit Obama und vor allem mit Trump ein pragmatischer Imperialismus sein Haupt erhoben und den missionarischen Eifer von Bush Vater und Sohn auf den Misthaufen der Geschichte geworfen hat. Mit ihrem missionarisch beseelten Imperialismus dachten diese nämlich tatsächlich, durch die weltweite Herrschaft von Demokratie und Menschenrechten würden sie den nationalen Interessen der USA am besten dienen. Darüber hinaus wäre es das Beste, was dieser Welt passieren könne, wenn sie in einer stabilen, von den USA überwachten Ordnung aufgehoben wäre, die in der Herrschaft von Demokratie und Menschenrechten bestehe. Nachdem die USA jedoch mit diesem Programm auf Widerstand stießen und der militärische Aufwand zu seiner Durchsetzung in Afghanistan und im Irak angesichts ausbleibenden Erfolges nicht mehr sinnvoll erschien, kam mit Obamas Präsidentschaft ein nüchterner Imperialismus zum Zug. Die US-Truppen in den „befriedeten“ Staaten wurden reduziert, stattdessen wurden nur noch begrenzte militärische Aktionen durchgeführt, wenn dies für nationale Interessen der USA geboten schien, danach zogen sich die Streitkräfte der USA jedoch wieder zurück. Wenn militärische Aktionen wie etwa gegen den Iran für zu kostspielig befunden wurden, setzten die USA stattdessen auf wirtschaftliche Sanktionen zur Erzwingung von Wohlverhalten. In anderen Fällen dienten begrenzte militärische Aktionen der Aufrechterhaltung oder Einsetzung einer genehmen Herrschaft, die vielleicht noch mit ein paar militärischen Beratern unterstützt wurde, aber auf eine umfassende militärische Präsenz der USA zur dauerhaften Befriedung des Landes wurde nicht mehr gesetzt. Genau in diesem Sinne hat auch Frankreich 2012 in Mali agiert.

Der Grund für die Abkehr von der vermeintlichen Beglückung der ganzen Welt mit der Herrschaft von Demokratie und Menschenrechten besteht jedoch nicht darin, dass die USA das damit verbundene imperialistische Programm aufgegeben hätten. Houellebecq scheint genau dies aber zu glauben, wenn er sich freut, dass aufgrund dieser veränderten Strategie die „Americans are getting off our backs“ (die Amerikaner verziehen sich von unserem Rücken = lassen uns in Ruhe). Es ist dies eine naive Interpretation von Donald Trumps Maxime „America first“. Denn diese bedeutet ja nicht, dass sich die USA nur noch mit sich selbst beschäftigen und der Rest der Welt sie nicht weiter interessiert. Damit ist vielmehr gemeint, dass den USA völlig gleichgültig ist, wie der Rest der Welt mit der weltweiten Durchsetzung ihrer nationalen Interessen zurechtkommt. Die beiden Präsidenten Bush waren hier noch insofern von einer idealistischen Auffassung geprägt, als es ihrer Auffassung nach für die ganze Welt gar nichts Schöneres als die Herrschaft der USA geben könne. Die Herrschaft der USA galt ihnen als Herrschaft von Demokratie und Menschenrechten auf der ganzen Welt, denn so meinten sie den Zugriff des US-Kapitals auf die ganze Welt sicherstellen und mit dieser Freiheit des Kapitalverkehrs zugleich überall „blühende Landschaften“ fördern zu können. Für Trump zählt hingegen nur die Durchsetzung der USA mit allen zu Gebote stehenden Mitteln bei möglichst geringen Opfern und Kosten.

Während also bis Obama die USA ihre Herrschaft als einen Dienst betrachteten, den sie der Welt erweisen, weil sie diese schließlich mit Freiheit beglücken würden, hat bereits Obama mit dieser Strategie gebrochen und Trump inzwischen auch den damit verbundenen heuchlerischen Selbstbetrug verabschiedet, indem er die Parole „America first“ ausgab. Für Houellebecq stellt sich dies offensichtlich so dar, dass Trump damit nicht nur einer bestimmten Ideologie imperialistischer Herrschaft, sondern dieser Herrschaft selbst abschwört. Herrschaft scheint für Houellebecq nämlich ohnehin ideologisch begründet zu sein, und in Trumps Verzicht auf ideologische Rechtfertigungen entdeckt er daher die Aufhebung von Herrschaft. Aus demselben Grund frohlockt er auch über Trumps Pragmatismus in wirtschaftlichen Angelegenheiten, da dieser auch hier völlig undogmatisch je nach nationalem Bedarf für Freihandel oder Schutzzölle eintrete. Im Gegensatz zu den Predigern des freien Marktes, die auf ihre Art genauso fanatisch wie Kommunisten seien, offenbare Trump damit seinen bodenständigen Pragmatismus. Dank seines Antiintellektualismus gilt Trump demnach als immun gegen die Herausbildung von Ideologien, die für Houellebecq ohnehin nur dem Despotismus der Vernunft entspringen. Hier folgt er ganz dem von André Glucksmann artikulierten Ressentiment gegen die Meisterdenker, deren Anmaßungen ja die menschliche Gesellschaft in einen „totalitären“ Überwachungsstaat voller Umerziehungslager zwängen würden.

