Der totalitäre Rassismusverdacht des Wokeismus
1. Was ist Rassismus?
Was Rassismus ist, scheint heutzutage jeder zu wissen, da der Vorwurf des Rassismus oft geäußert wird und der Staat sogar eigene Einrichtungen unterhält, um rassistische Vorfälle zu protokollieren, sogenannte Antidiskriminierungsstellen samt angeschlossenen Hotlines, in Wien z. B. der Verein ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. Dieser protokolliert angebliche rassistische Vorfälle, wofür allerdings die Anzeige vermeintlich davon betroffener Menschen genügt und meines Wissens nicht überprüft wird, ob diese Person sich irrt oder einen Konflikt zu Unrecht als rassistisch motiviert beurteilt. Da kann sich jemand genauso gut nur verfolgt fühlen, weil er sich einer Minderheit zurechnet, allein dass so jemand einen Vorfall behauptet, genügt schon, damit dieser als weiterer Fall von Rassismus protokolliert wird. Im Report 2025 findet sich gleich auf S. 11 die Schilderung eines Ereignisses, in dem ein Schüler das N-Wort benutzt haben soll, nachdem er von dem angeblich auf diese Weise beschimpften Schüler „geschubst“ worden sei. Da frage ich mich schon, sofern es sich wirklich nur um ein „Schubsen“ gehandelt und die Beschimpfung tatsächlich stattgefunden haben soll: Ist verbale Gewalt schlimmer als körperliche? Niemand scheint sich auch nur die Frage zu stellen, ob die Behauptung einer Beleidigung nicht auch nur vorgetäuscht sein könnte, in diesem Fall etwa zu dem Zweck, von der eigenen Aggression abzulenken oder diese sogar als angemessen zu rechtfertigen. Solche Gedanken sind geradezu tabu, da sie einer Relativierung des Rassismus dienen würden, der allein dadurch als bewiesen gilt, dass jemand behauptet, rassistisch beleidigt worden zu sein.
Es trifft sich also ganz gut, dass niemand so genau weiß, was Rassismus eigentlich ist und wo er herrscht, nachdem er auch dort zu finden sein soll, wo er sich nicht offen dazu bekennt. Da hatte es Marx noch einfacher, der im Kapital in den Äußerungen des Advokaten O’Conor einen eindeutigen Fall von Rassismus präsentiert:
„»Now, gentlemen«, sagte er unter großem Applaus, »die Natur selbst hat den Neger zu dieser Knechtschaftslage bestimmt. Er hat die Stärke und ist kräftig zur Arbeit; aber die Natur, die ihm diese Stärke gab, verweigerte ihm sowohl den Verstand zum Regieren, wie den Willen zur Arbeit.« (Beifall.) »Beide sind ihm verweigert! Und dieselbe Natur, die ihm den Willen zur Arbeit vorenthielt, gab ihm einen Herrn, diesen Willen zu erzwingen und ihn in dem Klima, wofür er geschaffen, zu einem nützlichen Diener zu machen, sowohl für sich selbst, wie für den Herrn, der ihn regiert. Ich behaupte, daß es keine Ungerechtigkeit ist, den Neger in der Lage zu lassen, worin die Natur ihn gestellt hat; ihm einen Herrn zu geben, der ihn regiert; und man beraubt ihn keines seiner Rechte, wenn man ihn zwingt, dafür auch wieder zu arbeiten und seinem Herrn eine gerechte Entschädigung zu liefern für die Arbeit und Talente, die er anwendet, um ihn zu regieren und ihn für sich selbst und für die Gesellschaft nützlich zu machen.«“[1]
