2026
Generalverdacht Rassismus?
Wien, 17. 9. 2026
1. Als Kulturkritik getarnter Rassismus?
Die AFD gilt vielen Linken als rassistisch, würde sich dazu aber nicht offen bekennen, sondern hinter dem Begriff der „Kultur“ verstecken. Sie lehne nicht bestimmte Rassen, sondern bestimmte Kulturen ab, behaupten ihre Repräsentanten. Der Sieger der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, wies den Vorwurf zurück, dass sich die politischen Urteile der AFD an rassischen Kriterien ausrichten. Er bezeichnete dies ausdrücklich als „Schwachsinn“, will aber schon betonen, „dass wir einfach wir selbst bleiben müssen, unsere kulturelle Identität bewahren müssen“.[1] Dies habe aber nicht unbedingt etwas mit dem Aussehen, sondern mit dem Verhalten zu tun. Die Frage sei also, ob sich jemand „wie ein Deutscher“ verhalte, wenn dieser schon in Deutschland lebt, ob er „unsere Kultur“ und „unsere Werte“ achte. Das Stadtbild von Köln habe ihm wieder gezeigt, wofür er seine Politik mache, was darauf schließen lässt, dass es nicht der Pflege „deutscher Kultur und deutscher Werte“ entsprochen haben dürfte. Ob seine Unzufriedenheit mit dem Kölner Stadtbild an der Hautfarbe oder der Kleidung der von ihm wahrgenommenen Menschen gelegen sei oder an deren Verhalten, ob vielleicht die Kultur der Müllentsorgung nicht beachtet wurde oder in der Bildung von Müllbergen bestand, lässt sich dem von 99 zu Eins zitierten Interview leider nicht entnehmen. Auch erfährt man nicht, ob er auf seiner Fahrt durch Köln in Schlägereien verwickelte Horden, Raubüberfälle oder andere Erscheinung von Gewalt erblicken musste. So viel ist aber dennoch klar: Wer sich, auf welche Weise auch immer, als Störung der Ordnung bemerkbar macht, der entspricht für Ulrich Siegmund nicht den Anforderungen deutscher Kultur.
Zur Beurteilung dieses Standpunktes wäre es sinnvoll, die Frage zu klären, worin diese Ordnung besteht, ob sie vernünftig ist oder bestimmten Herrschaftsinteressen dient, ob vielleicht sowohl Vernunft als auch diese Dienstbarkeit darin zu finden seien etc. Ganz abstrakt ist es jedenfalls nicht als unvernünftiger Herrschaftsanspruch zurückzuweisen, wenn jemand sich dafür einsetzt, dass eine Ordnung gelten soll. Und von Rassismus ist hier zunächst einmal weit und breit nichts zu sehen. Ganz anders sieht 99 zu Eins die hier zitierten Aussagen von Ulrich Siegmund. Demnach sei es ein Widerspruch, das „Deutsche“ anhand der Kultur festzumachen, da Kultur nichts anderes sei „… als das, was Leute eben in irgendwelchen Gegenden der Welt so machen, welche Sprache sie sprechen, welche Musik sie hören, welches Essen sie essen und welche Bräuche sie pflegen“.[2] Kultur bestimme sich also „durch das Verhalten, durch das Handeln von Leuten“ und sei damit durch den Willen der Menschen bestimmt, erläutert der Referent von 99 zu Eins. Da ergibt sich bereits die Frage, inwiefern das einen Widerspruch zu Siegmunds Aussage darstellen soll, wenn doch auch dieser vom Verhalten eines Menschen als dem Kriterium spricht, an dem sich dessen kulturelles Selbstverständnis festmachen lasse. Dieser Widerspruch bestehe nun darin, dass er trotz dieser Bestimmung der deutschen Kultur durch das Verhalten und den Willen schließlich „das Deutschsein auch irgendwie vom Willen getrennt sehen“ wolle, denn „sonst könnten sich ja Deutsche nicht daran vergehen“. Um sich an ihrer deutschen Kultur zu vergehen, müssten sich Deutsche nämlich „undeutsch“ verhalten, was sie aber nicht könnten, da ihr Verhalten ja erst die deutsche Kultur bilden würde. So weit, so schlicht, so schlecht.
2. Bestimmt der Wille die Kultur oder die Kultur den Willen?
Gemäß dieser Vorstellung müsste jedes beliebige Verhalten irgendeines Menschen als kulturell bestimmt, als Kultur konstituierend oder ausdrückend gelten. Es zeichnet sich aber Kultur zunächst ganz allgemein dadurch aus, dass es das von Menschen Gemachte ist, im Unterschied zum von Natur aus Gegebenen. Die Menschen kultivieren die Natur, indem sie diese ihren Wünschen und Bedürfnissen gemäß machen und erhalten. Sie verändern die vorgefundenen Lebensbedingungen und gestalten diese so, wie sie sein sollen, um ihren Bedürfnissen zu dienen. Als Kultur gilt also nicht einfach, was die Menschen machen, sondern was sie machen sollen und wovon sie überzeugt sind, dass es gut und richtig ist. Kultur ist ein Bestand an Überzeugungen und Normen, von denen abhängt, was Menschen machen und wie sie sich verhalten und handeln sollen. Ob diese Normen vernünftig sind oder einen Herrschaftsanspruch stellen, welchem sich zu beugen für viele keineswegs vernünftig wäre, ist eine andere Frage. Da Kultur aber eine Bestimmung dessen ist, was sein soll und was es zu beachten gilt, lässt sich die Behauptung nicht aufrecht erhalten, dass man als Deutscher gar nicht gegen die deutsche Kultur verstoßen könne, weil jedes beliebige Verhalten eines Deutschen sofort in diese Kultur eingehe oder sie widerspiegle. Mit dem Begriff der „deutschen Kultur“ stellt Siegmund eben Normen auf, Ansprüche auf das Verhalten und Handeln der Menschen, die diese erfüllen sollen, wenn sie in Deutschland leben. Es ist daher prinzipiell jedem möglich, gegen diese Normen zu verstoßen, völlig unabhängig davon, ob jemand hier geboren oder zugewandert ist. Solche Normen können natürlich auch Kritiken hervorrufen, auf deren Basis sich auch ganze Subkulturen als Gegenentwurf bilden und die herrschenden Normen herausfordern, damit ist jedoch noch überhaupt nichts darüber gesagt, welche Normen nun gelten sollen, ob die einer herrschenden oder einer Subkultur vorzuziehen seien. Die Entscheidung darüber betrifft allerdings Fragen des richtigen Lebens und Zusammenlebens und stellt sicherlich keine bloße Geschmacksfrage dar, wie 99 zu Eins mit dem Hinweis auf sich verändernde Nahrungsvorlieben als Beispiel für kulturellen Wandel suggeriert. Hier gibt es vor allem eine Gruppe, die den Verzehr eines bestimmten Nahrungsmittels nicht erträgt, nämlich Muslime, die der Anblick von Schweinefleisch essenden „Ungläubigen“ ekelt. Diese haben auch sehr klare Vorstellungen davon, was zu geschehen habe, wenn jemand gegen Normen des islamischen Glaubens verstößt, würden es also niemals akzeptieren, wenn man ihnen erklären wollte, dass ein Muslim gar nicht dagegen verstoßen könne, weil alle seine Handlungen von vornherein ein Beitrag zum Islam seien.
Wie das Leben der Menschen eingerichtet ist, hängt von kulturellen Einrichtungen ab, die sich über Generationen entwickelt haben. Es gibt also einen kulturellen Bestand, der gepflegt werden muss, wenn er nicht verloren gehen soll. Das setzt natürlich voraus, dass die Nachkommen der früheren Generationen deren kulturelle Überzeugungen und Institutionen für sinnvoll, vernünftig und richtig halten. Es obliegt der Generation ihrer Eltern und Großeltern, den Nachweis zu erbringen, dass die Bewahrung ihres kulturellen Vermächtnisses auch den Bedürfnissen ihrer Kinder und Enkel dient. Dass die Geltung der herrschenden Kultur oder mancher ihrer Normen und Einrichtungen immer auch von den Nachkommen herausgefordert wird und dadurch neue kulturelle Entwicklungen angestoßen werden können, trifft sicher zu. Ebenso kann eine kategorische Negation alles Bestehenden aber auch zu Irrwegen führen, die nicht einfach deswegen schon hinzunehmen sind, weil sie dem Willen bestimmter Menschen entsprechen und eben den kulturellen Wandel ausmachen würden. Den kulturellen Bestand, der sich als Resultat früherer Willensäußerungen ergeben hat und den Menschen der Gegenwart als Normen und Institutionen gegenübersteht, kann man jedoch durchaus als vom Willen der Menschen zunächst unabhängige Kultur bezeichnen. Siegmunds Vorstellung einer vom Willen der Menschen unabhängig bestehenden, weil bereits vorgefundenen Kultur ist daher nicht von vornherein als rassistisch zu verwerfen. Diese müssen die nachfolgenden Generationen sich zwar erst aneignen, pflegen, weiterentwickeln oder auch zumindest teilweise verwerfen, die junge Generationen müssen überzeugt davon sein, dass sie kulturelle Traditionen fortsetzen wollen. Überzeugungen und Normen kultureller Institutionen müssen also erst zum Inhalt ihres Willens werden, wenn sie weiterbestehen sollen, sie werden aber nicht beliebig von diesem Willen hervorgerufen oder durch individuelle Launen bestimmt und ersetzt, denn es wäre auch alles andere als vernünftig, gemäß solcher Willkür zu verfahren.
