Die Ideologie der Überbevölkerung

1. Der Mensch als Krebs der Erde?

Eine konservative Journalistin, deren Name mir entfallen ist, hat in den frühen 1990er-Jahren die zynische Bemerkung gemacht, dass „ein bisschen Dreck“ den Menschen gut zu bekommen scheint, nachdem deren Lebenserwartung steigt. Trotz der mit verschiedenen Giftstoffen belasteten Luft, verschmutzten Wassers und anderer Umweltschäden leben die Menschen im Durchschnitt länger und werden immer älter. Zwar ist vermutlich auch dieser Dame bekannt, dass aus einer Korrelation keine Kausalität folgt, dass also das gleichzeitige Auftreten schädlicher Umwelteinflüsse und einer längeren Lebensdauer keinen kausalen Zusammenhang bildet, aber zur Relativierung des Schadens, den die kapitalistische Produktion den natürlichen Grundlagen des menschlichen Reichtums bereitet, hat sie ihre Aussage wohl besonders witzig gefunden. Es könne ja nicht so schlimm mit der Vernichtung dieser Grundlagen sein, wenn die Menschen dennoch länger leben, weil die Fortschritte der Medizin diese Schäden überkompensieren.

Seither hat dieser „bekömmliche Dreck“ sich als so gut für die Menschen erwiesen, dass die Weltbevölkerung weiterhin gewachsen ist und dieses Wachstum von einem Rekord zum nächsten schreitet. So manchem gelten diese Menschen nun als der Dreck, der keineswegs allen gut bekommt, denn vor allem Mutter Erde soll unter diesen Menschenmassen und ihrem Zerstörungswerk ganz besonders leiden. Kaum jemand hat das so deutlich wie Cioran in den folgenden Worten ausgesprochen: „Massakrierte Bäume. Häuser erheben sich. Schnauzen, Fratzen überall. Der Mensch wuchert. Der Mensch ist der Krebs der Erde.“[1] Der Raubbau an der Natur, die „Auslaugung des Bodens und eine zu intensive, mechanisierte und industrialisierte Landwirtschaft, die hauptsächlich den Exportbedürfnissen der Staaten Rechnung trägt“,[2] sowie die damit einhergehende Versteppung bis hin zur Wüstenbildung (Desertifikation) scheinen Cioran auf den ersten Blick Recht zu geben. Hunger, erschöpfte Böden und Verwüstung wären demnach die Folge davon, dass zu viele Menschen zu lange leben und daher mehr konsumieren würden, als an natürlichem Reichtum vorhanden sei. Dadurch komme es zu Kriegen um die knappen Ressourcen, in denen gemäß dieser Denkweise wohl nicht genug Menschen sterben, um der Natur eine Atempause zur Regeneration zu verschaffen.

2. Für welchen Zweck ist die Bevölkerung zu viel?

Früher Tod durch Krieg oder Hunger gelten demnach allen Ernstes als Resultat einer übervölkerten Erde, die nicht einmal genügend Menschen vernichten würden, um ein Gleichgewicht zwischen den verfügbaren Ressourcen und den auf diese angewiesenen Menschen wiederherzustellen; deswegen müssten weiterhin jedes Jahr allein an den Folgen von Hunger und Unterernährung viele Millionen Menschen, darunter ein Großteil Kinder, weltweit sterben: Wie die steigende Fettleibigkeit (Adipositas) der Menschen in imperialistischen Metropolen zu diesem Urteil passt, ist eine Frage, die hier wohl einfach ignoriert wird. Dort erbauen sich die herrschenden Eliten nach wie vor an der Ideologie der natürlichen Selektion und an Malthus‘ Bevölkerungsgesetz: „Die Fatalität des Hungers wird als probates Mittel gegen die Übervölkerung des Planeten begriffen. Der Hunger wird als Instrument der Geburtenkontrolle betrachtet. Die Stärksten überleben. Die Schwachen sterben. Natürliche Selektion.“[3] Dieser „natürlichen Selektion“ hat sich das Sowjetreich viel zu lange widersetzen können und musste wohl von den imperialistischen Nationen vernichtet werden, damit dieses „Bevölkerungsgesetz endlich wieder zur Geltung kommen konnte: So lag 1997 „die durchschnittliche Lebenserwartung der Bewohner der Russischen Föderation (…) weit unter der aller anderen Bewohner Europas oder Nordamerikas, während die Situation vor 1991, dem Jahr des Untergangs der Sowjetunion, für Russen, Europäer und Amerikaner etwa gleich war“.[4] Gegen die sieben Jahre Kapitalismus seit der Selbstaufgabe der Sowjetunion scheint diese tatsächlich das „Arbeiterparadies“ gewesen zu sein, ein Anspruch, für welchen sie im Westen verhöhnt worden war.

