Wir sind immer die Guten

Es mag ja noch als entschuldbares Problem durchgehen, Unwissen, dessen man sich gar nicht im vollen Umfang bewusst ist, nicht in die eigene Positionierung miteinzubeziehen, allerdings kann es durchaus als ein Symptom von Dummheit bezeichnet werden, zugängliche Information zu relevanten Themen nicht einzuholen und absichtlich im Zustand des Nicht-Wissens zu verbleiben, der dann schon als mutwillige Ignoranz bezeichnet werden muss. Heidi Kastner[1]

Hier ist eine Denkfeindschaft am Werk, die sich als Anständigkeit aufführt. Marlon Grohn[2]

Gütesiegel Ignoranz

„Wir sind immer die Guten“,[3] lautet der Titel eines im Jahr 2019 neu aufgelegten und um zwei Kapitel erweiterten Buches von Mathias Bröckers und Paul Schreyer, das bereits im Jahr 2014 mit dem Titel „Wir sind die Guten“ erschienen ist. Die Erweiterung dieses Titels um das Adverb „immer“ hat damit zu tun, dass sich dieser Standpunkt von keiner Argumentation abhängig macht, dass dieses Selbstverständnis des Westens gegen Argumentation immun ist. Es gilt nämlich als offensichtlich, dass es sich bei Putin um einen rücksichtslosen Despoten handle, gegen den jedes Mittel recht sei. Das sagen natürlich genau jene Personen, die sofort die rhetorische Frage äußern, ob der Zweck etwa die Mittel heilige, wenn ihnen der Zweck nicht passt, der sich gewaltsam behauptet, etwa eine kommunistische Staatsräson. Deswegen gilt auch die Bezeichnung „Putinversteher“ als Einwand gegen Personen, welche die Motive Putins für seine Handlungen begreifen, denn hier hat keinerlei Verständnis stattzufinden, sondern Abscheu gegenüber dem unfassbar Bösen zu herrschen. Da es aber gar nicht so schwer ist, Putins Motive zu begreifen, wenn man sich nur ein wenig mit den Fakten beschäftigt, machen sich die Putin-Dämonisierer des Vergehens schuldig, „absichtlich im Zustand des Nicht-Wissens zu verbleiben, der dann schon als mutwillige Ignoranz bezeichnet werden muss“, wie dem oben angeführten Zitat von Heidi Kastner zu entnehmen ist, die damit auf Impfgegner abzielt. Diese Ignoranz ist jene sich als Anständigkeit aufspielende Denkfeindschaft, die Marlon Grohn für ihre Weigerung kritisiert, Erscheinungen wie den Hass zu begreifen, weil sich deren Repräsentanten in der Pose des Streiters gegen den Hass gefallen. Wobei hier anzumerken ist, dass Denkfeindschaft ohnehin ein grundlegendes Merkmal von Anständigkeit darstellt, weil Denken ein Hindernis wäre, wenn es darum geht, als anständig zu gelten. Im Falle Putins jedenfalls wird es zum Gebot des Anstands erklärt, sich voller Unverständnis gegen diesen angeblichen Despoten in Szene zu setzen und dessen Vernichtung als Gebot für alle anständigen Menschen zu verkünden. Dies ist eine leichte Übung, für die es keinerlei Denkbemühung bedarf. Anders verhält es sich da schon, wenn man diese billige Hetze nicht mitmachen will.