3. Naturalisierte Kultur als Begründung des Rassismus
Rassistisch wäre dieser Kulturbegriff nur dann, wenn Siegmund Kultur deswegen als unabhängig von den Überzeugungen und dem Willen der Menschen auffassen würde, weil deren Kultur durch ihre Natur bestimmt wäre, was ohnehin einen Widerspruch in sich darstellt. Nur dann wäre diese Kultur auch als „unhintergehbar“ (2:30), also als etwas Unvermeidbares und Determinierendes vorausgesetzt, wie der Referent von 99 zu Eins es bereits jeder Vorstellung einer Kultur unterstellt, die nicht allein aus unmittelbaren, reinen Willensakten entsteht und besteht. Der Referent nennt dies eine Naturalisierung (2:38), da als natürliche Gegebenheit bestimmt würde, was allein auf Willensentscheidungen beruhe. Eine dem Willen vorgelagerte Identität würde Siegmund demnach postulieren, die vom Willen „unabhängig quasi per Natur existiert“ (3:14), wenn er die Bewahrung einer deutschen Kultur fordere. Die Vorstellung, dass Kultur aus der Überzeugung von der Notwendigkeit der Geltung bestimmter Normen bestehen könnte, ist diesen Ausführungen von 99 zu Eins völlig fremd. So kommt der Referent zu dem abschließenden Urteil: „Diese Naturalisierung von Verhalten ist Rassismus.“ (3:29) Das wäre sicher richtig, wenn es denn so wäre, dass es sich hier um eine Naturalisierung handeln muss. Dafür erkenne ich aber in dem, was ich bisher von der AFD mitbekommen habe, keine Anhaltspunkte. Damit wird der Standpunkt Siegmunds allerdings durch einen Strohmann ersetzt, auf den sich bequem einprügeln lässt. Statt mir rassischen Kriterien zu argumentieren, würde Siegmunds Rassismus „mit der naturalisierten Kultur daherkommen“ (6.59). So wird dessen Kritik am Kölner Stadtbild auch ohne weiteren Beweis auf den „Phänotyp“ (4:48), also das Aussehen der Menschen in der Stadt zurückgeführt. Vielleicht hat ihn ja nur eine Ansammlung von Salafisten, die das Kalifat durchsetzen und öffentlich beten wollen, dafür aber ganz sicher queerfeindlich sind, gestört oder er hat sich umgekehrt an stolz ihre queere Existenz zur Schau stellenden Personen gestoßen – man erfährt es leider nicht. Natürlich kann es auch sein, dass ihm zu viele Frauen im Hijab unterwegs waren, anstatt Lohnarbeit zu verrichten. Sollte man für diese Demonstration religiöser Borniertheit aber Partei ergreifen, nur weil sie auch der AFD missfällt, die im Widerspruch dazu das Christentum als Ideologie zur Rechtfertigung weltlicher Herrschaft durch göttliche würdigt und schätzt?
Am Schluss seines Kommentars erwähnt der Referent von 99 zu Eins noch etwas Richtiges, nämlich dass die Menschen in eine Klassengesellschaft geboren werden, die sie sich nicht ausgesucht haben. Dazu ist noch anzumerken, dass auch diese Ordnung nicht einfach dem Willen der Menschen entspringt oder durch den Willen einzelner Individuen gebildet wird und ebenso außer Kraft gesetzt werden könne. Dennoch muss auch eine bestehende Herrschaft wie die bürgerliche erst von den Menschen angenommen und gewollt werden, genauso wie die Formen der Bewältigung der mit einer Klassengesellschaft verbundenen Konflikte, die ihnen als Anforderungen ihrer Kultur gelten. Ob die Menschen hier Kulturen der Rechtfertigung dieser Gesellschaftsordnung und des darüber wachenden und herrschenden Staates übernehmen oder Formen der Kritik und des Widerstands in Subkulturen bilden, ist weder durch ihre ethnische Zugehörigkeit noch durch ihre Klassenlage determiniert. Die Freiheit, sich darüber Klarheit zu verschaffen, ob die herrschenden Verhältnisse vernünftig sind oder nicht, können weder gesellschaftliche noch kulturelle Normen beseitigen. Deswegen bemühen sich ja auch staatliche Institutionen wie die Schulen und die Propaganda-Organisationen diverser Interessenvertretungen wie der Industriellenvereinigung darum, die aus ihrer Sicht „richtigen“ Überzeugungen in den Köpfen der Menschen zu verankern.
4. Lässt sich der Kapitalismus nur als Rassismus kritisieren?
Angesichts dieses Kommentars zu Ulrich Siegmunds Begriff einer deutschen Kultur stellt sich noch die Frage, worin das Anliegen besteht, die AFD des Rassismus zu bezichtigen und zu überführen, auch wenn 99 zu Eins diese Kritik nicht auf die AFD beschränkt, sondern diese auch für deren Gegner gelten soll, die sich vor den Lockrufen der AFD durch eine „Brandmauer“ schützen wollen. So mag es zwar durchaus zutreffen, dass Politiker wie Siegmund die eigene Nation per se und von vornherein als „gut“ oder „überlegen“ betrachten und deswegen etwas gegen Ausländer haben, unabhängig davon, wie diese denken und handeln. Auch die Behauptung, dass Rassismus auf der Auffassung der Vortrefflichkeit der eigenen Nation beruht (7:30), trifft sicher zu. Mein Einwand ist nur, dass diese Haltung aus der Argumentation Ulrich Siegmunds, die in diesem Video präsentiert wird, nicht abzuleiten ist. Rassismus beruht zwar auf der Herrschaft einer nationalen Klassengesellschaft, ist für diese aber nicht zwingend erforderlich. Umgekehrt ist es auch für die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft nicht erforderlich, dass dieser Rassismus und Faschismus nachgewiesen werden. Im Gegenteil, es stellt vielmehr eine Affirmation der bürgerlichen Gesellschaft dar, wenn ihr Rassismus vorgeworfen wird, als wäre gegen sie gar nichts einzuwenden, wenn sie sich nur dieser „Unart“ enthalten würde. Es wird schon so sein, dass die Bürger in ihrem Interesse daran, andere Bürger als potentiell nützlich oder feindlich einzuordnen, zu rassistischen Kriterien greifen und z. B. zur Beurteilung der Bewerber um Arbeitsplätze einsetzen. Nur ist überhaupt nichts damit gewonnen, wenn sie bei der Besetzung von Arbeitsplätzen allein darauf achten, ob die Bewerber deren sachlichen Erfordernissen entsprechen, denn diese sind keineswegs bekömmlich, da es darum geht, möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Lohn zu leisten.
Daran will ja auch ein Herr Siegmund nichts ändern, sondern ganz im Gegenteil dafür sorgen, dass sich aus dem Ausland nur solche Menschen in Deutschland ansiedeln, die diesen Kriterien entsprechen und nicht nur hinzunehmen bereit sind, sondern als vortreffliche Chance begreifen, für die sie Deutschland Dankbarkeit schulden würden. Der AFD deswegen mit dem Vorwurf des Rassismus und mit der Faschismuskeule zu kommen, betreibt nur das Geschäft der Regierungsparteien, die sich dafür rühmen, diese Kriterien ganz ohne rassistische Einflüsse zu beherzigen und durchzusetzen. So wird Faschismuskritik nur zur Affirmation des Status Quo bürgerlicher Herrschaft, die auf faschistische Formen ihrer Stabilisierung verzichten zu können meint, solange sie sich ihrer sicher ist. Dass diese Sicherheit im Wanken ist, zeigt ihr Vorgehen gegen Kritik an der Unterstützung der Ukraine in ihrem Krieg gegen Russland, wobei es einen besonderen Treppenwitz der Geschichte darstellt, dass die elenden Grünen ihre Kriegstreiberei für antifaschistischen Widerstand halten.
[1] Ulrich Siegmund: Rassismus ohne „Rasse“? – 99 zu eins, https://www.youtube.com/watch?v=QI6J5PBzVaw&t=7s, am Beginn des Videos, aufgerufen am 17. 9. 2026
[2] Ebd., ab 1:10; alle weiteren Stellenangaben in Klammern im Text.
Die Ideologie der Überbevölkerung
Wien, 28 8. 2026
1. Der Mensch als Krebs der Erde?
Eine konservative Journalistin, deren Name mir entfallen ist, hat in den frühen 1990er-Jahren die zynische Bemerkung gemacht, dass „ein bisschen Dreck“ den Menschen gut zu bekommen scheint, nachdem deren Lebenserwartung steigt. Trotz der mit verschiedenen Giftstoffen belasteten Luft, verschmutzten Wassers und anderer Umweltschäden leben die Menschen im Durchschnitt länger und werden immer älter. Zwar ist vermutlich auch dieser Dame bekannt, dass aus einer Korrelation keine Kausalität folgt, dass also das gleichzeitige Auftreten schädlicher Umwelteinflüsse und einer längeren Lebensdauer keinen kausalen Zusammenhang bildet, aber zur Relativierung des Schadens, den die kapitalistische Produktion den natürlichen Grundlagen des menschlichen Reichtums bereitet, hat sie ihre Aussage wohl besonders witzig gefunden. Es könne ja nicht so schlimm mit der Vernichtung dieser Grundlagen sein, wenn die Menschen dennoch länger leben, weil die Fortschritte der Medizin diese Schäden überkompensieren.
