Herbert Kickl, Philosophenkönig

Herr Kickl brüstet sich bekanntlich mit seinem freiheitlichen Zugang zum Thema „Coronaimpfung“, der darin bestehe, dass es jedem Menschen freigestellt sein soll, ob er sich impfen lässt oder nicht. Das hört sich ja zunächst recht harmlos an, sieht jedoch darüber hinweg, dass Impfverweigerer ja nicht als Einsiedler leben, sondern gesellschaftliche Leistungen in Anspruch nehmen wollen, nicht zuletzt die entsprechende medizinische Versorgung, falls sie an einer Infektion durch das Corona-Virus erkranken. Im Straßenverkehr würde Herr Kickl es ja auch nicht der persönlichen Verantwortung und Entscheidung jedes Einzelnen überlassen, ob er bei Rot stehenbleibt oder weiterfährt. Auch bei anderen vom Staat geforderten Pflichten wie der Abführung von Steuern, der Schul- oder der Wehrpflicht habe ich noch nie vernommen, dass Herr Kickl dafür eintreten würde, dass man sich frei entscheiden dürfe, ob man diese Pflichten erfüllen wolle.

Natürlich gibt es im Falle von Corona die Vorstellung, dass man selbst kontrollieren könne, ob man angesteckt wird, während man es nicht in der Hand hätte, Impfreaktionen zu vermeiden, sobald man geimpft worden ist. Das mag von Fall zu Fall unterschiedlich sein, aber wenn man nicht reich ist und sich in ein großes Anwesen zurückziehen kann, werden Kontakte zu anderen Menschen und daher das Risiko einer Ansteckung schwer vermeidbar sein, solange viele Menschen eine Impfung verweigern. Herr Kickl aber freut sich über die vielen Impf-Gegner, da sie ja auch Gegner der ihm verhassten Regierung sind, die ihn schließlich um seine Stellung als Innenminister gebracht hat. Und weil er sich ja als Kenner des Philosophen Hegel ausgibt, ist ihm wohl sofort eingefallen, dass er sich dessen Erkenntnisse auf eine Weise zunutze machen könnte, die sich dieser wohl nicht träumen hätte lassen. So hat Hegel darauf hingewiesen, dass man es leicht hat, sich kritisch in Szene zu setzen, wenn man vornehm zusieht und anderen das Handeln überlässt:

„Dies subjektive Tadeln, das aber nur das Einzelne und seinen Mangel vor sich hat, ohne die allgemeine Vernunft darin zu erkennen, ist leicht und kann, indem es die Versicherung guter Absicht für das Wohl des Ganzen herbeibringt und sich den Schein des guten Herzens gibt, gewaltig groß tun und sich aufspreizen. Es ist leichter, den Mangel an Individuen, an Staaten, an der Weltleitung einzusehen als ihren wahrhaften Gehalt. Denn beim negativen Tadeln steht man vornehm und mit hoher Miene über der Sache, ohne in sie eingedrungen zu sein, d. h. sie selbst, ihr Positives erfaßt zu haben.“[1]

Genau auf diese Art und Weise verfährt Kickl, wenn er als Querulant gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Erscheinung tritt, weil diese leider nicht ohne Einschränkungen der von ihm verehrten Freiheit zu haben sind. Er erklärt diese zu Zwangsvorstellungen einer durchgeknallten Obrigkeit, um so den Unmut zu schüren, den er für seine Ermächtigung zur Staatsführung in der nächsten Wahl zu nutzen bestrebt ist. Dabei kann er darauf bauen, dass seine Gesinnungsgenossen unter der Bürgerschaft ohnehin nicht zu unterscheiden wissen, welche Maßnahmen eines bürgerlichen Staates sich auf Vernunft gründen und welche der Sicherung seiner Herrschaft dienen. Ebenso versichert Kickl, dass sein Standpunkt nur auf „guter Absicht für das Wohl des Ganzen“ beruhe, er gibt sich also den „Schein des guten Herzens“, wie Hegel so treffend schreibt, weil Kickl auch hier darauf bauen kann, dass es ohnehin einfacher ist, „den Mangel an Individuen, an Staaten, an der Weltleitung einzusehen als ihren wahrhaften Gehalt“. In Wirklichkeit will er jedoch jede Form der Opposition gegen die aktuelle Staatsführung nutzen, um sich als die bessere Alternative zu empfehlen. Dafür ist ihm jedes Mittel recht und billig, auch wenn dies Opfer erfordert, die deswegen an Corona sterben, weil sie und ihre Mitbürger dazu ermuntert wurden, ihre vermeintliche „Freiheit“ in der Verweigerung einer Impfung zu erblicken.