Auch in seinem wirtschaftspolitischen Pragmatismus unterscheidet sich Trump jedoch nicht von seinen Vorgängern, sondern reagiert auf die geänderten imperialistischen Kräfteverhältnisse. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfügten die USA über ein konkurrenzlos produktives Kapital und drängten daher auf weltweiten Freihandel. Aus diesem Grund hatten sie auch überhaupt nichts gegen nationale Befreiungsbewegungen, solange diese keine kommunistischen Ambitionen zeigten. Die Aufhebung der exklusiven Benutzung von Kolonien durch ihre Mutterländer sorgte nämlich dafür, dass die ehemaligen Kolonien der ganzen Welt zur Verfügung standen, nach dem Zweiten Weltkrieg daher auch und vor allem dem US-Kapital. Inzwischen sind den USA allerdings imperialistische Konkurrenten erwachsen, weswegen es zu vermehrten Handelskonflikten kommt, im Zuge deren Trump auch zu ehemals verpönten protektionistischen Maßnahmen wie Schutzzöllen greift. Nicht mehr als die Zuspitzung imperialistischer Konflikte steckt also hinter Trumps pragmatischen Strategien. Houellebecq jedoch ist der Auffassung, dass Trump mit seinen protektionistischen Maßnahmen tatsächlich dem Wohlergehen amerikanischer Arbeiter dienen wolle und damit das vollbringe, wofür diese ihn gewählt hätten: „President Trump was elected to safeguard the interests of American workers; he’s safeguarding the interests of American workers.“[2] Im Kapitalismus gibt es schließlich für Arbeiter nichts Besseres als einen Arbeitsplatz, ganz egal, welchen Nutzen oder Schaden er oder sie davon haben mag. Wenn Trump also wegen „unfairer“, weil niedrigerer Preise der ausländischen Konkurrenz Schutzzölle einführt, so verschafft er damit vielleicht den Arbeitern einer bestimmen Branche mehr Verdienstmöglichkeiten, erhöht aber auch möglicherweise das Niveau der Preise für Waren, mit deren Kauf diese ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Auch Waren, die in die Produktion anderer US-Unternehmen eingehen, können dadurch verteuert werden und deren Konkurrenzfähigkeit beeinträchtigen.[3]

Mit solchen scheinbaren „Spitzfindigkeiten“ halten sich Houellebecq und Trump jedoch nicht auf, schließlich hätte dies zur Voraussetzung, sich genauer mit dem kapitalistischen System zu beschäftigen. Für so viel intellektuelle Anstrengung ist aber kein Raum, wenn man ein Pragmatiker wie Trump ist oder ein Konservativer wie Houellebecq, der einen nationalbewussten Kapitalismus offensichtlich für das Gegenteil von Imperialismus hält, weil er Letzteren als Herrschaft einer despotischen Vernunft aufzufassen scheint. Daher verwechselt Houellebecq Trumps Abwendung von einem mit missionarischem Eifer beseelten zugunsten eines pragmatischen Imperialismus mit dessen Aufhebung. Weil Houellebecq keine Ahnung von Kapitalismus hat, muss er Ideologien und Illusionen über dessen Erscheinungsformen herausbilden.


[1] Michel Houellebecq: Donald Trump is a Good President, aus: Harper’s Magazine, https://harpers.org/archive/2019/01/donald-trump-is-a-good-president/; aufgerufen am 11. 9. 2020. Alle weiteren Zitate stammen aus dieser Quelle.

[2] Übersetzung: „Präsident Trump wurde gewählt, um die Interessen amerikanischer Arbeiter zu wahren; er wahrt nun die Interessen amerikanischer Arbeiter.“

[3] Solche Zusammenhänge stellt Karl Czasny dar und weist dabei zugleich nach, wie hilfreich für deren Erklärung die Erkenntnisse von Marx sind. Vgl. Karl Czasny: Kritik des Arbeitswerts. Zum zentralen Begriff der ökonomischen Theorie von Karl Marx, PapyRossa Verlag, Köln 2018.

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