Seither hat dieser „bekömmliche Dreck“ sich als so gut für die Menschen erwiesen, dass die Weltbevölkerung weiterhin gewachsen ist und dieses Wachstum von einem Rekord zum nächsten schreitet. So manchem gelten diese Menschen nun als der Dreck, der keineswegs allen gut bekommt, denn vor allem Mutter Erde soll unter diesen Menschenmassen und ihrem Zerstörungswerk ganz besonders leiden. Kaum jemand hat das so deutlich wie Cioran in den folgenden Worten ausgesprochen: „Massakrierte Bäume. Häuser erheben sich. Schnauzen, Fratzen überall. Der Mensch wuchert. Der Mensch ist der Krebs der Erde.“[1] Der Raubbau an der Natur, die „Auslaugung des Bodens und eine zu intensive, mechanisierte und industrialisierte Landwirtschaft, die hauptsächlich den Exportbedürfnissen der Staaten Rechnung trägt“,[2] sowie die damit einhergehende Versteppung bis hin zur Wüstenbildung (Desertifikation) scheinen Cioran auf den ersten Blick Recht zu geben. Hunger, erschöpfte Böden und Verwüstung wären demnach die Folge davon, dass zu viele Menschen zu lange leben und daher mehr konsumieren würden, als an natürlichem Reichtum vorhanden sei. Dadurch komme es zu Kriegen um die knappen Ressourcen, in denen gemäß dieser Denkweise wohl nicht genug Menschen sterben, um der Natur eine Atempause zur Regeneration zu verschaffen.
2. Für welchen Zweck ist die Bevölkerung zu viel?
Früher Tod durch Krieg oder Hunger gelten demnach allen Ernstes als Resultat einer übervölkerten Erde, die nicht einmal genügend Menschen vernichten würden, um ein Gleichgewicht zwischen den verfügbaren Ressourcen und den auf diese angewiesenen Menschen wiederherzustellen; deswegen müssten weiterhin jedes Jahr allein an den Folgen von Hunger und Unterernährung viele Millionen Menschen, darunter ein Großteil Kinder, weltweit sterben: Wie die steigende Fettleibigkeit (Adipositas) der Menschen in imperialistischen Metropolen zu diesem Urteil passt, ist eine Frage, die hier wohl einfach ignoriert wird. Dort erbauen sich die herrschenden Eliten nach wie vor an der Ideologie der natürlichen Selektion und an Malthus‘ Bevölkerungsgesetz: „Die Fatalität des Hungers wird als probates Mittel gegen die Übervölkerung des Planeten begriffen. Der Hunger wird als Instrument der Geburtenkontrolle betrachtet. Die Stärksten überleben. Die Schwachen sterben. Natürliche Selektion.“[3] Dieser „natürlichen Selektion“ hat sich das Sowjetreich viel zu lange widersetzen können und musste wohl von den imperialistischen Nationen vernichtet werden, damit dieses „Bevölkerungsgesetz endlich wieder zur Geltung kommen konnte: So lag 1997 „die durchschnittliche Lebenserwartung der Bewohner der Russischen Föderation (…) weit unter der aller anderen Bewohner Europas oder Nordamerikas, während die Situation vor 1991, dem Jahr des Untergangs der Sowjetunion, für Russen, Europäer und Amerikaner etwa gleich war“.[4] Gegen die sieben Jahre Kapitalismus seit der Selbstaufgabe der Sowjetunion scheint diese tatsächlich das „Arbeiterparadies“ gewesen zu sein, ein Anspruch, für welchen sie im Westen verhöhnt worden war.
An Jean Zieglers Hinweis auf die Auslaugung der Böden durch eine für Exportbedürfnisse eingerichtete und Monokulturen betreibende Landwirtschaft lässt sich allerdings bereits erkennen, dass die sogenannte „Übervölkerung“ der Erde auf spezifischen gesellschaftlichen Interessen beruht. Nur für ihre Subsistenz wirtschaftende, dafür aber den Boden kultivierende und nachhaltig produzierende Bauern kosten den Staat zwar nichts, bringen ihm aber auch nichts. Der will erstens eine über den Bedarf seiner Untertanen hinausgehende Produktion durchsetzen, von der er zumindest einen Anteil durch Steuern einziehen kann, der zweitens am besten aus Exporten stammt, mit deren Erlös er die Mittel zur Steigerung seiner Macht in der ganzen Welt einkaufen kann. Dafür nimmt er auch die Auslaugung seiner Böden bis zu einem gewissen Grad in Kauf, hält sie womöglich für eine vorübergehende Erscheinung, die sich leicht wieder durch entsprechende Bewässerungsmaßnahmen oder diversifizierte Bepflanzungen beheben lassen würden. Dass hier einiges möglich wäre, lässt sich bereits in dem Buch von Jean Ziegler nachlesen, das bereits 1999 zum ersten Mal erschienen ist. So „liegen unter der Wüste riesige Seen, Grundwassermeere von Süßwasser, aus der Zeit als die Sahara noch ein blühender Garten war. Dieses Grundwasser könnte mittels moderner Pumptechnik gehoben und als Irrigationswasser der Landwirtschaft zugeführt werden. Das nachbarliche Libyen beweist, wie relativ einfach ein solches Unterfangen ist: Dank seiner Erdölmilliarden ließ Muammar Ghadafi seinen »Great River« anlegen. Vier riesige Röhren bringen über mehr als tausend Kilometer das Wasser aus der libyschen Zentralwüste in die Landwirtschaftszonen rings um den Golf von Syrthe.“[5] Dann würden diese Gebiete und die sich auf diese stützenden Staatsgewalten allerdings nicht mehr von den imperialistischen Metropolen abhängig sein und für deren Interessen Waren exportieren, weswegen ja auch Ghadafis „Schreckensherrschaft“ möglichst schnell beseitigt werden musste.
3. Genügend Kriegsmittel, aber zu wenig Nahrungsmittel?
Dabei sind die Kriege gerade ein Hinweis darauf, dass es sicher nicht zu wenig natürlichen Reichtum für die Ernährung der Menschen gibt. Eine Gesellschaft muss nämlich sehr reich sein, um Kriege führen zu können. Da müssen zum einen die Nahrungsmittel für die Soldaten zur Verfügung stehen, aber auch die enormen Waffenarsenale, die im Krieg zum Einsatz kommen, werden ja durch Arbeit hergestellt, die besser für die Nahrungsmittelproduktion und die Kultivierung des Bodens eingesetzt würde, wenn es darum ginge, Hunger und Unterernährung zu vermeiden. Wenn man noch bedenkt, was alles an Reichtum durch Krieg vernichtet wird und wie sehr dadurch die Natur geschädigt wird, dann erweist es sich als besonders lächerlich, ein Übermaß an Menschen für die Belastung der Erde verantwortlich machen zu wollen, die das durch Mülltrennung kompensieren sollen! So stellt Birgit Mahnkopf in einem Vortrag am 1. 7. 2022 in Wien fest, dass die Neuausrichtung der Energieversorgung als Reaktion Europas auf den Ukraine-Krieg „eine umweltpolitische Kriegserklärung an die biophysischen Systeme der Erde“[6] darstellt. Da können sich Ahnungslose noch so sehr an irgendwelchen Kunstwerken vergehen oder an Straßen festkleben …
Trotz des keineswegs pfleglichen Umgangs mit den natürlichen Bedingungen der Produktion stellt Jean Ziegler 2024 im Vorwort seines Buches fest, „dass die globale Landwirtschaft bei ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstand problemlos 12 Milliarden Menschen, mit anderen Worten: um die Hälfte mehr als die gegenwärtige Weltbevölkerung, ernähren könnte“,[7] wenn dem nicht die herrschenden Mächte im Wege stünden, wie das bereits erwähnte Beispiel der Monokulturen für Exporte gezeigt hat.
Sollte sich ein Staat dem Zugriff der wirtschaftlichen Interessen imperialistischer Staaten entziehen, wissen diese schon dafür zu sorgen, dass es nicht dabei bleibt. Ein Beispiel dafür ist Burkina Faso, das 1983 Verwaltungs- und Sozialreformen, darunter vor allem eine Landreform, durchführte und dadurch folgende Resultate hervorbrachte: „Innerhalb von nur vier Jahren war die Agrarproduktion drastisch gestiegen, die Staatsausgaben gesunken, und das dadurch freigesetzte Kapital war in erster Linie in den Straßenbau, kleine Bewässerungsdämme, die landwirtschaftliche Ausbildung und das örtliche Handwerk investiert worden.“[8] Dadurch konnte sich Burkina Faso selbst mit Lebensmitteln versorgen. Dieser Erfolg barg natürlich die Gefahr der Nachahmung in Ländern, deren Herrschaft bestimmte Mächte in Frankreich unbedingt erhalten wollten, und so wurde die politische Führung dieser Reformen durch einen militärischen Putsch gewaltsam beseitigt, damit wieder die davor bestehenden „paradiesischen“ gesellschaftlichen Zuständen hergestellt werden konnten, darunter „die extreme Abhängigkeit vom Ausland, die chronische Unterernährung im Norden“[9] etc. Damit wurde auch die Bevölkerung von Burkina Faso wieder der „natürlichen Selektion“ unterworfen, die bald darauf auch der Sowjetunion beschert wurde.
4. Moralische Höchstleistungen der Verdammung der Menschen als Krebsgeschwür
Gemessen an den wirtschaftlichen Interessen des globalisierten Kapitalismus gibt es nun eine „Überbevölkerung“ von Elendsgestalten, an denen die herrschenden Mächte von Staat und Kapital keinen Bedarf haben. Diese zum Krebs der Erde zu erklären, zu einem unwerten, schädlichen Leben, das nichts anderes als die Zerstörung der Natur hervorbringe, führt die bürgerliche Moral zu ganz besonderen Glanzleistungen. Krieg und Hunger werden von ihr zu Notwendigkeiten der Beseitigung dieses Krebses erklärt, die leider hinzunehmen seien. Wer das nicht einsehen wolle, der flüchte sich in Utopien, weil es ihm an der notwendigen Härte zur Selbstbehauptung seines Lebens fehle. In Wirklichkeit ignoriert dieses Urteil die Zerstörung des natürlichen Reichtums durch die kapitalistische Produktionsweise, die gegen ihre eigenen Grundlagen rücksichtslos ist, wenn sie nicht der Staat daran hindert. Wer dieses Zerstörungswerk der menschlichen Natur zuschreibt, dem bietet sich als Alternative der Weg der schönen Seele an, die durch asketischen Rückzug bis zur Selbstvernichtung dem unheilvollen Wirken ihres menschlichen Daseins Einhalt gebieten will. Umgekehrt lässt sich auch der Schluss ziehen, dass es keinerlei Zurückhaltung und auch keinerlei Maßnahmen zur Kultivierung des Bodens bedürfe, weil das menschliche Leben es nicht vermeiden könne, zum Krebs der Erde zu werden.
