2026
Trump – Verirrung oder Konsequenz des US-Imperialismus?
Wien, 17. 4. 2024
1. Weshalb Trump gewählt wurde
Donald Trump hat die Wahl zum US-Präsidenten im Jahr 2024 vor allem aus zwei Gründen gewonnen: Erstens wegen der Schwäche seiner Gegner, allen voran die Kandidaten der Demokratischen Partei, zunächst der zunehmend geistig verfallende Joe Biden, danach als dessen Ersatz die auch nicht gerade schlagfertige Kamala Harris. Eine dieser Schwächen stellt die woke Agenda dar, die zumindest in der medialen Inszenierung sich wegen ihres außergewöhnlichen Geschlechts diskriminiert fühlende Personen privilegiert und damit deren narzisstischen Geltungsdrang bedient. Während in einem Witz alter Zeiten sich eine psychiatrische Einrichtung mit dem Problem konfrontiert sieht, schon wieder einen Napoleon aufnehmen zu müssen, gilt heutzutage als höchste Wahrheit, wie ein Mensch sich fühlt und was er über sich denkt. Deswegen darf sich jeder einbilden, was auch immer er will zu sein, es sei als Ausdruck seiner persönlichen Freiheit zu akzeptieren. Zwar darf niemand einen Beruf nur deswegen ausüben, weil er sich dazu berufen fühlt und etwa ohne Ausbildung als Arzt oder Ingenieur arbeiten, aber seine geschlechtliche Identität zu bestimmen, steht jedem frei. So sind inzwischen angeblich bereits mehrere Geschlechtsentwürfe entstanden und es nicht gestattet, hier für eine bessere Übersicht zu sorgen und nur drei Geschlechter anzuerkennen, nämlich weiblich, männlich und verwirrt. Obwohl dieser Wokeismus bei einem großen Teil der US-Bürger auf Ablehnung stieß, schien er den Demokraten weit wichtiger als deren Nöte und Drangsale. Selbst die Unterstützung der Ukraine wurde als Verteidigung solcher Freiheiten gerechtfertigt und gilt ihren Gegnern als weiterer Beweis dafür, dass ideologische Ziele den Demokraten mehr bedeuten als der nationale Erfolg der USA.
Zweitens und komplementär dazu gewann Trump diese Bürger mit seinen Slogans „America first“ und „Make America great again“ für sich, da diese ihre desaströse wirtschaftliche Lage, in der sie von paycheck zu paycheck leben und eine Krankheit den Ruin ihrer Existenz bedeuten kann, genau wie Trump auf eine sich selbst schädigende Nation zurückführen. Oder umgekehrt ausgedrückt: Da vom Erfolg des weltweit agierenden US-Kapitals die Macht der Nation und von beiden Mächten die Existenz der US-Bürger abhängt, was Letztere auch grundsätzlich für eine vernünftige Einrichtung halten, muss alles für diesen Erfolg getan werden. Die mächtigste Nation der Welt muss nur ihre Interessen ohne falsche Rücksichten auf unterlegene Nationen durchsetzen und Zugeständnisse an diese unterlassen, die nur zum Missbrauch amerikanischer Macht für deren Interessen führen würden. Nur an unfairen, „ungerechten“ Handelsbedingungen könne es liegen, wenn die USA nicht als Sieger im „internationalen Wettbewerb“ hervorgehen, wie schon Obama unverblümt verkündet hat: „Our workers are the most productive on Earth, and if the playing field is level, I promise you – America will always win.“[1] Das hört sich unter Trump nicht viel anders an, wie dessen Handelsminister Lutnick in einem Interview mit CBS am 6. 4. 2025 zeigt: „Wir haben ein Handelsdefizit von 1,2 Billionen Dollar, und der Rest der Welt hat einen Überschuss gegenüber uns … Der Rest der Welt hat uns all die vielen Jahre lang abgezockt … Warum hat Europa einen Handelsüberschuss? Was ist denn an Europa so besonders? Mal im Ernst, sind sie in einer anderen Welt als wir? Warum verkaufen sie uns jedes Jahr 200 Milliarden mehr? Weil es nicht fair zugeht. Die Regeln sind nicht fair.“[2]