Es ist wie gesagt gar nicht so schwierig, die Gründe für Putins Angriffskrieg nachzuvollziehen. Im Grunde macht Putin genau das, was versäumt zu haben die europäische Geschichtsschreibung gerne Arthur Neville Chamberlain vorwirft. Dieser habe als britischer Premierminister bekanntlich den Fehler gemacht, mit Nazideutschland ein friedliches Auskommen anzustreben, anstatt die unvermeidliche kriegerische Konfrontation mit dem damaligen „Reich des Bösen“ zu suchen. Dieses Versäumnis will Putin sich nicht nachsagen lassen, nachdem die NATO einen bedrohlichen Gürtel militärischer Einrichtungen immer näher und enger um Russland zieht. Der letzte Baustein in diesem Bedrohungsgürtel hätte die Ukraine werden sollen und die Vorbereitungen dazu waren ja nicht zu übersehen, zumal sie auch mit dem erklärten Ziel der Ukraine verbunden sind, die abtrünnigen Gebiete im Osten zurückzuerobern, nämlich Donezk, Luhansk und auch die Krim. Es ist offensichtlich so gewesen, dass die NATO an der Herstellung einer strategischen Überlegenheit arbeitete, wodurch Russlands Verteidigungsfähigkeit nachhaltig geschwächt werden sollte. Da hilft es auch nichts, wenn sich die NATO als Verteidigungsbündnis darstellt, denn wo die NATO ihre Interessen zu verteidigen hat, bestimmt sie selbst. So hat sie bekanntlich Serbien bombardiert, um den Kosovo abzuspalten, die USA haben im Alleingang den Irak von Hussein „befreit“, in Libyen haben vor allem Frankreich und Großbritannien für eine Flugverbotszone gesorgt, um dadurch zur Liquidierung Gaddafis beizutragen. In Syrien hat sich die unmittelbare Mitwirkung der NATO auf die Türkei beschränkt, aber mit Saudi-Arabien hat ein weiterer Staat die Rebellion gegen Assads Herrschaft unterstützt, der mit den USA verbündet ist. Da kann sich auch Putin leicht ausmalen, dass unter dem Vorwand, Russland von seiner despotischen Herrschaft zu befreien, die NATO auch gegen Russland militärisch vorzugehen wagt, wenn sie erst einmal eine entsprechende Fähigkeit zu mehrfachen Angriffen in kürzester Zeit erreicht hat. An all diesen Fakten gibt es nichts zu rütteln, da mögen sich hiesige Haus- und Hofberichterstatter noch so dumm stellen und von einem völlig unprovozierten Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine sprechen.

Um Russland strategisch zu schwächen, war es zunächst notwendig, die wirtschaftliche Verbindung zwischen Ukraine und Russland zu beseitigen. Dies war der Zweck des EU-Assoziierungsabkommens mit der Ukraine, das der damalige Regierungschef Janukowitsch nicht unterschrieben hatte, weswegen es 2014 zu den bekannten Unruhen in Kiew gekommen war. Dass bei diesen Unruhen die USA mit ihren Geheimdiensten mitgewirkt haben, weil sie nicht bis zur nächsten Wahl im Jahr 2015 warten wollten, die zudem vielleicht wieder nicht in ihrem Sinne ausgehen hätte können, lässt sich in dem bereits erwähnten Buch „Wir sind immer die Guten“ nachlesen. Wie es auch immer zugegangen sein mag, jedenfalls beschränkte sich der Aufstand auf die Stadt Kiew und hatte keine Unterstützung in der Ostukraine, wo nun die oben erwähnten Gebiete ebenso einen Putsch durchführten, sich von Kiew lossagten und schließlich abspalteten. Seither befindet sich die Ukraine in einer Konfrontation mit Russland und wer irgendetwas gegen die Politik in Kiew sagte, konnte mit Besuch von faschistischen Banden rechnen, weswegen die meisten Menschen dies unterließen, sofern es ihnen nicht bereits passiert war, sodass sie möglichst schnell die Flucht ergreifen mussten, wenn sie sich nicht als Leiche wiederfinden wollten. Die wirtschaftliche Unterstützung der EU beschränkte sich in dieser Zeit auf die Gelder, die zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit der Staatsorgane erforderlich waren, während die USA an der Ausbildung und Aufrüstung des ukrainischen Militärs arbeiteten, inklusive zahlreicher Manöver. So übel sah die Situation vor dem Angriff Russlands aus.

Putin nennt auch seine Gründe für diesen Angriff, aber die darf man natürlich nicht gelten lassen, die seien ja nur Propaganda, mit der ein Wahnsinniger sich rechtfertigen würde. So wurde ihm ja öfter erklärt, dass aktuell keine Aktionen gegen Russland vorgesehen seien, worauf er natürlich erwiderte, ob er das recht verstehe, wenn damit gemeint sei, später seien also wohl Aktionen geplant. Und wozu sonst hätten auch militärische Standorte immer näher zu Russland errichtet werden sollen? Kein Wunder, dass er eine Entmilitarisierung der Ukraine anstrebte mit seiner „Spezialoperation“, die mittlerweile wohl als gescheitert angesehen werden darf. Auch die Rede von der „Entnazifizierung“, die Putin in der Ukraine durchsetzen wollte, entbehrt keineswegs jeder Grundlage, auch wenn von antirussischen Pogromen im Westen nicht berichtet wird, die sich allein der Aussage Poroschenkos entnehmen lassen, als er im Juli 2014 die abtrünnige Stadt Donezk belagern ließ: „Die Militanten werden mit Hunderten ihrer Leben für das Leben eines jeden Soldaten von uns zahlen.“[4] Diese Worte sollen wohl deswegen nicht die Absicht eines Genozids anzeigen, weil Poroschenko im Bunde mit den maßgeblichen Weltordnungsmächten des „Westens“ ist.