Ein anderer Übergang der Bestimmung des Menschen als Krebsgeschwür besteht darin, dass deswegen jede Gewalt gerechtfertigt sei, weil sie ja ohnehin nur den „Krebs der Erde“ beseitigen würde. Niemand brauche daher Skrupel bei der Anwendung von Gewalt und beim Morden zu haben, weil ja dadurch ohnehin nur als schädlicher Krebs wuchernde Menschen sterben! Allerdings ist diesem Standpunkt die Vernichtung dieser Menschen noch nicht der Zweck, sondern nur eine unbeschwert hingenommene Begleiterscheinung, die Menschen dieser Haltung als nicht weiter bedauerlichen Kollateralschaden bei der Durchsetzung ihrer Interessen betrachten. Diesen Schaden zum Zweck zu machen, ist jenen vorbehalten, die sich der Bekämpfung dieses Krebsgeschwürs verschrieben haben und dadurch Mutter Erde zu retten versuchen. Statt nur als schöne Seele durch asketischen Lebenswandel ein Vorbild zur Schonung von Mutter Erde abzugeben, wollen sie jene „schlechten Menschen“ vernichten, die sich ihrem Schutzprogramm entziehen und so weiterleben wie bisher. Beispiele dafür sind militante Veganer, welche die Menschen gerne jenen Schlachtungsmethoden unterwerfen würden, die in der kapitalistischen Fleischproduktion herrschen. Diesen schlechten Menschen würde jede Grausamkeit als gerechte Strafe gebühren, denken solche hartherzigen Subjekte, die in ihrem Kampf gegen das vermeintlich Böse genau zu jenen Gestalten werden, die sie zu bekämpfen glauben. Wer über diese moralischen Charaktere der schönen Seele, der skrupellosen Gleichgültigkeit und der hartherzigen Bösartigkeit ausführlicher unterrichtet werden will, sei auf die entsprechenden Seiten in meinen Büchern verwiesen: Ewig lockt die Bestie, S. 92–104, und Das narzisstische bürgerliche Subjekt, S. 62–68.
[1] Emil M. Cioran: Vom Nachteil geboren zu sein, Frankfurt am Main 1979, S. 136
[2] Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt? Antworten auf die Fragen meines Sohnes, Kindle E-Book, München 2024, S. 119
[3] Ebd., S. 47
[4] Ebd., S. 41
[5] Ebd., S. 159
[6] Birgit Mahnkopf: „Von der Globalisierung zur Geopolitik – Herausforderung für Europa“; https://www.youtube.com/watch?v=UjONY7kvQVo (Zitat ab 1:10:39); aufgerufen am 1. 9. 2026
[7] Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt?, a. a. O., S. 13; vgl. auch S. 44
[8] Ebd., S. 136
[9] Ebd., S. 138
Der totalitäre Rassismusverdacht des Wokeismus
Wien, 27. 6. 2026
1. Was ist Rassismus?
Was Rassismus ist, scheint heutzutage jeder zu wissen, da der Vorwurf des Rassismus oft geäußert wird und der Staat sogar eigene Einrichtungen unterhält, um rassistische Vorfälle zu protokollieren, sogenannte Antidiskriminierungsstellen samt angeschlossenen Hotlines, in Wien z. B. der Verein ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. Dieser protokolliert angebliche rassistische Vorfälle, wofür allerdings die Anzeige vermeintlich davon betroffener Menschen genügt und meines Wissens nicht überprüft wird, ob diese Person sich irrt oder einen Konflikt zu Unrecht als rassistisch motiviert beurteilt. Da kann sich jemand genauso gut nur verfolgt fühlen, weil er sich einer Minderheit zurechnet, allein dass so jemand einen Vorfall behauptet, genügt schon, damit dieser als weiterer Fall von Rassismus protokolliert wird. Im Report 2025 findet sich gleich auf S. 11 die Schilderung eines Ereignisses, in dem ein Schüler das N-Wort benutzt haben soll, nachdem er von dem angeblich auf diese Weise beschimpften Schüler „geschubst“ worden sei. Da frage ich mich schon, sofern es sich wirklich nur um ein „Schubsen“ gehandelt und die Beschimpfung tatsächlich stattgefunden haben soll: Ist verbale Gewalt schlimmer als körperliche? Niemand scheint sich auch nur die Frage zu stellen, ob die Behauptung einer Beleidigung nicht auch nur vorgetäuscht sein könnte, in diesem Fall etwa zu dem Zweck, von der eigenen Aggression abzulenken oder diese sogar als angemessen zu rechtfertigen. Solche Gedanken sind geradezu tabu, da sie einer Relativierung des Rassismus dienen würden, der allein dadurch als bewiesen gilt, dass jemand behauptet, rassistisch beleidigt worden zu sein.
Es trifft sich also ganz gut, dass niemand so genau weiß, was Rassismus eigentlich ist und wo er herrscht, nachdem er auch dort zu finden sein soll, wo er sich nicht offen dazu bekennt. Da hatte es Marx noch einfacher, der im Kapital in den Äußerungen des Advokaten O’Conor einen eindeutigen Fall von Rassismus präsentiert:
„»Now, gentlemen«, sagte er unter großem Applaus, »die Natur selbst hat den Neger zu dieser Knechtschaftslage bestimmt. Er hat die Stärke und ist kräftig zur Arbeit; aber die Natur, die ihm diese Stärke gab, verweigerte ihm sowohl den Verstand zum Regieren, wie den Willen zur Arbeit.« (Beifall.) »Beide sind ihm verweigert! Und dieselbe Natur, die ihm den Willen zur Arbeit vorenthielt, gab ihm einen Herrn, diesen Willen zu erzwingen und ihn in dem Klima, wofür er geschaffen, zu einem nützlichen Diener zu machen, sowohl für sich selbst, wie für den Herrn, der ihn regiert. Ich behaupte, daß es keine Ungerechtigkeit ist, den Neger in der Lage zu lassen, worin die Natur ihn gestellt hat; ihm einen Herrn zu geben, der ihn regiert; und man beraubt ihn keines seiner Rechte, wenn man ihn zwingt, dafür auch wieder zu arbeiten und seinem Herrn eine gerechte Entschädigung zu liefern für die Arbeit und Talente, die er anwendet, um ihn zu regieren und ihn für sich selbst und für die Gesellschaft nützlich zu machen.«“[1]
Herrschaft hat eben ihren Preis, vor allem für diejenigen, die ihr unterworfen sind! Der Herr erhält also nur seine „gerechte Entschädigung“ dafür, dass er „den Neger regiert“ und ihm zeigt, wo es entlanggeht, weil der weder den Willen noch den Verstand hätte, seien Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Genauso gilt der Profit des Kapitals als dessen gerechter Lohn für die vielen Arbeitsplätze, mit denen es die Menschheit beglückt, als wüssten diese sonst gar nicht, wie sie überleben könnte. Diese Rechtfertigung der Ausbeutung scheint sich heutzutage als links verstehende Menschen aber weniger zu stören als der Gebrauch des Wortes „Neger“, als wäre das alles halb so schlimm, wenn stattdessen wenigstens von „Afroamerikanern“ die Rede wäre, noch besser natürlich: „Afroamerikaner:innen“! Was will man auch von „Linken“ erwarten, die als Wesen einer linken politischen Gesinnung bestimmen, queerfreundlich und weltoffen zu sein sowie die Menschenrechte zu beachten? Einfach ein guter Mensch zu sein, würde Linke auszeichnen, während eine rechte politische Haltung darin bestehe, faschistisches Gedankengut zu vertreten. Müssten sie inhaltlich genauer ausführen, was sie unter Letzterem verstehen, würden sie vermutlich ohnehin nur die Negation all dessen anführen, was sie gerade als links bezeichnet haben, also gegen LGBTQ+, die Welt und alles „Fremde“, als Fremdenfeind auch ein Rassist und als solcher natürlich gegen Menschenrechte. Eine Konsequenz der bürgerlichen Gegensätze innerhalb der Nationen und zwischen diesen wollen sie im Faschismus nicht erkennen, weil sie auch nicht das geringste Interesse daran haben, sich einen Begriff von der bürgerlichen Gesellschaft zu machen. Es ist ja auch viel einfacher, die Einhaltung politisch korrekten Verhaltens zu fordern und zu erwarten, dass die bürgerliche Konkurrenz sich dadurch in Harmonie verwandle. Genauso ist es einfacher, Rassismus abzulehnen als zu erklären. Was aber ist nun unter Rassismus zu verstehen? Liegt dieser auch dann vor, wenn sich materielle Unterschiede zwischen den Menschen ergeben?