2. Das Ärgernis der US-Handelsbilanzdefizite
Alle anderen Staaten würden sich an den USA bereichern und diesen daher über Jahrzehnte hinweg ein Handelsbilanzdefizit bescheren, zu dessen Finanzierung auch die Staatsschulden der USA steigen müssen. Interessanterweise erwächst den USA daraus aber nicht das Schicksal, das jeden anderen Staat in dieser Situation treffen würde, denn trotz ihres Defizits und ihrer Schulden werden die USA nicht zahlungsunfähig. Das liegt natürlich daran, dass die USA sich in ihrer eigenen Währung verschulden können und nicht etwa den Euro dafür brauchen, denn in diesem Fall müssten sie einen Handelsbilanz-Überschuss gegenüber den Euro-Ländern zustande bringen, um diese Schulden zurückzahlen zu können. So aber muss nur die US-Notenbank per Machtwort Dollarguthaben einrichten, welche die US-Banken für weitere Kredite nutzen können, nicht einmal mehr Dollar-Banknoten müssen dafür unbedingt gedruckt werden. Und damit die Dollarguthaben der sich angeblich an den USA bereichernden Staaten nicht einem drastischen Verfall ihres Wertes unterliegen, können sie diese den USA ebenfalls als Kredit zur Verfügung stellen, indem sie US-Staatsanleihen kaufen und horten. So fließen die Handelsbilanzüberschüsse der Welt wieder in die USA zurück und stehen diesen zur Verfügung, um weiterhin weltweit einkaufen und das Defizit ihrer Handelsbilanz vergrößern zu können. Erst wenn der Dollar nicht mehr als Weltgeld akzeptiert würde, käme dieser Kreislauf zum Stillstand.
Wer sich hier tatsächlich bereichert, sind allerdings die USA, wie selbst ein Zwölfjähriger begreifen würde. Die USA können schrankenlos auf den Reichtum der ganzen Welt zugreifen und dadurch verfügt das US-Kapital immer über die benötigten Ressourcen, genauso wie das US-Militär deswegen die erwünschten Waffen produzieren und kaufen kann. Das muss man auch erst einmal hinbekommen, dieses Verhältnis umzukehren! So erklären die USA ihren Zugriff auf den Reichtum der ganzen Welt zur Bereicherung dieser Welt an den USA, weil die Aneignung dieses Reichtums auf der ganzen Welt für Dollarguthaben sorgt, die nichts weiter als ein Zahlungsversprechen darstellen. Das einzige Problem, das sich die USA dadurch einhandeln könnten, bestünde im Verlust der Verfügungsmacht des Dollars über den weltweiten Reichtum, damit im Verlust ihrer imperialistischen Herrschaft, wenn die übrigen Staaten ihre Dollarguthaben nicht mehr in US-Staatsanleihen horten, sondern damit ebenfalls weltweit einkaufen würden und so für eine Dollarschwemme sorgen könnten. Würden die Staaten mit den Handelsbilanzüberschüssen dem Wunsch Trumps entsprechen und in den USA einkaufen, müssten sich die USA durch Vermehrung ihrer Dollarguthaben per Machtwort die finanziellen Mittel verschaffen, die davor über den Verkauf ihrer Staatsanleihen zu ihnen zurückgeflossen sind, und es käme zu einer gewaltigen Dollarinflation. Der Dollar könnte nicht mehr so wie davor als Weltgeld fungieren. Das hört sich zunächst vielleicht harmlos an, weil die USA damit nur zu einer Nation unter vielen anderen würden, ist aber natürlich für die Führungsmacht der imperialistischen Weltordnung nicht hinzunehmen, sondern ein Kriegsgrund!