Gütesiegel Antifaschismus

Wenn Russen das Objekt der Verfolgung sind, will anscheinend auch niemand darin Faschismus erkennen, vor allem dann nicht, wenn der Nachfolger Poroschenkos an der Staatsspitze, Selenskyj, jüdischer Herkunft ist. Deswegen könne dieser ja gar kein Faschist sein, heißt es nun, denn offensichtlich muss man Juden verfolgen, um als Faschist zu gelten, bei allen anderen Volksgruppen ist man hingegen fein raus, besonders wohl bei Russen, die ja bekanntlich selbst als Faschisten mit der Neigung zur Unterwerfung unter autoritäre Führer gelten. Ein Mensch jüdischer Herkunft gilt anscheinend als immun gegen Faschismus, denn nachdem nur die Verfolgung von Juden faschistisch sein kann, wird er wohl kaum sich und seinesgleichen verfolgen. Und wo sollen denn in der Ukraine Faschisten am Werk sein? Wenn dort gegen Russen vorgegangen wird, so wird das wohl als antifaschistischer Kampf beurteilt! Menschen, die angesichts irgendeines unbedeutenden Rülpsers eines rechten Politikers oder beim Anblick eines Hitler-Grußes in hysterische Schnappatmung verfallen, können gar nicht genug abwiegeln, wenn von Faschisten in der Ukraine die Rede ist. Wenn diese im Jahr 2014 an der Regierung beteiligt sind, so schließt das ach so kritische „profil“ daraus, dass eben nicht die gesamte Regierung faschistisch ist, also geht es in Ordnung: „So unappetitlich das alles sein mag: Dass, wie Russland und Links-Politiker vor allem aus Deutschland insinuieren, in der Ukraine ‚die Faschisten‘ an der Macht sind, lässt sich daraus nicht ableiten.“[5] Eben, wenn sie nur beteiligt sind, ist ja nicht die ganze Regierung faschistisch, auch wenn anderen Staaten die Beteiligung von Faschisten sehr wohl zum Vorwurf gemacht würde. Man erinnere sich hier nur an den Aufschrei samt Sanktionen, den die Regierungsbeteiligung der FPÖ im Jahr 2000 in Österreich hervorgerufen hat. Nachdem sich mittlerweile Faschisten in der Ukraine eher wie Freischärler umtreiben und keine offiziellen Machtbefugnisse haben, hat das den Vorteil, dass sie ganz ohne staatlichen Auftrag unliebsame politische Gegner liquidieren, der ukrainische Staat also schon wieder fein raus ist! Manchmal musste zwar selbst die Staatsführung der Ukraine sich ein wenig um ihre Sicherheit sorgen, weil Faschisten ihr zu viel Rücksichtnahme auf Russland und auf die abtrünnigen Provinzen vorgeworfen haben, obwohl diese nur den realen Kräfteverhältnissen geschuldet war, aber diese Sorge ist ja nun endgültig hinfällig geworden.

Wir nehmen also zur Kenntnis, dass sich Russland nicht anmaßen darf, andere als Faschisten zu bezeichnen, dass vielmehr umgekehrt Faschismus schlimmstenfalls eine unappetitliche Begleiterscheinung sein mag, aber im Prinzip in Ordnung geht, wenn dessen Objekt Russland heißt. Es ist ja schon erstaunlich, dass der ukrainische Faschismus nicht gleich zum heroischen antifaschistischen Kampf erkoren wurde! Das hat er wenigstens jetzt dank des russischen Angriffskriegs endlich erreicht! Fazit: Heißt der Gegner Russland, so kann man sich des Gütesiegels „Antifaschismus“ nun sicher sein.