Der bürgerliche Staat spricht sich ganz klar dagegen aus, dass sich ethnische Unterschiede als Ursache sozialer und materieller Unterschiede auswirken. Er lehnt eine Sortierung der Menschen anhand ethnischer, geschlechtlicher oder religiöser Kriterien explizit ab. Nur die Leistungsfähigkeit als Privateigentümer, die Durchsetzung in der Konkurrenz will er als Ursache gesellschaftlicher Unterschiede zwischen den Bürgern gelten lassen, die damit auch gerechtfertigt sein sollen. Dass hier manche Menschen den Übergang machen, solche Unterschiede auf äußere Merkmale wie die Physiognomie und die Pigmentierung verschiedener Ethnien zurückzuführen, weist der bürgerliche Staat unter Strafandrohung zurück, genauso wie die Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Religion. Es käme allerdings auch kein Mensch auf solche Gedanken, wenn es nicht die ganz real und objektiv eingerichteten Unterschiede der Bürger anhand des Eigentums, über das sie verfügen, gäbe. Dieses beschränkt sich eben bei einem Großteil auf die Verfügung über ihre Person und die Leistungen, die sie für jene zu vollbringen imstande sind, die über die Mittel der Produktion und der Gewalt verfügen, also für Kapital und Staat. Die mit diesen Mitteln herrschenden Personen müssen auch gar nicht auf dem Gebrauch der Bezeichnung „Neger“ insistieren, um ihre Herrschaft als Dienstleistung auch für Menschen dunkler Hautfarbe auszugeben. Diese wären schließlich ohne ihre Anweisungen genauso verloren und zum Untergang verdammt wie die übrigen lohnabhängigen Bürger, egal ob weiblich, männlich, muslimisch oder ohne Religionsbekenntnis. Nicht einmal ihr Selbstverständnis als elitäre Persönlichkeiten mit besonderen Fähigkeiten gilt den Führern von Staat und Kapital als Rassismus, schließlich würden sie doch nur Gutes tun, wenn sie die darauf angewiesenen Massen mit Arbeitsplätzen und Gesetzen versorgen.
2. Rassismuskritik statt Kapitalismuskritik
Da in der bürgerlichen Gesellschaft die meisten Menschen nur dann ein Einkommen erlangen, wenn sie dem Reichtum des Kapitals dienen, herrscht in der Regel ein großer Andrang um die für diesen Zweck eingerichteten Arbeitsplätze. Da wird es auch kaum ausbleiben, dass im Zweifelsfall auch solche Kriterien für die Auswahl der Kandidaten herangezogen werden, die offiziell keine Rolle spielen dürfen, etwa ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, ob ein Migrationshintergrund besteht oder nicht. Nun aber nicht die Nötigung zum Dienst an Kapital und Staat zu kritisieren, sondern die ungleiche Betroffenheit von dieser Nötigung gemäß ethnischer oder anderer „unsachlicher“ Kriterien, führt keineswegs zu vernünftigen Urteilen. Was wäre denn damit gewonnen, wenn sich die verschiedenen Kategorien proletarischer Armut, von Angestellten auf der mittleren Führungsebene über Facharbeiter, weniger qualifizierte Hilfsdienste bis hin zu Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Obdachlosen, gemäß ihrem Anteil an der nationalen Bevölkerung auf die verschiedenen Ethnien oder Religionen verteilen würden? Ändert es etwas an der Armut, wenn diese schön ausgewogen über verschiedene Bevölkerungsgruppen verteilt ist? Hätte man nichts mehr gegen den Kapitalismus einzuwenden, wenn sich darin keinerlei Rassismus entdecken ließe? Wäre der Kapitalismus demnach eine brauchbare Einrichtung, wenn nur nicht immer der Rassismus die allgemeine Harmonie trüben würde? Diesen Schluss scheint der Wokeismus zu ziehen, der sich von Rassismus umzingelt und diesen auch dort zu entdecken glaubt, wo er nicht offenkundig ist und daher als „strukturell“ oder „institutionell“ gilt, wenn z. B. nur wenige Personen einer bestimmten Ethnie Führungspositionen innehaben, sich hingegen sehr zahlreich in den unteren Rängen der kapitalistischen Hierarchien einfinden.
Es verdunkelt die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse eher bzw. unterbleibt die Kritik an diesen, wenn über Rassismus geklagt wird, ohne einen Bezug zum Kapitalismus herzustellen. Max Horkheimers Aussage über den Faschismus lässt sich auch auf den Rassismus anwenden: Wer nicht vom Kapitalismus sprechen will, der soll auch vom Rassismus schweigen! Wer sich aber Armut nur als Resultat rassistischer Diskriminierung vorstellen kann, der sucht eben nach verborgenen und versteckten Formen von Rassismus, nachdem sich kaum jemand noch offen als Rassist bekennt und offenkundiger Rassismus am ehesten bei unmaßgeblichen Leuten anzutreffen ist, als unerfüllte Forderung nach einer privilegierten Zuteilung von Arbeitsplätzen für national verwurzelte Bürger, die überhaupt nicht einsehen wollen, dass das Kapital diesbezüglich nicht so wählerisch ist wie sie. Die Konflikte, Anstrengungen und Enttäuschungen der bürgerlichen Konkurrenz will der Wokeismus aber nicht als Normalität der bürgerlichen Gesellschaft begreifen, stattdessen verlangt er, dass die Menschen wachsam, „woke“, auf rassistische Tendenzen auch bei sich selbst zu achten hätten, die allein dadurch gegeben seien, dass es zu den geschilderten Zerwürfnissen und Schäden kommt. Hier zeigt der Wokeismus Merkmale von totalitären Bewegungen, die im Falle des Nationalsozialismus nach weiteren Formen unwerten Lebens, im Stalinismus nach absterbenden Klassen und verborgenen Klassenfeinden Ausschau hielten. So wurden 1941 auch Polen den Nürnberger Gesetzen und der Kennzeichnungspflicht durch ein am Gewand angebrachtes P unterworfen „und Hitler selbst beschäftigte sich in den gleichen Jahren mit großangelegten Plänen zur »Gesundung« des deutschen Volkskörpers, denen zufolge alle organisch Erkrankten, vor allem Lungen- und Herzkranke, mitsamt ihren Familien eliminiert werden sollten“.[2] Ebenso fahndet nun der Wokeismus nach weiteren Formen von Rassismus, die es noch auszumerzen gelte, und verhält sich dabei genauso wie frühere totalitäre Bewegungen: „Damit sich die totalitäre Bewegung die Illusion ihres Fortschritts erhalten kann, bedarf sie der immer neuen Entlarvung sogenannter ‚objektiver‘ Gegner und Saboteure, die ‚objektiv‘ deswegen heißen, weil sie unabhängig von ihrem Verhalten als Feinde gelten und je nach angeblicher historischer Notwendigkeit willkürlich bestimmt werden können. So richtig in der totalitären Bewegung zu Hause fühlen sich ihre Mitglieder nur dann, wenn sie ihre Feinde ausforschen und denunzieren können.“[3]
[1] O’Conor, zit. n. Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 25, S. 399
[2] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, Kindle E-Book, München 2023, S. 901
[3] Georg Loidolt: Das Gespenst des Totalitarismus, Wien 2026, S. 60 f.
„Wir müssen alle mehr arbeiten!“ – „kommunistische Propagandalügen“ werden wahr
Wien, 10. 6. 2026
1. Der Kampf um den Normalarbeitstag
Im Kapital gibt Marx die Antwort des Kapitals auf die Frage, wie lange der Arbeitstag dauert, schonungslos wieder: „Der Arbeitstag zählt täglich volle 24 Stunden nach Abzug der wenigen Ruhestunden, ohne welche die Arbeitskraft ihren erneuerten Dienst absolut versagt.“[1] So sah die Arbeitswelt zur Zeit von Marx tatsächlich aus und wurde erst durch den Kampf der Arbeiterbewegung um den Normalarbeitstag in ihrer Geltung eingeschränkt. 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf lauteten die Vorstellungen des Proletariats, die ohnehin äußerst bescheiden sind und nichts weiter als die Reproduktion ihres Lebens ermöglichen sollen. Durch die unbeschränkte Freiheit des Kapitals bei der Bestimmung der Arbeitszeit war ja auch die Reproduktion der Arbeiter als Klasse gefährdet, wie die schlechte Gesundheit junger Männer zeigte, als diese auf ihre Tauglichkeit für militärische Dienste untersucht wurden. Aber was sind schon 8 Stunden Freizeit anderes als Zeit zur Pflege und Reproduktion der Arbeitsfähigkeit? Schließlich muss ja auch der Weg zur Arbeit hin und zurück in dieser Zeit bewältigt werden, dann die Zubereitung und der Verzehr von Nahrung, hygienische Maßnahmen wie Körperpflege und die Sorge für gesunde Lebensbedingungen durch saubere und gelüftete Wohnungen. Viel mehr als ein Spaziergang zur Entspannung der von der Lohnarbeit belasteten Glieder und zur Förderung eines gesunden Schlafs wird in dieser „Freizeit“ wohl kaum unterzubringen sein. Wenn man sich auch noch um Kinder kümmern soll, wird es natürlich noch schwieriger, sich diese „Freizeit“ einzuteilen.