Solche Opfer sind vermutlich aus Kickls Sicht durchaus zumutbar, wenn sie nur dem wichtigen Ziel dienen, ihn wieder an die Spitze des Staates zu bringen, denn dadurch werden nach seiner Auffassung die vielen Opfer verhindert, die mit der aktuellen Führung zu erwarten seien. Außerdem bestreitet er natürlich, dass die Opfer der Corona-Infektion auf seine „Impfskepsis“ zurückzuführen seien, solche Opfer hält er wohl eher für das Resultat mangelnder körperlicher Ertüchtigung und geringer Widerstandsfähigkeit eines verweichlichten Volkes. In dieser Sicht kann es daher nur solche Opfer geben, die aufgrund ihrer fehlgeleiteten Lebensweise ohnehin nicht zu vermeiden waren und sich selbst zuzuschreiben haben, dass sie nicht auf Herrn Kickl gehört haben. In seinem Wahn, dass es nichts Schlimmeres für die Republik Österreich geben könne, als Kickl von der Regierung fernzuhalten, sieht er auch in den Maßnahmen gegen Corona nichts anderes als Bemühungen der aktuellen Regierung, seinen Erfolg zu verhindern. Deswegen ist es vermutlich wirklich nur ein Gerücht, dass er sich in Wirklichkeit impfen habe lassen, während er öffentlich Zweifel an der Wirksamkeit der Impfung säen würde.

So gehen für Kickl der Kampf gegen Corona-Maßnahmen und der Kampf gegen die derzeitige Staatsführung Hand in Hand. Es gilt ihm als Wahrheitskriterium, gegen alle Handlungen dieser Staatsführung zu sein, schließlich weiß er ja von Hegel: „(…) wer die öffentliche Meinung, wie er sie hier und da hört, nicht zu verachten versteht, wird es nie zu Großem bringen.“[2] Er zieht daraus leider den umgekehrten Schluss, dass es ein Kennzeichen von Größe sei, die öffentliche Meinung zu verachten, was ebenso unkritisch ist, wie alles gutzuheißen, solange es von der öffentlichen Meinung hochgehalten wird. Das gilt im Übrigen für alle die Komiker, die sich damit brüsten, Querdenker oder Freidenker zu sein. Ihre Apotheose der Freiheit besteht darin, sich von jedem Denken zu befreien und die Wahrheit ihrer Standpunkte dadurch bestätigt zu sehen, dass sie Widerspruch ernten. Nicht im sinnvollen Gebrauch ihrer Vernunft besteht für diese ihre Freiheit, sondern in der Freiheit ihres Denkens von jeder Vernunft, also in deren Abwesenheit. Dafür bieten die absurden Stellungnahmen dieser „Querdenker“ jede Menge Beispiele, wenn sie sich etwa als Grund der wegen Corona verordneten Einschränkungen so sinnvolle Zwecke vorstellen wie die Ausübung von Zwang, da sie keine Ahnung davon haben, dass Zwang in der Regel ein Mittel zur Durchsetzung bestimmter Zwecke ist, ein Selbstzweck jedoch allein in sadomasochistischen Beziehungen. Auch Menschen, die solche Beziehungen pflegen, verfallen auf diesen Fetisch deswegen, weil sie die Gegensätze der bürgerlichen Konkurrenz verabsolutieren, deren ökonomischen Inhalt für zweitrangig halten und die Selbstbehauptung in jedem Lebensbereich zu deren eigentlichem Inhalt erheben.

Da ist es ja noch ein Glück, dass Kickl das Feindbild Regierung hat, um seine Selbstbehauptung so zu gestalten, dass sie in gelebter Verachtung und dünkelhaftem Querdenken ihre Erfüllung findet! Von Hegel scheint er aber nicht wirklich eine Ahnung zu haben, auch wenn er sich in den Sommergesprächen 2021 damit gebrüstet hat, dass Hegel als Philosoph der Freiheit für ihn als freiheitlichen Politiker sozusagen ein naturgegebenes Vorbild sei. Sonst wüsste er nämlich, dass Hegel ein Kritiker abstrakter Freiheit gewesen ist, der für die Vorstellung, Freiheit bestehe allein darin, nach dem eigenen Willen zu verfahren, nur Verachtung übrig hatte: „Preßfreiheit definieren als die Freiheit, zu reden und zu schreiben, was man will, steht dem parallel, wenn man die Freiheit überhaupt als die Freiheit angibt, zu tun, was man will. – Solches Reden gehört der noch ganz ungebildeten Roheit (sic!) und Oberflächlichkeit des Vorstellens an.“[3] Diese Kritik der abstrakten, sich als Beliebigkeit und Willkür begreifenden Freiheit trifft neben unserem „Querdenker“-Querulanten Kickl auch die ach so vernunftbegabte Lisz Hirn, für die „der Kampf der neuen Rechten nicht nur ein Kampf gegen das Fremde, sondern auch gegen eine befreite Gesellschaft“[4] ist. Ein hohleres Geschwätz lässt sich kaum denken. Dass so etwas als kritisch gilt, offenbart eine Barbarei, die sich wohl nur noch als Bildungskatastrophe bezeichnen lässt.


[1] G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, in: Werke, vollständige Ausgabe, Kindle-Version, Berlin 2012, Positionen 100506–100510

[2] G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Zusatz zu § 318, in: Werke, vollständige Ausgabe, Kindle-Version, Berlin 2012, Positionen 64132–64134; vgl. Werke 7 der Suhrkamp-Ausgabe, S. 486

[3] G.W.F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, § 319, a. a. O., Positionen 64142–64145; vgl. Werke 7 der Suhrkamp-Ausgabe, S. 486

[4] Lisz Hirn: Wer braucht Superhelden: Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten, Wien 2020, Kindle-Version, Positionen 368 f.

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