Bildungskatastrophen ohne Ende

25. 2. 2020

Der bekanntlich äußerst fähige und daher mehrere Funktionen wahrnehmende Präsident der österreichischen Wirtschaftskammer, Harald Mahrer, war am 23. 2. 2020 zu Gast in der Pressestunde des ORF. Ein offenkundiger Übermensch wie er lässt sich natürlich nicht hinters Licht führen, wenn die Gewerkschaft die Erschöpfung der Pflegekräfte zum Anlass nimmt, eine Beschränkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden zu fordern. Er weiß, dass das nur ein Vorwand ist, um eine Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche allgemein durchzusetzen. Hierzu gibt er bereitwillig Auskunft, dass dies im Kapitalismus unmöglich sei, weil man sich ja im globalen Wettbewerb befinde. Während man früher tunlichst vermieden hätte, mit dem Kapitalismus für dessen Zumutungen zu werben, ist Kritik am Kapitalismus mittlerweile so ausgestorben, dass man nur verständnislose Blicke erntet, wenn man darauf besteht, dass die Notwendigkeit dieser Zumutungen doch nur ein weiteres Argument gegen den Kapitalismus sei.

Das alles gehört jedoch noch zum hierzulande üblichen Auftreten sich kritisch wähnender Geister. Eine Besonderheit konnte Herr Mahrer in seiner Zurückweisung einer Arbeitszeitverkürzung dann jedoch auch noch präsentieren: Er wies darauf hin, dass das österreichische Kapital mehr als die Hälfte seiner Bereicherung im Export erlange, dies aber wegen „Qualität, Innovation und Kreativitätskraft“ und nicht „dadurch, dass wir so niedrige Lohnnebenkosten haben, so niedrige Energiepreise, so wenig Bürokratie“. Das ist insofern bemerkenswert, als dies ja eher dafür spräche, dass das Kapital eine Verringerung der Arbeitszeit verkraften könnte, weil diese ja seine Stärken nicht berühren, sondern sich nur in jenen Bereichen auswirken würde, denen es seinen Erfolg ohnehin nicht verdankt. Schließlich würde sich eine Arbeitszeitverkürzung nur auf die Lohnkosten auswirken, und in niedrigen Lohnkosten liegt gerade nicht die Stärke des Kapitals, erklärt uns Mahrer, wenn er darauf hinweist, dass nicht niedrige Lohnnebenkosten das Mittel seines Erfolgs seien. Die Argumentation des Herrn Mahrer ist hier also eindeutig widersprüchlich, ein geradezu schreiender Widerspruch, und man fragt sich, wie da zwei Journalisten danebensitzen können, ohne dass ihnen dies auffällt. Bei allen beteiligten Personen kann es sich nur um Beispiele der Bildungskatastrophen handeln, die sich in Österreich tagtäglich abspielen. Im Übrigen ist das deswegen niemandem aufgefallen, weil alle Beteiligten in ihrem großen Einfühlungsvermögen für die Nöte kapitalistischer Bereicherung sofort verstanden haben, dass das Kapital ohnehin schon mit Lohnnebenkosten, Energiepreisen und bürokratischen Auflagen derartig belastet sei, dass man ihm nicht auch noch eine Arbeitszeitverkürzung zumuten könne. Es könne diese Belastungen ja ohnehin gerade noch durch seine Qualität und seine innovativen sowie kreativen Fähigkeiten stemmen (auch durch Kreativität in der Steuergestaltung, wie jeder weiß), weitere Belastungen würden selbst durch die hier bewiesenen Fähigkeiten nicht mehr zu kompensieren sein.

Herr Mahrer hat mit dieser Argumentation wahrlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er zu Recht mehrere Funktionen im wirtschaftlichen und politischen Geschehen Österreichs wahrnimmt. Denn wer es schafft, mit derartigen Widersprüchen seinen Standpunkt zu behaupten, dem sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Sehr schön und entlarvend war ja auch seine rhetorische Frage zur Arbeitszeitverkürzung: „Wer macht uns dann die Arbeit?“ Herrn Mahrer ist es offensichtlich vollkommen klar, dass andere für ihn die Arbeit machen, und mit „uns“ meint er wohl die Klasse der Besitzenden, auch wenn er natürlich felsenfest davon überzeugt ist, dass er und seinesgleichen eine viel wertvollere Arbeit leisten, die sich in entsprechenden Einkünften gerechterweise niederschlage.

Als Fazit können wir festhalten, dass ein wenig Unbildung hinsichtlich der Gesetze der Logik nicht schaden kann, wenn man sich für die Interessen des Kapitals einsetzen will, dies scheint vielmehr sogar eine Voraussetzung dafür zu sein. Und so lassen sich in Österreich genauso wie in den übrigen Erdteilen mit kapitalistischer Herrschaft jeden Tag Beispiele für Bildungskatastrophen finden, die alle aufzuzeichnen einen einzelnen Menschen gewiss überfordern würde. Daher nehme ich mir die Freiheit, besonders gelungene Beispiele solcher Bildungskatastrophen vorzustellen, wie sie nur so besonders fähige Persönlichkeiten wie Herr Mahrer hervorzubringen imstande sind. Dieser wird es gewiss vorziehen, sich solcher Vergehen gegen logische Argumentation schuldig zu machen, ehe er sich den Belastungen aussetzt, welche die Gesundheit der Pflegekräfte beeinträchtigen und dazu führen, dass diese ihren Beruf aufgeben, obwohl sie sich das finanziell kaum leisten können.

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