Zur Durchsetzung dieser bescheidenen Forderung mussten die Arbeiter zu Kampfmaßnahmen wie Streiks greifen, erfolgreich waren diese aber erst, als der bürgerliche Staat ein Einsehen in die Notwendigkeit beschränkter Arbeitstage hatte, weil unter den bis dahin geltenden Arbeitsbedingungen der Bestand der Lohnarbeiter und damit eine wesentliche Bedingung kapitalistischer Produktion in Gefahr war. Ob die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit jemals tatsächlich zu der erwähnten Aufteilung von jeweils 8 Stunden für Arbeit, „Freizeit“ und Schlaf geführt hat, weiß ich nicht, aber die Arbeitsbedingungen scheinen zumindest erträglicher geworden zu sein, denn immerhin konnten lohnabhängige Menschen im 20. Jahrhundert sogar ein gewisses Alter erreichen und lebten zumindest lange genug, um den Nachwuchs an Lohnarbeitern hervorzubringen, der für die Fortsetzung kapitalistischer Produktion erforderlich war. Teilweise mussten dafür auch „Gastarbeiter“ zugeführt werden, inzwischen sucht der Staat die Migration jedoch auf jenes Ausmaß einzuschränken, das zur Kompensation schrumpfender Geburtenraten benötigt wird. Die Lebenserhaltung zumindest als Klasse haben die Lohnarbeiter im Großen und Ganzen dank der Einführung des Normalarbeitstages sowie der sozialen Einrichtungen hinbekommen, die ohnehin die Verfügbarkeit von Lohnarbeitern für den Zugriff des Kapitals sicherstellen sollten. Nur das Kapital hat immer schon unsäglich unter „starren Arbeitszeiten“ gelitten und dagegen gewettert, dass ihm diese den flexiblen Einsatz seiner Beschäftigten verbaten. Dafür hat der bürgerliche Staat natürlich Verständnis aufgebracht, ist doch mittlerweile genug Ersatz an Arbeitskräften vorhanden, die durch gesundheitlichen Verschleiß frei gewordene Stellen übernehmen können. Wenn es nämlich ohnehin nur darum geht, irgendwie am Leben bleiben zu können, sind auch geringere Intervalle zwischen den Arbeitsschichten zumutbar.
2. Der flexible „Normalarbeitstag“
Flexibilität in der Ausdehnung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit ist nun gefragt, denn es müssen doch nicht immer jeweils acht Stunden „Freizeit“ und Schlaf notwendig sein, um am nächsten Tag wieder frisch und munter bei der Arbeit zu erscheinen! Dafür muss vielmehr auch eine Ruhezeit von elf Stunden zwischen den Arbeitsschichten ausreichen, solange diese verkürzte Ruhezeit durch entsprechend längere Ruhezeiten innerhalb von vierzehn Tagen ausgeglichen wird. Im Gastgewerbe und in Krankenhäuserin ist sogar eine Verkürzung des Intervalls zwischen den Arbeitsschichten auf acht Stunden zulässig. In dieser „Freizeit“ geht wohl wenig mehr als nach der Einnahme einer Mahlzeit todmüde ins Bett zu fallen und hoffentlich sofort einzuschlafen. Dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz geht das aber noch nicht weit genug, er würde ja am liebsten das Arbeitszeitgesetz vollkommen abschaffen und dem Kapital wieder jene paradiesischen Zustände verschaffen, die Marx geschildert hat. Er will also die von Kommunisten kritisierten und als „Propagandalügen“ zurückgewiesenen Notwendigkeiten kapitalistischer Produktion wieder durchsetzen, die jahrzehntelang missachtet worden seien und deswegen „unseren Wohlstand“ gefährden würden; dass dieser „Wohlstand“ sich bestenfalls jener Missachtung verdankt, gilt natürlich nicht, sondern zeigt nur, wie sehr das Arbeitsvolk verwöhnt worden ist. Das Mathematik-Genie Merz rechnet ihm das genau vor, schließlich machen ein Acht-Stunden-Tag und eine Vierzig-Stunden-Woche ja nicht einmal ein Viertel der 168 Stunden einer ganzen Woche aus.[2] In dieser Rechnung bezieht Merz natürlich das Wochenende ein, nimmt man es heraus, entsprechen 40 Stunden genau einem Drittel der dann verbleibenden 120 Stunden von Montag bis Freitag, also genau jenem von der Arbeiterbewegung ersehnten Normalarbeitstag von acht Stunden.
Das ist anscheinend im Zug des Verdrängungswettbewerbs des weltweit agierenden Kapitals nicht mehr hinzunehmen, weswegen die wöchentliche Normalarbeitszeit auf mindestens 48 Stunden erhöht werden müsse: „Anstelle des 8-Stunden-Normalarbeitstages soll es bald eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden als Richtlinie geben, unter der auch deutlich längere Arbeitstage möglich sind.“[3] Wichtig ist hier vor allem, dass die längeren Arbeitstage ohne Anspruch auf Überstundenzuschläge zu leisten sind. Am liebsten wäre dem deutschen Bundeskanzler vermutlich ohnehin, dass die Menschen Arbeitszeitkonten führen, wenn schon das Arbeitszeitgesetz nicht vollkommen abgeschafft werden kann. Dann könnten sie mit der Verheißung gelockt werden, in jungen Jahren geleistete Überstunden auf diesen Konten zu akkumulieren, die durch einen entsprechenden Ausgleich im Alter abgegolten werden, während der Staat daran die Berechnung knüpft, dass dieses Alter angesichts solcher Überlastung eher selten erreicht wird. Wenn Merz zugleich behauptet, dass die Deutschen einfach mehr arbeiten müssten, um ihren „Wohlstand“ erhalten zu können, könnte sich schon jedem die Frage stellen, worin dieser Wohlstand dann noch bestehen soll. Gemeint ist damit ja nichts weiter als der Umstand, dass mehr Lohnarbeiter auf den Sozialstaat angewiesen sind, als für eine Reserve jederzeit disponibler Arbeitskräfte erforderlich ist. Da das Kapitalwachstum die Verdrängung bezahlter Arbeit durch gestiegene Arbeitsproduktivität nicht mehr im Ausmaß früherer Jahrzehnte ausgleicht, reicht die Lohnsumme der verbliebenen Arbeitskräfte nicht aus, um die Alimentierung der überschüssigen und in diesem Ausmaß ohnehin nicht benötigten Arbeitslosen zu finanzieren. Da muss natürlich wieder mehr Kapitalwachstum her, um im internationalen Konkurrenzkampf erfolgreich zu sein, denn darin besteht offensichtlich der „Wohlstand“, für den eben mehr und flexibler gearbeitet werden muss. Dann beschäftigt das Kapital auch wieder mehr der nun auch verbilligten Arbeitskräfte.
3. Spaß mit dem totalen Arbeitstag
Um den Notwendigkeiten für das Wachstum des Kapitals gerecht zu werden, muss sich auch die Mentalität des schon viel zu lange verwöhnten „Gesindels“ ändern, das seine Arbeit trotz aller Mühen endlich wieder nicht als Fluch, sondern als spannendes Abenteuer und als Spaß begreifen soll: „Arbeit ist doch keine unangenehme Unterbrechung unserer Freizeit!“ (Merz, zit. n. SZ, 1.5.25) „Arbeit ist ein Teil unserer Lebenserfüllung, Arbeit ist ein Teil unserer Lebensgrundlagen. Damit verdienen wir den Lebensunterhalt und den Wohlstand unserer Familien. Wir müssen wieder eine andere Beziehung zur Arbeit haben. Es kann doch auch Spaß machen!“[4] Wenn man den Zwängen schon nicht entrinnen kann, dann ist es doch wohl vernünftiger, diese wenigstens zu genießen, als darunter zu leiden! Alles nur eine Sache der Einstellung. Und wenn das Genick durch ununterbrochene Bildschirmarbeit steif wird, hat das immerhin den Vorteil, dass der Kopf wie von selbst aufrecht bleibt! Lässt die Sehkraft der Augen nach, nimmt man wenigsten nicht mehr so genau das Elend wahr, von dem man umgeben ist! Man muss eben immer auch das Positive suchen, alles hat seine Vor- und Nachteile! Und vielleicht braucht man auch bald gar keine Wohnung mehr, weil es ohnehin keinen Sinn ergibt, den Arbeitsplatz zu verlassen, an den sein Leben lang gefesselt zu sein noch ein Glück ist, angesichts der Elendsgestalten, die das Kapital zur Überbevölkerung erklärt hat, weil keinerlei Bedarf an ihnen besteht. Auch für eine effiziente Organisation der Nahrungsaufnahme kann man sich auf das Kapital verlassen und ist schon wieder eine Sorge los: „Es knickert ab an der Mahlzeit und einverleibt sie womöglich dem Produktionsprozeß selbst, so daß dem Arbeiter als bloßem Produktionsmittel Speisen zugesetzt werden wie dem Dampfkessel Kohle und der Maschinerie Talg oder Öl.“ Und für das bisschen Schlaf, das ein derart von den Anstrengungen der Nahrungsbeschaffung befreiter Mensch noch benötigt, bedarf es wahrlich keiner eigenen Behausung mehr: „Den gesunden Schlaf zur Sammlung, Erneurung (sic!) und Erfrischung der Lebenskraft reduziert es auf so viel Stunden Erstarrung, als die Wiederbelebung eines absolut erschöpften Organismus unentbehrlich macht.“[5] Gemessen daran erscheinen selbst die Zumutungen, die Merz gerade für seine Bürger vorbereitet, als „Wohlstand“, auch wenn er diesen keineswegs bewahrt, sondern erst durchsetzt! Vielleicht muss sich der mit „modernen“ flexiblen Arbeitszeiten ausgestattete Bürger nur vorstellen, dass es noch schlimmer sein könnte, um in einer Arbeit Freude zu finden, deren Ertrag vor allem in Mühsal und einseitiger Belastung besteht, wenn er schon sein ganzes Leben dafür einrichten muss.