Weil Antifaschisten bekanntlich Helden sind, werden wir seit Kriegsbeginn auch mit Berichten über die heroischen Abwehrkämpfe der Ukraine versorgt, während der russische „Untermensch“ angeblich auch hier kläglich versagt. Gleich zu Kriegsbeginn wurde ja die Wahrheit verkündet, dass die Wahrheit das erste Opfer des Krieges sei. Das scheint wohl vor allem für die Gegenseite zu gelten, in diesem Fall also für Russland. Oder sollen damit die eigenen Propagandalügen von vornherein ihre Rechtfertigung erhalten, gilt diese Aussage nun als Freibrief für Lügen, weil das nun einmal zu Kriegen dazugehört? Die Berichterstattung im „freien Westen“ zeichnet jedenfalls ein Bild, demzufolge russische Soldaten wie die Fliegen fallen würden, während diese umgekehrt nur zu Kriegsverbrechen an ukrainischen Zivilisten fähig seien. Zwar hat die Ukraine zu Beginn des Krieges alle Zivilisten aufgefordert, mit Molotow-Cocktails gegen russische Panzer vorzugehen, aber wenn diese dann zum Opfer russischer Soldaten werden, steht natürlich sofort fest, dass es sich hier nur um Kriegsverbrechen handeln kann. Das war ja eigentlich von vornherein klar, gilt doch Russlands Krieg als einziges Verbrechen ohne jeden nachvollziehbaren Grund. Kriege sind schließlich das Privileg der NATO und der USA, die gewinnen auch so schnell, dass irgendwo aufkeimende Kritik an diesen Kriegen dank des schnellen Kriegserfolgs auch schnell wieder verstummt. Auch hier hat bereits im Jahr 2014 das Nachrichtenmagazin „profil“ den Vogel abgeschossen. Anlässlich der Annexion der Krim als Reaktion darauf, dass nach dem Putsch in Kiew Russenfeindlichkeit zur Staatsräson der Ukraine wurde, stellte dieses Blatt doch tatsächlich fest, dass sich hier keine Parallelen zu den Kriegen des Westens in Afghanistan und Irak ergeben. Denn erstens gilt: „Beide Kriege richteten sich gegen tatsächlich despotische Regimes, auch wenn sich die Gründe im Fall von Saddam Hussein nachträglich als erlogen herausstellten“. Die Ukraine gilt dagegen wohl als der Hort der Menschenrechte, vor allem für russische Minderheiten. Zweitens seien diese Kriege „zudem in der Öffentlichkeit heftig kritisiert“[6] worden, hätten also trotz der davor genannten astreinen Motive der Vernichtung despotischer Regimes gar nicht die sonst in solchen Fällen übliche Heiligsprechung erhalten. Das hat die von dieser Kritik betroffenen Mächte zwar überhaupt nicht von ihren Kriegen abgehalten, scheint aber für einen Journalisten, der sich für den Nabel der Welt hält, solche Kriege zu rechtfertigen, weil diese immerhin seiner grandiosen Kritik standhielten. Das kriegt Russland zwar auch noch hin, aber in seinem Fall spricht es nur für seine Rücksichtslosigkeit.

Gütesiegel demokratischer Imperialismus

Russlands Kriegsgründe werden von den maßgeblichen Gewalten dieser Welt nicht anerkannt, deswegen gilt sein Krieg gegen die Ukraine als völlig unprovoziert und unerklärlich, als Verirrung eines größenwahnsinnig gewordenen Autokraten. Die Bedrohung durch die NATO hat sich so ein Autokrat schließlich wohl selbst zuzuschreiben, denn würde er sich um eine ordentliche demokratische und prowestliche, also sich den Forderungen der EU und der USA unterordnende Herrschaft bemühen, dann müsste die NATO auch nicht gegen ihn vorgehen. Wenn die EU den Nachbarstaaten Russlands das Angebot macht, in der Feindschaft gegen Russland ihren Erfolg als Nation zu suchen, dann darf das deswegen nicht als Kriegsgrund gelten, weil Russland diese Feindschaft selbst verursacht habe, schließlich müsste es nur darauf verzichten, seine Interessen durchzusetzen. Putin beklagt sich über einen Bedrohungsgürtel der NATO? Wie kann er nur, wo die Militäreinrichtungen doch nur der Verteidigung dienen, der Verteidigung der gegen Russland gerichteten Interessen nämlich. Wenn er von den NATO-Mächten bedroht wird, dann deswegen, weil seine Herrschaft auch zu Recht bedroht werde, weil sie zu eliminieren sei, also wird Putin auch nicht zugestanden, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Wo die Gewalt für sie in Ordnung geht, vermag die demokratische Öffentlichkeit keine zu erkennen und kann sich daher Putins Angriff auf die Ukraine gar nicht erklären bzw. verurteilt diesen als ungerechtfertigt, weil diesem „Autokraten“ einzig und allein der Untergang zustehe, gegen den er sich nicht zu wehren habe.