Trump sieht das natürlich genau umgekehrt, nämlich so, dass die USA in diesem Fall ihre Dollar durch Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen wieder zurückerhalten und keine Staatsanleihen ausgeben müssten, um diesen Rückfluss ihrer Ausgaben zu erreichen. Es gäbe dann eine ausgeglichene Handelsbilanz, das US-Kapital würde mehr Umsatz durch Verkauf seiner Leistungen an Europa und China machen, daher wieder mehr Arbeiter beschäftigen und der Staat könnte seine Verschuldung eindämmen. Allerdings könnte das US-Kapital dann auch nicht mehr im Ausmaß des früheren Handelsbilanzdefizits sich der Waren und Dienstleistungen seiner Konkurrenten bemächtigen und wäre dadurch in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Es stellt sich sogar die Frage, ob das US-Kapital überhaupt noch in jenem Ausmaß produzieren könnte, das bisher den Reichtum der USA sicherstellte, wenn der dafür offensichtlich bisher erforderliche Zugriff auf fremde Leistungen entfällt oder erst durch entsprechende Gegenleistungen erworben werden muss, anstatt einfach durch Kredit bewerkstelligt zu werden. Solche Fragen fechten natürlich einen einfach gestrickten Geist wie Trump nicht an, der vielmehr auf der Gleichung von nationalem Erfolg und der Befriedigung der je nach Klassenlage unterschiedlichen Interessen seiner Bürger beharrt, die er nun erzwingen will. Dafür, dass diese außer Kraft gesetzt ist und die USA um ihren verdienten Erfolg gebracht würden, steht der sogenannte „Rust Belt“, dessen Prosperität nach dem Zweiten Weltkrieg für jene Zeiten steht, als Amerika noch „great“ war.
Trump will also mit der „Ausplünderung“ der USA durch die EU und China Schluss machen, die den Umsatz des US-Kapitals schmälern und die lohnabhängigen US-Bürger um Arbeitsplätze bringen würde. Einerseits will er sich durch Zölle das Geld zurückholen, das die USA mit ihren Einkäufen dorthin gebracht haben, andererseits dadurch den „Wettbewerbsvorteil“ zunichtemachen, der zu diesen Einkäufen erst geführt hat. Dadurch werden die Waren aus der EU und China teurer, was für die Verlagerung der dafür erforderlichen Produktion in die USA sorgen soll. Dass die Zölle letztlich nicht von den in die USA exportierenden Unternehmen, sondern von den US-Konsumenten bezahlt werden und dadurch die Preise in den USA steigen werden, hält er für Propaganda der bisherigen Nutznießer der US-Handelsbilanzdefizite. Am ehesten könnte noch die Spekulation auf die Substitution der Exporte durch Produktion in den USA Erfolge verbuchen, weil dadurch die Verteuerung der Exportwaren durch die Zölle umgangen werden könnte. Ob es sich angesichts der unberechenbaren Führung der Trump-Administration tatsächlich auszahlt, dass Unternehmen der EU oder Chinas dort neue Standorte ihrer Produktion errichten, ist allerdings äußerst fraglich. Auch wird sich nicht die durch den angestrebten Wegfall der billigen Importe bedingte Inflation vermeiden lassen.
Was Trump an den Handelsbilanzdefiziten aber wirklich stört, ist der Umstand, dass auch andere Staaten an der sogenannten „regelbasierten Weltordnung“ verdient haben, dass deren Nutzen also nicht ausschließlich den USA vorbehalten ist. Das will er unbedingt ändern und die „Parasiten“ mit den Dollar-Forderungen ihrer Handelsbilanzüberschüsse durch seine Zölle bestrafen sowie diese Dollar-Überschüsse zurückholen. Ihn stört also das sonst so viel gepriesene wechselseitige Nutzungsverhältnis der Handelsbeziehungen, worin beide Handelspartner gewinnen, die sogenannte „Win-Win-Situation“. „Kurz: Das einzig nachhaltige und faire Gleichgewicht im Handelsuniversum ist eines, bei dem der Erfolg und die Sicherheit der USA auf der einen Seite, die Nützlichkeit und Dienstbarkeit aller anderen dafür auf der anderen Seite stehen.“[3] Stephen Miran, der Vorsitzende von Trumps wirtschaftspolitischem Beratergremium, sieht darin nur das gute Recht der USA für ihre tollen Dienstleistungen zur Etablierung ihrer imperialistischen Herrschaft, die laut seiner Aussage Ökonomen als „Bereitstellung von globalen öffentlichen Gütern“ bezeichnen. Dazu zählen zum einen der tolle „Sicherheitsschirm“, den die USA der Welt mit ihren Militärbasen spendiert hätten, zum anderen der Dollar und die Staatsanleihen, die der ganzen Welt als Verdienstquelle zur Verfügung gestellt und von dieser auf Kosten der USA ausgenutzt worden seien.[4] Denn ginge es fair zu, würden die USA immer gewinnen, haben wir ja bereits lange vor Trump von Obama gehört, daran hat sich in den USA auch und gerade unter Trump nichts geändert: „Amerika hat das Selbstvertrauen nicht verloren, dass seine Konkurrenten unter fairen Konkurrenzbedingungen keine Chance haben.“[5]