4. Eines der „reichsten Länder“ braucht mehr Arbeit
Wenn deutsche Bürger sich über das angebliche Privileg, einem der reichsten Staaten untertan zu sein, freuen sollen, so müssen sie sich wohl kräftig verarscht vorkommen, dass dieses „reiche Land“ von ihnen mehr Arbeit fordert. Daraus könnten sie aber auch den Schluss ziehen, dass dieser Reichtum nicht ihnen dient, sondern kapitalistischen Unternehmen und dem Staat, der den kapitalistischen Reichtum als Quelle seiner Machtentfaltung nutzt. Zu einem der reichsten Staaten gehört Deutschland also deshalb, weil die Masse seiner Bürger für dessen Reichtum arbeitet und für das Wachstum dieses Reichtums sowie die Macht der damit verbundenen Staatsgewalt nun noch mehr arbeiten soll. Schließlich muss damit auch der Krieg in der Ukraine finanziert werden, welcher die Herrschaft der EU und Deutschlands gegenüber der russischen Föderation ausbauen soll. Ein Staat, der sich solche Kriege leisten kann und will, ist natürlich nicht arm, nimmt aber die Armut seiner Bürger in dem Maße in Kauf, in dem sie für die Aufrechterhaltung und Durchsetzung seiner Gewalt erforderlich ist.
Die Wahrheit dieser „kommunistischen Propagandalüge“ wollen die Bürger aber auch nicht akzeptieren und laufen stattdessen in Scharen zur AFD über, die ihnen Hoffnung macht, dass diese Wahrheit nur das Werk einer verblendeten Staatsspitze sei und sich unter der Führung der AFD als haltlos erweisen würde. Das ist den Damen und Herren der Regierung Deutschlands zwar ein Ärgernis, weil die AFD derzeit keinen Nutzen für Deutschland im Krieg gegen Russland zu erkennen behauptet, aber das kann sich ja noch ändern, wenn die AFD tatsächlich Regierungsverantwortung übernimmt. Und wenn die Alternative dazu der Aufstand der Bürger gegen die Staatsräson Deutschlands ist, dann leben dessen Führer doch noch lieber mit der „Alternative für Deutschland“ statt einer „Alternative zu Deutschland“.
[1] Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 23, S. 280
[2] Arbeiten wir zu wenig für Merz?, https://www.youtube.com/shorts/jIzYEy-GqPs, aufgerufen am 10. 6. 2026; den verdienten Spott für seine Aussage erhält Merz hier: Friedrich Merz findet 40 Stunden Arbeit die Woche sind zu wenig, https://www.youtube.com/shorts/O98Nb3KXv00, aufgerufen am 10. 6. 2026.
[3] Armut, Rente, Arbeitszeit – Der Herbst der Reformen, in: Gegenstandpunkt 4-25, München 2025, S. 95
[4] Friedrich Merz, zit. n.: Armut, Rente, Arbeitszeit – Der Herbst der Reformen, a. a. O., S. 96
[5] Karl Marx: Das Kapital, a. a. O., S. 280
Trump – Verirrung oder Konsequenz des US-Imperialismus?
Wien, 21. 4. 2024
1. Weshalb Trump gewählt wurde
Donald Trump hat die Wahl zum US-Präsidenten im Jahr 2024 vor allem aus zwei Gründen gewonnen: Erstens wegen der Schwäche seiner Gegner, allen voran die Kandidaten der Demokratischen Partei, zunächst der zunehmend geistig verfallende Joe Biden, danach als dessen Ersatz die auch nicht gerade schlagfertige Kamala Harris. Eine dieser Schwächen stellt die woke Agenda dar, die zumindest in der medialen Inszenierung sich wegen ihres außergewöhnlichen Geschlechts diskriminiert fühlende Personen privilegiert und damit deren narzisstischen Geltungsdrang bedient. Während in einem Witz alter Zeiten sich eine psychiatrische Einrichtung mit dem Problem konfrontiert sieht, schon wieder einen Napoleon aufnehmen zu müssen, gilt heutzutage als höchste Wahrheit, wie ein Mensch sich fühlt und was er über sich denkt. Deswegen darf sich jeder einbilden, was auch immer er will zu sein, es sei als Ausdruck seiner persönlichen Freiheit zu akzeptieren. Zwar darf niemand einen Beruf nur deswegen ausüben, weil er sich dazu berufen fühlt und etwa ohne Ausbildung als Arzt oder Ingenieur arbeiten, aber seine geschlechtliche Identität zu bestimmen, steht jedem frei. So sind inzwischen angeblich bereits mehrere Geschlechtsentwürfe entstanden und es nicht gestattet, hier für eine bessere Übersicht zu sorgen und nur drei Geschlechter anzuerkennen, nämlich weiblich, männlich und verwirrt. Obwohl dieser Wokeismus bei einem großen Teil der US-Bürger auf Ablehnung stieß, schien er den Demokraten weit wichtiger als deren Nöte und Drangsale. Selbst die Unterstützung der Ukraine wurde als Verteidigung solcher Freiheiten gerechtfertigt und gilt ihren Gegnern als weiterer Beweis dafür, dass ideologische Ziele den Demokraten mehr bedeuten als der nationale Erfolg der USA.
Zweitens und komplementär dazu gewann Trump diese Bürger mit seinen Slogans „America first“ und „Make America great again“ für sich, da diese ihre desaströse wirtschaftliche Lage, in der sie von paycheck zu paycheck leben und eine Krankheit den Ruin ihrer Existenz bedeuten kann, genau wie Trump auf eine sich selbst schädigende Nation zurückführen. Oder umgekehrt ausgedrückt: Da vom Erfolg des weltweit agierenden US-Kapitals die Macht der Nation und von beiden Mächten die Existenz der US-Bürger abhängt, was Letztere auch grundsätzlich für eine vernünftige Einrichtung halten, muss alles für diesen Erfolg getan werden. Die mächtigste Nation der Welt muss nur ihre Interessen ohne falsche Rücksichten auf unterlegene Nationen durchsetzen und Zugeständnisse an diese unterlassen, die nur zum Missbrauch amerikanischer Macht für deren Interessen führen würden. Nur an unfairen, „ungerechten“ Handelsbedingungen könne es liegen, wenn die USA nicht als Sieger im „internationalen Wettbewerb“ hervorgehen, wie schon Obama unverblümt verkündet hat: „Our workers are the most productive on Earth, and if the playing field is level, I promise you – America will always win.“[1] Das hört sich unter Trump nicht viel anders an, wie dessen Handelsminister Lutnick in einem Interview mit CBS am 6. 4. 2025 zeigt: „Wir haben ein Handelsdefizit von 1,2 Billionen Dollar, und der Rest der Welt hat einen Überschuss gegenüber uns … Der Rest der Welt hat uns all die vielen Jahre lang abgezockt … Warum hat Europa einen Handelsüberschuss? Was ist denn an Europa so besonders? Mal im Ernst, sind sie in einer anderen Welt als wir? Warum verkaufen sie uns jedes Jahr 200 Milliarden mehr? Weil es nicht fair zugeht. Die Regeln sind nicht fair.“[2]
2. Das Ärgernis der US-Handelsbilanzdefizite
Alle anderen Staaten würden sich an den USA bereichern und diesen daher über Jahrzehnte hinweg ein Handelsbilanzdefizit bescheren, zu dessen Finanzierung auch die Staatsschulden der USA steigen müssen. Interessanterweise erwächst den USA daraus aber nicht das Schicksal, das jeden anderen Staat in dieser Situation treffen würde, denn trotz ihres Defizits und ihrer Schulden werden die USA nicht zahlungsunfähig. Das liegt natürlich daran, dass die USA sich in ihrer eigenen Währung verschulden können und nicht etwa den Euro dafür brauchen, denn in diesem Fall müssten sie einen Handelsbilanz-Überschuss gegenüber den Euro-Ländern zustande bringen, um diese Schulden zurückzahlen zu können. So aber muss nur die US-Notenbank per Machtwort Dollarguthaben einrichten, welche die US-Banken für weitere Kredite nutzen können, nicht einmal mehr Dollar-Banknoten müssen dafür unbedingt gedruckt werden. Und damit die Dollarguthaben der sich angeblich an den USA bereichernden Staaten nicht einem drastischen Verfall ihres Wertes unterliegen, können sie diese den USA ebenfalls als Kredit zur Verfügung stellen, indem sie US-Staatsanleihen kaufen und horten. So fließen die Handelsbilanzüberschüsse der Welt wieder in die USA zurück und stehen diesen zur Verfügung, um weiterhin weltweit einkaufen und das Defizit ihrer Handelsbilanz vergrößern zu können. Erst wenn der Dollar nicht mehr als Weltgeld akzeptiert würde, käme dieser Kreislauf zum Stillstand.
Wer sich hier tatsächlich bereichert, sind allerdings die USA, wie selbst ein Zwölfjähriger begreifen würde. Die USA können schrankenlos auf den Reichtum der ganzen Welt zugreifen und dadurch verfügt das US-Kapital immer über die benötigten Ressourcen, genauso wie das US-Militär deswegen die erwünschten Waffen produzieren und kaufen kann. Das muss man auch erst einmal hinbekommen, dieses Verhältnis umzukehren! So erklären die USA ihren Zugriff auf den Reichtum der ganzen Welt zur Bereicherung dieser Welt an den USA, weil die Aneignung dieses Reichtums auf der ganzen Welt für Dollarguthaben sorgt, die nichts weiter als ein Zahlungsversprechen darstellen. Das einzige Problem, das sich die USA dadurch einhandeln könnten, bestünde im Verlust der Verfügungsmacht des Dollars über den weltweiten Reichtum, damit im Verlust ihrer imperialistischen Herrschaft, wenn die übrigen Staaten ihre Dollarguthaben nicht mehr in US-Staatsanleihen horten, sondern damit ebenfalls weltweit einkaufen würden und so für eine Dollarschwemme sorgen könnten. Würden die Staaten mit den Handelsbilanzüberschüssen dem Wunsch Trumps entsprechen und in den USA einkaufen, müssten sich die USA durch Vermehrung ihrer Dollarguthaben per Machtwort die finanziellen Mittel verschaffen, die davor über den Verkauf ihrer Staatsanleihen zu ihnen zurückgeflossen sind, und es käme zu einer gewaltigen Dollarinflation. Der Dollar könnte nicht mehr so wie davor als Weltgeld fungieren. Das hört sich zunächst vielleicht harmlos an, weil die USA damit nur zu einer Nation unter vielen anderen würden, ist aber natürlich für die Führungsmacht der imperialistischen Weltordnung nicht hinzunehmen, sondern ein Kriegsgrund!
