Verschwörungstheorien

Wien, 12. 6. 2020

Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt; sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche respektive scheinbare Triebkräfte.

Friedrich Engels

… der Scharfsinn des leeren Verstandes gefällt sich am meisten in dem hohlen Ersinnen von Möglichkeiten und recht vielen Möglichkeiten.

G. W. F. Hegel

Der leider durch Suizid verstorbene Mark Fisher hat sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt, dass sich die Menschen heutzutage eher den Untergang der Welt als jenen des Kapitalismus vorstellen können. Laut der Präsentation der deutschen Ausgabe seines Buches Capitalist Realism: Is There No Alternative untersucht er darin „die Wirkmächtigkeit, die dem Kapitalismus trotz seiner offensichtlichen Schwächen innewohnt“. Hierzu ist zweierlei zu bemerken: Erstens unterstellt die Rede von den Schwächen des Kapitalismus, dass dieser auch Stärken oder gute Seiten habe. Das mag ja für die Herrschaften von Staat und Kapital zutreffen, diese leiden aber auch nicht unter irgendwelchen „Schwächen“. Die Rede von Schwächen misst den Kapitalismus bereits an einem Ideal, anstatt sein Wesen zu begreifen. So kommt man sofort auf den Gedanken, dass nichts weiter notwendig sei, als die vermeintlichen Schwächen abzustellen, um nur noch die angeblichen Stärken des Kapitalismus zu genießen. Es müsste daher zweitens heißen, dass der Kapitalismus gerade wegen seiner „offensichtlichen Schwächen“ so wirkmächtig ist, genauer: wegen der Vorstellung, dass es sich hierbei nur um bestimmte Schwächen handle, denen doch beizukommen sei.

Wegen der offensichtlichen Schäden und dem Leid, das der Kapitalismus dem Großteil der Menschen bereitet, haben viele Menschen gewisse Einwände gegen diesen, in der Regel handelt es sich hierbei um moralische: Wenn nur die Reichen nicht so gierig und unersättlich wären, dann ginge es doch allen Menschen besser, lautet ein häufig anzutreffender Einwand dieser Art. Wenn nur irgendetwas nicht wäre, etwa die Unmoral, oder etwas wäre, etwa die Moral …: Das ist die grundlegende Struktur dieser Einwände gegen den Kapitalismus, wobei man hierfür nichts über den Kapitalismus wissen muss, ganz im Gegenteil, hierin offenbart sich blanke Ahnungslosigkeit. Sonst wüsste man, dass der Kapitalismus ohne diese „Schwächen“ nicht zu haben ist und dass die angeblichen Stärken auch nur dem Wunsch entsprechen, es mit der kapitalistischen Gesellschaft trotz aller „Schwächen“ nicht ganz so schlecht getroffen zu haben. Wenn man sich nur genügend anstrenge, werde man schon auf seine Kosten kommen, lautet das Dogma, an das sich die Menschen klammern, die im besten Fall nichts weiter als das Mittel kapitalistischer Bereicherung sind, im schlechteren Fall nicht einmal dafür gebraucht werden. In ihrer Existenz gefährdet sind sie in beiden Fällen mehr oder weniger.

Wer sich Ideale zurechtlegt, die endlich zur Geltung kommen müssten, damit der Kapitalismus seine „Schwächen“ überwindet, der fragt sich natürlich auch, warum das nicht passiert. Er kann sich gar nicht erklären, warum nichts zur Beseitigung dieser Schwächen unternommen wird, und daher kommt er auf sehr sonderbare Gedanken. So müssen sinistre Mächte existieren, die das Böse verkörpern und denen es Freude bereitet, über andere Menschen Macht auszuüben. Weil es ja nur am guten Willen der Menschen liege, die vermeintlichen Schwächen des Kapitalismus abzustellen, muss ein böser Wille am Werk sein, wenn dies unterbleibt. Den Ideen, welche Motive hier am Werk sein könnten, sind keine Grenzen gesetzt, der leere Verstand gefällt sich hier ganz im Sinne des oben angeführten Zitates von Hegel im Ersinnen unendlich vieler Möglichkeiten. Besonders zahlreich sind diese dann, wenn sich Umstände ergeben, welche die Gegensätzlichkeit der Bürger in ihrem Interesse an wechselseitiger Bereicherung zuspitzen.