Herrschaft hat eben ihren Preis, vor allem für diejenigen, die ihr unterworfen sind! Der Herr erhält also nur seine „gerechte Entschädigung“ dafür, dass er „den Neger regiert“ und ihm zeigt, wo es entlanggeht, weil der weder den Willen noch den Verstand hätte, seien Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Genauso gilt der Profit des Kapitals als dessen gerechter Lohn für die vielen Arbeitsplätze, mit denen es die Menschheit beglückt, als wüssten diese sonst gar nicht, wie sie überleben könnte. Diese Rechtfertigung der Ausbeutung scheint sich heutzutage als links verstehende Menschen aber weniger zu stören als der Gebrauch des Wortes „Neger“, als wäre das alles halb so schlimm, wenn stattdessen wenigstens von „Afroamerikanern“ die Rede wäre, noch besser natürlich: „Afroamerikaner:innen“! Was will man auch von „Linken“ erwarten, die als Wesen einer linken politischen Gesinnung bestimmen, queerfreundlich und weltoffen zu sein sowie die Menschenrechte zu beachten? Einfach ein guter Mensch zu sein, würde Linke auszeichnen, während eine rechte politische Haltung darin bestehe, faschistisches Gedankengut zu vertreten. Müssten sie inhaltlich genauer ausführen, was sie unter Letzterem verstehen, würden sie vermutlich ohnehin nur die Negation all dessen anführen, was sie gerade als links bezeichnet haben, also gegen LGBTQ+, die Welt und alles „Fremde“, als Fremdenfeind auch ein Rassist und als solcher natürlich gegen Menschenrechte. Eine Konsequenz der bürgerlichen Gegensätze innerhalb der Nationen und zwischen diesen wollen sie im Faschismus nicht erkennen, weil sie auch nicht das geringste Interesse daran haben, sich einen Begriff von der bürgerlichen Gesellschaft zu machen. Es ist ja auch viel einfacher, die Einhaltung politisch korrekten Verhaltens zu fordern und zu erwarten, dass die bürgerliche Konkurrenz sich dadurch in Harmonie verwandle. Genauso ist es einfacher, Rassismus abzulehnen als zu erklären. Was aber ist nun unter Rassismus zu verstehen? Liegt dieser auch dann vor, wenn sich materielle Unterschiede zwischen den Menschen ergeben?
Der bürgerliche Staat spricht sich ganz klar dagegen aus, dass sich ethnische Unterschiede als Ursache sozialer und materieller Unterschiede auswirken. Er lehnt eine Sortierung der Menschen anhand ethnischer, geschlechtlicher oder religiöser Kriterien explizit ab. Nur die Leistungsfähigkeit als Privateigentümer, die Durchsetzung in der Konkurrenz will er als Ursache gesellschaftlicher Unterschiede zwischen den Bürgern gelten lassen, die damit auch gerechtfertigt sein sollen. Dass hier manche Menschen den Übergang machen, solche Unterschiede auf äußere Merkmale wie die Physiognomie und die Pigmentierung verschiedener Ethnien zurückzuführen, weist der bürgerliche Staat unter Strafandrohung zurück, genauso wie die Diskriminierung von Personen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Religion. Es käme allerdings auch kein Mensch auf solche Gedanken, wenn es nicht die ganz real und objektiv eingerichteten Unterschiede der Bürger anhand des Eigentums, über das sie verfügen, gäbe. Dieses beschränkt sich eben bei einem Großteil auf die Verfügung über ihre Person und die Leistungen, die sie für jene zu vollbringen imstande sind, die über die Mittel der Produktion und der Gewalt verfügen, also für Kapital und Staat. Die mit diesen Mitteln herrschenden Personen müssen auch gar nicht auf dem Gebrauch der Bezeichnung „Neger“ insistieren, um ihre Herrschaft als Dienstleistung auch für Menschen dunkler Hautfarbe auszugeben. Diese wären schließlich ohne ihre Anweisungen genauso verloren und zum Untergang verdammt wie die übrigen lohnabhängigen Bürger, egal ob weiblich, männlich, muslimisch oder ohne Religionsbekenntnis. Nicht einmal ihr Selbstverständnis als elitäre Persönlichkeiten mit besonderen Fähigkeiten gilt den Führern von Staat und Kapital als Rassismus, schließlich würden sie doch nur Gutes tun, wenn sie die darauf angewiesenen Massen mit Arbeitsplätzen und Gesetzen versorgen.