Deswegen spricht es auch gegen Putin, wenn er gegen politische Gegner oder Demonstranten vorgeht, als würde es dergleichen in den lupenreinen Demokratien des Westens nicht geben. Hier genügt es schon, sich einem Straßenbauprojekt der Gemeinde Wien in den Weg zu stellen, um von der Polizei Hausbesuche zu erhalten. Da wurden sogar Teenager zum Objekt dieser Einschüchterungen, nachdem sie die offizielle Anerkennung ihrer Sorgen in den Demonstrationen namens Fridays for Future ernstgenommen und sich zu darüber hinausgehendem Engagement berufen geglaubt haben. Und die berüchtigten Demonstrationen der Gelb-Westen in Frankreich gingen natürlich ebenso sofort in Ordnung wie die Aufläufe der Verschwörungstheoretiker gegen die Corona-Maßnahmen, wenn das Ziel ihrer Aktionen Putin hieße. Während üblicherweise gilt, dass man sich nicht dem Druck der Straße beugen dürfe, weil schließlich die politische Herrschaft in Demokratien aus Wahlen hervorgehe, soll das für Putin nicht gelten. Es hat ja schon in der Ukraine so hervorragend funktioniert, 2014 einen Putsch gegen den „Russenfreund“ Janukowitsch durchzusetzen. In Russland waren die maßgeblichen Subjekte dieser Welt damit nicht erfolgreich, was natürlich nur noch mehr gegen diesen Staat und das „System Putin“ spricht. Egal, welche politischen Ziele ein Gegner Putins auch verfolgen mag, wenn es der Schwächung dieses Systems dient, kann er sich der Würdigung als Freiheitsheld gewiss sein. Dieses verlogene Spiel zu durchschauen, ist aber auch Putin nicht schwergefallen, der daher die Geldflüsse der NGOs in Russland schließlich genauso kontrollieren ließ, wie dies in Europa bei islamischen Organisationen der Fall ist, nur dass Putin dafür natürlich wieder als Autokrat angefeindet wurde.

Solange sich Russland nicht der US-Weltordnung unterwirft, gilt es als Reich des Bösen und ist kein Vorwurf zu lächerlich, um als Anklage gegen Russland zu dienen. Schon als die Sowjetunion bestand, wurde von den imperialistischen Mächten erfolgreich das Gerücht verbreitet, dass sich diese die unerbittliche Feindschaft des „Westens“ verdient habe, weil sie die Menschenrechte missachte und ein unerträgliches Völkergefängnis sei. Seither hält sich hartnäckig der Glaube, dass es imperialistischen Staaten bei ihren Kriegen tatsächlich darum gehe, Menschen von üblen Herrschern zu befreien. Da irritiert es auch niemanden, dass Assad in Syrien ein blutrünstiger Herrscher sei, während die repressive Herrschaft in Saudi-Arabien mit den USA in bestem Einvernehmen steht. Warum Assad dem Westen ein Dorn im Auge ist, müsste allerdings gar kein Geheimnis sein: „Das Schwarze Meer ist für Russlands Gas- und Ölverkäufe in den Süden essentiell – und eben darum geht es Big Oil, den Oligarchen der USA, die den frisch eroberten Rohstoff aus Irak und Libyen sowie Erdgas aus Katar über eine Pipeline an Jordanien, Israel, Libanon und Syrien verkaufen wollen. Dass der Syrer Assad aber lieber einen Deal mit Putin abschloss, um die schon bis in die Türkei führende russische Blue Stream Pipeline ans Mittelmeer zu verlängern, ist ein wesentlicher Hintergrund des vom Westen finanzierten ‚Regime-Change‘ in Syrien.“[7] So verhält es sich nämlich mit dem Demokratieverständnis imperialistischer Mächte: Demokratie muss immer als Hebel einsetzbar sein, um unliebsame Herrscher zu entmachten, die doch glatt ihre Interessen nicht auf die Weise durchsetzen wollen, die ihnen der Westen zugesteht. Dann kann man innenpolitische Gegner einer solchen Herrschaft ausbilden und finanzieren, notfalls muss man eben auch noch die Geheimdienste hinzuziehen, um einen Putsch wie jenen in Kiew durchzusetzen. Behaupten solche Herrscher dennoch ihre Macht, dann kann es sich wohl nur um Wahlbetrug handeln und wird die Opposition zu heftigen Demonstrationen aufgerufen. Diese Unsitte hat mittlerweile auf ihre Erfinder zurückgewirkt und in den USA nach Trumps Wahlniederlage zum berüchtigten Sturm auf das Kapitol geführt. Wer allen Ernstes glaubt, dass hier die Guten gegen die Bösen vorgehen würden, der ist zumindest naiv, wenn er sich nicht in seiner Ignoranz absichtlich dumm stellt.