3. Ist Trump die Personifikation der aktuellen Ansprüche des US-Imperialismus?
Unter Trump wird dieser Standpunkt der unübertrefflichen Überlegenheit der USA nun ohne jedes heuchlerische Angebot an die übrige Welt, doch nur eine Ordnung im allgemeinen Interesse einrichten zu wollen, durchgesetzt. Amerika hat an erster Stelle zu stehen und diesem Ziel ist alles unterzuordnen. Hier stellt sich nun die Frage, ob diese Radikalisierung der amerikanischen Politik unter Trump eine Folge der Überakkumulationskrise des Kapitals oder eine persönliche Verirrung Trumps und seiner Entourage an Verehrern und Mitläufern darstellt, wie sich die EU wünschen würde. Die Antwort darauf entbehrt natürlich nicht eines spekulativen Moments, denn wie sollte eigentlich genau festgestellt werden, was genau die USA brauchen, um ihre dominierende Stellung gegenüber aufstrebenden Mächten wie China zu behaupten? So viel lässt sich aber schon einmal feststellen: Wie sehr Trumps Verhalten auch eine Idiosynkrasie, also eine spezifische Eigenart seiner Persönlichkeit darstellen mag, so hat sich ein Großteil der US-Bürger davon keineswegs abschrecken lassen, sondern wurde vielmehr davon angesprochen und hat ihm zu seinem Wahlsieg verholfen. Es mag auch sein, dass die aktuellen Interessen der USA auch mit anderen Charakteren als Trump in der Position des Präsidenten und mit anderen Vorstellungen ihrer Durchsetzung vereinbar wären, deswegen ist aber die Trump-Administration noch lange keine Verirrung der US-Politik, sondern eine genauso gut durchführbare Variante ihrer Herrschaftsansprüche an den Rest der Welt. Nur mit Heucheleien, dass es ihr um eine für die ganze Welt sinnvolle Ordnung und nicht ausschließlich um die Interessen der USA ginge, hat die Trump-Administration nichts am Hut, denn diese betrachtet sie allen Ernstes als ein Mittel, das nur schwache oder ihrer Stärke nicht bewusste Nationen ergreifen würden. Das Fazit lautet daher, dass Trump und seine Anhängerschaft sicher nicht für die imperialistischen Ansprüche der USA angesichts weltweiter Überakkumulation von Kapital notwendig oder unvermeidbar sind, diese Verwertungskrise des Kapitals jedoch nach Maßnahmen verlangt, für die Persönlichkeiten wie Trump als besonders geeignet erscheinen. Schließlich stellt Trump den Willen zur Durchsetzung nationaler Interessen demonstrativ zur Schau und hat nicht das geringste Problem damit, sich so bei den bisherigen Partnern in Europa unbeliebt zu machen und diese zu brüskieren. Er offenbart damit jene Durchsetzungsfähigkeit, welche die Weltmacht braucht, die ihre Herrschaft gefährdet sieht, weil die bisher eingerichteten Verhältnisse dem Erfolg der USA nicht dienen würden oder zumindest nicht mehr.
[1] Barack Obama, zit. n.: Die USA erneuern ihren globalen Führungsanspruch (II), in: Peter Decker (verantwortlicher Redakteur): Gegenstandpunkt 2-12, München 2012, S. 87; Übersetzung: Unsere Arbeiter sind die produktivsten auf der Erde, und falls das Spielfeld ausgeglichen ist, verspreche ich Ihnen – Amerika wird immer gewinnen.
[2] Howard Lutnick, zit. n.: Trumps Zolloffensive, in: Peter Decker: GegenStandpunkt 2-25, München 2025, S. 8
[3] Trumps Zolloffensive, a. a. O., S. 10
[4] Stephen Miran beim Hudson-Institut, 7. 4. 2025, zit. n. Trumps Zolloffensive, a. a. O., S. 9
[5] Ebd.