Trump sieht das natürlich genau umgekehrt, nämlich so, dass die USA in diesem Fall ihre Dollar durch Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen wieder zurückerhalten und keine Staatsanleihen ausgeben müssten, um diesen Rückfluss ihrer Ausgaben zu erreichen. Es gäbe dann eine ausgeglichene Handelsbilanz, das US-Kapital würde mehr Umsatz durch Verkauf seiner Leistungen an Europa und China machen, daher wieder mehr Arbeiter beschäftigen und der Staat könnte seine Verschuldung eindämmen. Allerdings könnte das US-Kapital dann auch nicht mehr im Ausmaß des früheren Handelsbilanzdefizits sich der Waren und Dienstleistungen seiner Konkurrenten bemächtigen und wäre dadurch in seiner Handlungsfähigkeit eingeschränkt. Es stellt sich sogar die Frage, ob das US-Kapital überhaupt noch in jenem Ausmaß produzieren könnte, das bisher den Reichtum der USA sicherstellte, wenn der dafür offensichtlich bisher erforderliche Zugriff auf fremde Leistungen entfällt oder erst durch entsprechende Gegenleistungen erworben werden muss, anstatt einfach durch Kredit bewerkstelligt zu werden. Solche Fragen fechten natürlich einen einfach gestrickten Geist wie Trump nicht an, der vielmehr auf der Gleichung von nationalem Erfolg und der Befriedigung der je nach Klassenlage unterschiedlichen Interessen seiner Bürger beharrt, die er nun erzwingen will. Dafür, dass diese außer Kraft gesetzt ist und die USA um ihren verdienten Erfolg gebracht würden, steht der sogenannte „Rust Belt“, dessen Prosperität nach dem Zweiten Weltkrieg für jene Zeiten steht, als Amerika noch „great“ war.
Trump will also mit der „Ausplünderung“ der USA durch die EU und China Schluss machen, die den Umsatz des US-Kapitals schmälern und die lohnabhängigen US-Bürger um Arbeitsplätze bringen würde. Einerseits will er sich durch Zölle das Geld zurückholen, das die USA mit ihren Einkäufen dorthin gebracht haben, andererseits dadurch den „Wettbewerbsvorteil“ zunichtemachen, der zu diesen Einkäufen erst geführt hat. Dadurch werden die Waren aus der EU und China teurer, was für die Verlagerung der dafür erforderlichen Produktion in die USA sorgen soll. Dass die Zölle letztlich nicht von den in die USA exportierenden Unternehmen, sondern von den US-Konsumenten bezahlt werden und dadurch die Preise in den USA steigen werden, hält er für Propaganda der bisherigen Nutznießer der US-Handelsbilanzdefizite. Am ehesten könnte noch die Spekulation auf die Substitution der Exporte durch Produktion in den USA Erfolge verbuchen, weil dadurch die Verteuerung der Exportwaren durch die Zölle umgangen werden könnte. Ob es sich angesichts der unberechenbaren Führung der Trump-Administration tatsächlich auszahlt, dass Unternehmen der EU oder Chinas dort neue Standorte ihrer Produktion errichten, ist allerdings äußerst fraglich. Auch wird sich nicht die durch den angestrebten Wegfall der billigen Importe bedingte Inflation vermeiden lassen.
Was Trump an den Handelsbilanzdefiziten aber wirklich stört, ist der Umstand, dass auch andere Staaten an der sogenannten „regelbasierten Weltordnung“ verdient haben, dass deren Nutzen also nicht ausschließlich den USA vorbehalten ist. Das will er unbedingt ändern und die „Parasiten“ mit den Dollar-Forderungen ihrer Handelsbilanzüberschüsse durch seine Zölle bestrafen sowie diese Dollar-Überschüsse zurückholen. Ihn stört also das sonst so viel gepriesene wechselseitige Nutzungsverhältnis der Handelsbeziehungen, worin beide Handelspartner gewinnen, die sogenannte „Win-Win-Situation“. „Kurz: Das einzig nachhaltige und faire Gleichgewicht im Handelsuniversum ist eines, bei dem der Erfolg und die Sicherheit der USA auf der einen Seite, die Nützlichkeit und Dienstbarkeit aller anderen dafür auf der anderen Seite stehen.“[3] Stephen Miran, der Vorsitzende von Trumps wirtschaftspolitischem Beratergremium, sieht darin nur das gute Recht der USA für ihre tollen Dienstleistungen zur Etablierung ihrer imperialistischen Herrschaft, die laut seiner Aussage Ökonomen als „Bereitstellung von globalen öffentlichen Gütern“ bezeichnen. Dazu zählen zum einen der tolle „Sicherheitsschirm“, den die USA der Welt mit ihren Militärbasen spendiert hätten, zum anderen der Dollar und die Staatsanleihen, die der ganzen Welt als Verdienstquelle zur Verfügung gestellt und von dieser auf Kosten der USA ausgenutzt worden seien.[4] Denn ginge es fair zu, würden die USA immer gewinnen, haben wir ja bereits lange vor Trump von Obama gehört, daran hat sich in den USA auch und gerade unter Trump nichts geändert: „Amerika hat das Selbstvertrauen nicht verloren, dass seine Konkurrenten unter fairen Konkurrenzbedingungen keine Chance haben.“[5]
3. Ist Trump die Personifikation der aktuellen Ansprüche des US-Imperialismus?
Unter Trump wird dieser Standpunkt der unübertrefflichen Überlegenheit der USA nun ohne jedes heuchlerische Angebot an die übrige Welt, doch nur eine Ordnung im allgemeinen Interesse einrichten zu wollen, durchgesetzt. Amerika hat an erster Stelle zu stehen und diesem Ziel ist alles unterzuordnen. Hier stellt sich nun die Frage, ob diese Radikalisierung der amerikanischen Politik unter Trump eine Folge der Überakkumulationskrise des Kapitals oder eine persönliche Verirrung Trumps und seiner Entourage an Verehrern und Mitläufern darstellt, wie sich die EU wünschen würde. Die Antwort darauf entbehrt natürlich nicht eines spekulativen Moments, denn wie sollte eigentlich genau festgestellt werden, was genau die USA brauchen, um ihre dominierende Stellung gegenüber aufstrebenden Mächten wie China zu behaupten? So viel lässt sich aber schon einmal feststellen: Wie sehr Trumps Verhalten auch eine Idiosynkrasie, also eine spezifische Eigenart seiner Persönlichkeit darstellen mag, so hat sich ein Großteil der US-Bürger davon keineswegs abschrecken lassen, sondern wurde vielmehr davon angesprochen und hat ihm zu seinem Wahlsieg verholfen. Es mag auch sein, dass die aktuellen Interessen der USA auch mit anderen Charakteren als Trump in der Position des Präsidenten und mit anderen Vorstellungen ihrer Durchsetzung vereinbar wären, deswegen ist aber die Trump-Administration noch lange keine Verirrung der US-Politik, sondern eine genauso gut durchführbare Variante ihrer Herrschaftsansprüche an den Rest der Welt. Nur mit Heucheleien, dass es ihr um eine für die ganze Welt sinnvolle Ordnung und nicht ausschließlich um die Interessen der USA ginge, hat die Trump-Administration nichts am Hut, denn diese betrachtet sie allen Ernstes als ein Mittel, das nur schwache oder ihrer Stärke nicht bewusste Nationen ergreifen würden. Das Fazit lautet daher, dass Trump und seine Anhängerschaft sicher nicht für die imperialistischen Ansprüche der USA angesichts weltweiter Überakkumulation von Kapital notwendig oder unvermeidbar sind, diese Verwertungskrise des Kapitals jedoch nach Maßnahmen verlangt, für die Persönlichkeiten wie Trump als besonders geeignet erscheinen. Schließlich stellt Trump den Willen zur Durchsetzung nationaler Interessen demonstrativ zur Schau und hat nicht das geringste Problem damit, sich so bei den bisherigen Partnern in Europa unbeliebt zu machen und diese zu brüskieren. Er offenbart damit jene Durchsetzungsfähigkeit, welche die Weltmacht schätzt, die ihre Herrschaft gefährdet sieht, weil die bisher eingerichteten Verhältnisse dem Erfolg der USA nicht dienen würden oder zumindest nicht mehr. Trump ist zwar nicht notwendig für imperialistische Herrschaftsansprüche, diese aber sind notwendig für Gestalten wie Trump.
[1] Barack Obama, zit. n.: Die USA erneuern ihren globalen Führungsanspruch (II), in: Peter Decker (verantwortlicher Redakteur): Gegenstandpunkt 2-12, München 2012, S. 87; Übersetzung: Unsere Arbeiter sind die produktivsten auf der Erde, und falls das Spielfeld ausgeglichen ist, verspreche ich Ihnen – Amerika wird immer gewinnen.
[2] Howard Lutnick, zit. n.: Trumps Zolloffensive, in: Peter Decker: GegenStandpunkt 2-25, München 2025, S. 8
[3] Trumps Zolloffensive, a. a. O., S. 10
[4] Stephen Miran beim Hudson-Institut, 7. 4. 2025, zit. n. Trumps Zolloffensive, a. a. O., S. 9
[5] Ebd.