Dies ist derzeit angesichts der Corona-Krise zu beobachten, die deutlich gemacht hat, wie die bloße Existenz vieler Bürger sofort gefährdet ist, wenn sie ihre Verdienstquellen nicht nutzen können. Im Kapitalismus kann man nämlich nicht einfach wie in einer vernünftigen Gesellschaft die Produktion auf das Notwendigste reduzieren, ohne die Existenz jener zu gefährden, die unter normalen Umständen an der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen, die über das Notwendige hinausgehen, verdienen. Dabei könnte man sich schon fragen, worin hier das Problem liegen sollte: Dann wird eben einige Zeit lang die Produktion verringert, um die Kontakte zwischen den Menschen zu reduzieren und dadurch der Ausbreitung des Corona-Virus Einhalt zu gebieten. Wenn es dennoch möglich ist, das Lebensnotwendige zu erzeugen, weshalb sollte dann das Überleben irgendeines Menschen gefährdet sein? Im Kapitalismus muss jedoch jeder Mensch Geld verdienen, daher wird nicht einfach produziert, was notwendig ist oder gewünscht wird, sondern dies hat Geld einzubringen. Güter und Dienstleistungen haben als Einkommensquelle zu dienen, daher bedeutet es für die Bürger die Beseitigung ihrer Existenzgrundlage, wenn ihnen diese Quelle genommen wird. Und genau das ist der Fall gewesen, als den Menschen, die nicht lebensnotwendige Güter erzeugen, die Ausübung ihrer Berufstätigkeit untersagt wurde.

Trotz der vom Staat als Entschädigung zugesagten Unterstützungsprogramme sind die an ihrer Berufsausübung gehinderten Bürger aufgebracht. Sie können sich diesen Angriff auf ihre bürgerliche Existenz nur so erklären, dass der Staat in Wirklichkeit ganz andere Zwecke verfolge und die Bedrohung durch das Corona-Virus nur ein Vorwand für deren Durchsetzung sei. Die absurdesten Begründungen dafür sind zu hören: Ein Herr behauptete auf einer Demonstration, dass Schweden kurz vor der „Herdenimmunität“ stehe und Herr Kurz das nicht erreichen wolle, da er daran Interesse habe, den Österreichern Impfungen zu verkaufen. Es wird also allen Ernstes behauptet, dass Österreichs Bundeskanzler die gesamte Profitproduktion massiv einschränke, um einem ganz bestimmten Geschäftszweig, nämlich der Pharma-Industrie, Profit zu verschaffen! Das müsste sich dieser Herr wohl so erklären, dass Herr Kurz von der Pharma-Industrie bestochen sei und um seines persönlichen Vorteils willen alle Bürger Österreichs schädigen würde. Herrn Kurz würde damit nichts Geringeres als Hochverrat vorgeworfen werden. Eine ganze Portion Dummheit wird man ihm damit auch unterstellen, denn er würde dadurch seine Führungsposition gefährden, also seine Einkommensquelle, die darin besteht, Österreich als Kapitalstandort zu hegen und zu pflegen. Hochverrat und dadurch bewirkte Selbstschädigung aufgrund kurzsichtiger Gier wären also die Vorwürfe, die man dieser absurden Anklage entnehmen kann.

Weil den Menschen die wahren Triebkräfte der bürgerlichen Gesellschaft unbekannt sind, stellen sie sich falsche oder scheinbare Triebkräfte vor, hat Engels gesagt. Genauer müsste es heißen: Weil sie die wahren Treibkräfte der bürgerlichen Gesellschaft für vernünftig halten. weil dadurch das „gesunde Erwerbsstreben“ der Bürger angesprochen werde, haben sie nur falsche Einwände gegen dessen unerwünschte Resultate, die sie sich dann etwa als Übertreibung des „gesunden Erwerbsstrebens“ in der Gier zurechtlegen. Was ihnen damit tatsächlich unbekannt ist, ist die Einsicht in die Unvermeidbarkeit der Schäden dieses Erwerbsstrebens, die ihnen daher bloß als dessen „Schwächen“ gelten. Und Schwächen müssten doch zu beseitigen sein, wenn nur „der Mensch“ nicht so eine „Bestie“ wäre, wie man ja an Bill Gates erkenne, der in seinem Herrschaftswahn nun den Menschen Mikrochips per Impfzwang injizieren wolle etc. pass. … und so ergehen sich die Bürger in allerlei leeren Möglichkeiten und drehen sich im Kreis ihres Verfolgungswahns bis ans Ende ihrer Tage, ohne auch nur irgendetwas vom Kapitalismus begreifen zu wollen.

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