Solche naiven Menschen weisen eine Geistesverfassung auf, die Marlon Grohn treffend darstellt: „Das naive Bewusstsein zeichnet sich dadurch aus, die Vorgänge der Erscheinungsebene schon für die ganze Wirklichkeit zu nehmen.“[8] Genau dieses Fehlers machen sich all jene schuldig, für die sonnenklar ist, dass an einem „Angriffskrieg“ nur der Angreifer Russland schuld sein kann. Der Westen würde hingegen bei seinen Kriegen immer nur gegen böse Machthaber vorgehen, wobei es die Westmächte inzwischen vorziehen, andere für sich kämpfen zu lassen. Dies macht nun die Ukraine, die sich sozusagen ihre ersehnte Mitgliedschaft in NATO und EU verdienen zu können erhofft, wenn sie Russlands Ziele möglichst stark durchkreuzt und den Angreifer möglichst stark schädigt, alles andere denn vernünftige Zwecke, für welche nun leider viele Menschen in der Ukraine gerne ihre Köpfe hinhalten oder auch hinhalten müssen, wenn sie nicht als Deserteure bestraft werden wollen. Und hier muss man sich schon fragen, ob es denn so ein großes Opfer gewesen wäre, sich zu einem neutralen Staat zu erklären, wenn damit dieser Krieg zu vermeiden gewesen wäre. Ein Staat, dem dieses Opfer nicht zuzumuten ist, sieht sich offensichtlich in seinen Interessen von Russland bedroht, weil er gegen Russland gerichtete Interessen entwickelt hat. Russland aber hat auch nicht vor, klein beizugeben, und macht sich mit seinem Krieg als Störung der Pläne von USA und EU bemerkbar, die jeder für sich und keineswegs aus gemeinsamem Interesse an der Entmachtung Russlands arbeiten, deren letzter Baustein vorläufig darin bestand, die Zusammenarbeit zwischen Russland und der Ukraine zu beenden, was ja bereits 2014 erreicht worden ist. Ob sich Russland mit seinem Krieg dem Würgegriff dieser Mächte entziehen können wird, ist anzuzweifeln, aber offensichtlich ist sich Putin sicher, dass Russland ohne diesen Angriff seinem sicheren Untergang entgegengesehen hätte.

Ehe über Russlands Krieg empörte Gutmenschen sich mit solchen Sachverhalten auseinandersetzen, pflegen sie lieber das zu ihrer guten Meinung über sich passende Märchen von ihrer guten Obrigkeit, die die Menschheit von bösen Tyrannen befreien wolle. Sie glauben tatsächlich, dass Demokratien keine Kriege gegeneinander führen würden, weil sie dieselbe Herrschaftsform pflegen. Würde man dieses Urteil ernstnehmen, hätte es keine Kriege zwischen Monarchien geben dürfen, da diese schließlich auch dieselbe Art der Herrschaft praktizierten. Aber vermutlich glauben die Verehrer der Demokratie sogar, dass „echte“ Demokratien keine Herrschaftsform wären und daher auch keine Kriege führen würden, dass sie Militär und Polizei nur wegen der böswilligen Menschen brauchten, die sich nicht brav und anständig an die demokratischen Regeln halten wollen. Boris Jelzin konnte daher auch das russische Parlament beschießen lassen, das nahm man diesem „liebenswerten“ alten Suffkopf nicht übel, denn dieser musste sich ja nur gegen jene zur Wehr setzen, die nicht so viel Verständnis und so offene Arme für die Interessen der USA hatten wie er. Seit der Machtübernahme Putins sind die „schönen“ Zeiten für die Westmächte vorbei, in denen ihnen Russland zu Füßen lag, deswegen machen sich diese seither an die wirtschaftliche und militärische Einhegung Russlands. Das Ziel wird vermutlich sein, diesen Staat so zu zerschlagen und als Großmacht zu eliminieren, wie das nach dem Ersten Weltkrieg mit Österreich-Ungarn geschehen ist.