2. Rassismuskritik statt Kapitalismuskritik
Da in der bürgerlichen Gesellschaft die meisten Menschen nur dann ein Einkommen erlangen, wenn sie dem Reichtum des Kapitals dienen, herrscht in der Regel ein großer Andrang um die für diesen Zweck eingerichteten Arbeitsplätze. Da wird es auch kaum ausbleiben, dass im Zweifelsfall auch solche Kriterien für die Auswahl der Kandidaten herangezogen werden, die offiziell keine Rolle spielen dürfen, etwa ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, ob ein Migrationshintergrund besteht oder nicht. Nun aber nicht die Nötigung zum Dienst an Kapital und Staat zu kritisieren, sondern die ungleiche Betroffenheit von dieser Nötigung gemäß ethnischer oder anderer „unsachlicher“ Kriterien, führt keineswegs zu vernünftigen Urteilen. Was wäre denn damit gewonnen, wenn sich die verschiedenen Kategorien proletarischer Armut, von Angestellten auf der mittleren Führungsebene über Facharbeiter, weniger qualifizierte Hilfsdienste bis hin zu Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Obdachlosen, gemäß ihrem Anteil an der nationalen Bevölkerung auf die verschiedenen Ethnien oder Religionen verteilen würden? Ändert es etwas an der Armut, wenn diese schön ausgewogen über verschiedene Bevölkerungsgruppen verteilt ist? Hätte man nichts mehr gegen den Kapitalismus einzuwenden, wenn sich darin keinerlei Rassismus entdecken ließe? Wäre der Kapitalismus demnach eine brauchbare Einrichtung, wenn nur nicht immer der Rassismus die allgemeine Harmonie trüben würde? Diesen Schluss scheint der Wokeismus zu ziehen, der sich von Rassismus umzingelt und diesen auch dort zu entdecken glaubt, wo er nicht offenkundig ist und daher als „strukturell“ oder „institutionell“ gilt, wenn z. B. nur wenige Personen einer bestimmten Ethnie Führungspositionen innehaben, sich hingegen sehr zahlreich in den unteren Rängen der kapitalistischen Hierarchien einfinden.
Es verdunkelt die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse eher bzw. unterbleibt die Kritik an diesen, wenn über Rassismus geklagt wird, ohne einen Bezug zum Kapitalismus herzustellen. Max Horkheimers Aussage über den Faschismus lässt sich auch auf den Rassismus anwenden: Wer nicht vom Kapitalismus sprechen will, der soll auch vom Rassismus schweigen! Wer sich aber Armut nur als Resultat rassistischer Diskriminierung vorstellen kann, der sucht eben nach verborgenen und versteckten Formen von Rassismus, nachdem sich kaum jemand noch offen als Rassist bekennt und offenkundiger Rassismus am ehesten bei unmaßgeblichen Leuten anzutreffen ist, als unerfüllte Forderung nach einer privilegierten Zuteilung von Arbeitsplätzen für national verwurzelte Bürger, die überhaupt nicht einsehen wollen, dass das Kapital diesbezüglich nicht so wählerisch ist wie sie. Die Konflikte, Anstrengungen und Enttäuschungen der bürgerlichen Konkurrenz will der Wokeismus aber nicht als Normalität der bürgerlichen Gesellschaft begreifen, stattdessen verlangt er, dass die Menschen wachsam, „woke“, auf rassistische Tendenzen auch bei sich selbst zu achten hätten, die allein dadurch gegeben seien, dass es zu den geschilderten Zerwürfnissen und Schäden kommt. Hier zeigt der Wokeismus Merkmale von totalitären Bewegungen, die im Falle des Nationalsozialismus nach weiteren Formen unwerten Lebens, im Stalinismus nach absterbenden Klassen und verborgenen Klassenfeinden Ausschau hielten. So wurden 1941 auch Polen den Nürnberger Gesetzen und der Kennzeichnungspflicht durch ein am Gewand angebrachtes P unterworfen „und Hitler selbst beschäftigte sich in den gleichen Jahren mit großangelegten Plänen zur »Gesundung« des deutschen Volkskörpers, denen zufolge alle organisch Erkrankten, vor allem Lungen- und Herzkranke, mitsamt ihren Familien eliminiert werden sollten“.[2] Ebenso fahndet nun der Wokeismus nach weiteren Formen von Rassismus, die es noch auszumerzen gelte, und verhält sich dabei genauso wie frühere totalitäre Bewegungen: „Damit sich die totalitäre Bewegung die Illusion ihres Fortschritts erhalten kann, bedarf sie der immer neuen Entlarvung sogenannter ‚objektiver‘ Gegner und Saboteure, die ‚objektiv‘ deswegen heißen, weil sie unabhängig von ihrem Verhalten als Feinde gelten und je nach angeblicher historischer Notwendigkeit willkürlich bestimmt werden können. So richtig in der totalitären Bewegung zu Hause fühlen sich ihre Mitglieder nur dann, wenn sie ihre Feinde ausforschen und denunzieren können.“[3]
[1] O’Conor, zit. n. Karl Marx: Das Kapital, Bd. 3, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 25, S. 399
[2] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, Totalitarismus, Kindle E-Book, München 2023, S. 901
[3] Georg Loidolt: Das Gespenst des Totalitarismus, Wien 2026, S. 60 f.