Wer etwas gegen den Krieg in der Ukraine hat, darf es sich nicht so einfach machen, die Schuld daran Russland anzulasten, alle übrigen daran beteiligten Mächte aber zu Opfern zu erklären, die dazu kämen wie die Jungfrau zum Kind. Aber das will natürlich niemand hören, denn die Kriege der Westmächte sind ja immer gut, sind immer nur Verteidigung oder richten sich gegen das Böse, wenn sich ein Angriff schlecht als Verteidigung darstellen lässt. Deutschlands Staatsführung geht sogar so weit, aus seiner faschistischen Vergangenheit die „Verantwortung“ abzuleiten, weltweit den faschistischen Anfängen zu wehren, wie Johannes Schillo[9] gezeigt hat. Gemeinsam mit den USA setzt die EU genau in diesem Sinne natürlich überall Freiheit, Demokratie und Menschenrechte durch, denn darin besteht Imperialismus, dem Kapital die Freiheit zu verschaffen, dass es über die ganze Welt als Geschäftssphäre verfügt. Solche Wahrheiten anzusprechen, fällt nicht einmal jenen ein, die sich gegen die militärische Unterstützung der Ukraine aussprechen, damit dieser Krieg nicht eskaliert. Wer Waffenlieferungen an die Ukraine kritisiert, begibt sich auch in Gefahr, dass ihm die Rechtfertigung von Russlands Krieg unterstellt und er dafür gerichtlich verfolgt wird. Und wer wie Karin Kneissl auf der Gehaltsliste eines russischen Ölkonzerns steht, gegen den werden von der EU Sanktionen gefordert, also von denselben Leuten, die Russland die Unterdrückung von Oppositionellen vorwerfen, einem Land, das mitten in einer existentiellen militärischen Konfrontation steckt, während die EU sich keiner solchen Bedrohung gegenübersieht, sondern mit den USA die Ukraine als Stellvertreter im Krieg gegen Russland benutzt und dabei vor keiner Eskalation zurückschreckt.

Alle diese Ausführungen werden natürlich nichts an der Einstellung hierzulande ändern, dass die Gewalt Russlands nur dessen abgrundtiefe Schlechtigkeit offenbart, bei „uns“ hingegen der hehre Zweck die Mittel heiligt und Gewalt daher immer in Ordnung geht. Und natürlich wird man mir erklären, dass die Duldung meiner Kritik ein weiteres Gütesiegel der hiesigen Herrschaft sei und ich froh sein dürfe, dafür nicht gerichtlich belangt zu werden. Für all diese elenden Heuchler lautet meine abschließende Botschaft: Ihr könnt mich mal kreuzweise!


[1] Heidi Kastner: Dummheit, Kindle E-Book, Wien 2021, S. 21 f.

[2] Marlon Grohn: Hass von oben, Hass von unten. Klassenkampf im Internet, Berlin 2021, S. 135

[3] Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind immer die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie der Kalte Krieg neue entfacht wird, Kindle E-Book, Frankfurt am Main 2019

[4] Petro Poroschenko, zit. n. Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind immer die Guten, a. a. O., S. 119 f.

[5] profil, zit. n. Orientierungsprobleme an der Heimatfront. Die Deutschen – ein Volk von „Putinverstehern“? Das kann doch nicht wahr sein!, in: Gegenstandpunkt 2-14, München 2014, S. 116

[6] profil, zit. n. Gegenstandpunkt 2-14, a. a. O., S. 117

[7] Mathias Bröckers/Paul Schreyer: Wir sind immer die Guten, a. a. O., S. 28

[8] Marlon Grohn: Hass von oben, Hass von unten, a. a. O., S. 146

[9] Johannes Schillo: Ein nationaler Aufreger. Zur Kritik der Erinnerungskultur, Ulm 2022

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