An Jean Zieglers Hinweis auf die Auslaugung der Böden durch eine für Exportbedürfnisse eingerichtete und Monokulturen betreibende Landwirtschaft lässt sich allerdings bereits erkennen, dass die sogenannte „Übervölkerung“ der Erde auf spezifischen gesellschaftlichen Interessen beruht. Nur für ihre Subsistenz wirtschaftende, dafür aber den Boden kultivierende und nachhaltig produzierende Bauern kosten den Staat zwar nichts, bringen ihm aber auch nichts. Der will erstens eine über den Bedarf seiner Untertanen hinausgehende Produktion durchsetzen, von der er zumindest einen Anteil durch Steuern einziehen kann, der zweitens am besten aus Exporten stammt, mit deren Erlös er die Mittel zur Steigerung seiner Macht in der ganzen Welt einkaufen kann. Dafür nimmt er auch die Auslaugung seiner Böden bis zu einem gewissen Grad in Kauf, hält sie womöglich für eine vorübergehende Erscheinung, die sich leicht wieder durch entsprechende Bewässerungsmaßnahmen oder diversifizierte Bepflanzungen beheben lassen würden. Dass hier einiges möglich wäre, lässt sich bereits in dem Buch von Jean Ziegler nachlesen, das bereits 1999 zum ersten Mal erschienen ist. So „liegen unter der Wüste riesige Seen, Grundwassermeere von Süßwasser, aus der Zeit als die Sahara noch ein blühender Garten war. Dieses Grundwasser könnte mittels moderner Pumptechnik gehoben und als Irrigationswasser der Landwirtschaft zugeführt werden. Das nachbarliche Libyen beweist, wie relativ einfach ein solches Unterfangen ist: Dank seiner Erdölmilliarden ließ Muammar Ghadafi seinen »Great River« anlegen. Vier riesige Röhren bringen über mehr als tausend Kilometer das Wasser aus der libyschen Zentralwüste in die Landwirtschaftszonen rings um den Golf von Syrthe.“[5] Dann würden diese Gebiete und die sich auf diese stützenden Staatsgewalten allerdings nicht mehr von den imperialistischen Metropolen abhängig sein und für deren Interessen Waren exportieren, weswegen ja auch Ghadafis „Schreckensherrschaft“ möglichst schnell beseitigt werden musste.

3. Genügend Kriegsmittel, aber zu wenig Nahrungsmittel?

Dabei sind die Kriege gerade ein Hinweis darauf, dass es sicher nicht zu wenig natürlichen Reichtum für die Ernährung der Menschen gibt. Eine Gesellschaft muss nämlich sehr reich sein, um Kriege führen zu können. Da müssen zum einen die Nahrungsmittel für die Soldaten zur Verfügung stehen, aber auch die enormen Waffenarsenale, die im Krieg zum Einsatz kommen, werden ja durch Arbeit hergestellt, die besser für die Nahrungsmittelproduktion und die Kultivierung des Bodens eingesetzt würde, wenn es darum ginge, Hunger und Unterernährung zu vermeiden. Wenn man noch bedenkt, was alles an Reichtum durch Krieg vernichtet wird und wie sehr dadurch die Natur geschädigt wird, dann erweist es sich als besonders lächerlich, ein Übermaß an Menschen für die Belastung der Erde verantwortlich machen zu wollen, die das durch Mülltrennung kompensieren sollen! So stellt Birgit Mahnkopf in einem Vortrag am 1. 7. 2022 in Wien fest, dass die Neuausrichtung der Energieversorgung als Reaktion Europas auf den Ukraine-Krieg „eine umweltpolitische Kriegserklärung an die biophysischen Systeme der Erde“[6] darstellt. Da können sich Ahnungslose noch so sehr an irgendwelchen Kunstwerken vergehen oder an Straßen festkleben …

Trotz des keineswegs pfleglichen Umgangs mit den natürlichen Bedingungen der Produktion stellt Jean Ziegler 2024 im Vorwort seines Buches fest, „dass die globale Landwirtschaft bei ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstand problemlos 12 Milliarden Menschen, mit anderen Worten: um die Hälfte mehr als die gegenwärtige Weltbevölkerung, ernähren könnte“,[7] wenn dem nicht die herrschenden Mächte im Wege stünden, wie das bereits erwähnte Beispiel der Monokulturen für Exporte gezeigt hat.

Sollte sich ein Staat dem Zugriff der wirtschaftlichen Interessen imperialistischer Staaten entziehen, wissen diese schon dafür zu sorgen, dass es nicht dabei bleibt. Ein Beispiel dafür ist Burkina Faso, das 1983 Verwaltungs- und Sozialreformen, darunter vor allem eine Landreform, durchführte und dadurch folgende Resultate hervorbrachte: „Innerhalb von nur vier Jahren war die Agrarproduktion drastisch gestiegen, die Staatsausgaben gesunken, und das dadurch freigesetzte Kapital war in erster Linie in den Straßenbau, kleine Bewässerungsdämme, die landwirtschaftliche Ausbildung und das örtliche Handwerk investiert worden.“[8] Dadurch konnte sich Burkina Faso selbst mit Lebensmitteln versorgen. Dieser Erfolg barg natürlich die Gefahr der Nachahmung in Ländern, deren Herrschaft bestimmte Mächte in Frankreich unbedingt erhalten wollten, und so wurde die politische Führung dieser Reformen durch einen militärischen Putsch gewaltsam beseitigt, damit wieder die davor bestehenden „paradiesischen“ gesellschaftlichen Zuständen hergestellt werden konnten, darunter „die extreme Abhängigkeit vom Ausland, die chronische Unterernährung im Norden“[9] etc. Damit wurde auch die Bevölkerung von Burkina Faso wieder der „natürlichen Selektion“ unterworfen, die bald darauf auch der Sowjetunion beschert wurde.

4. Moralische Höchstleistungen der Verdammung der Menschen als Krebsgeschwür

Gemessen an den wirtschaftlichen Interessen des globalisierten Kapitalismus gibt es nun eine „Überbevölkerung“ von Elendsgestalten, an denen die herrschenden Mächte von Staat und Kapital keinen Bedarf haben. Diese zum Krebs der Erde zu erklären, zu einem unwerten, schädlichen Leben, das nichts anderes als die Zerstörung der Natur hervorbringe, führt die bürgerliche Moral zu ganz besonderen Glanzleistungen. Krieg und Hunger werden von ihr zu Notwendigkeiten der Beseitigung dieses Krebses erklärt, die leider hinzunehmen seien. Wer das nicht einsehen wolle, der flüchte sich in Utopien, weil es ihm an der notwendigen Härte zur Selbstbehauptung seines Lebens fehle. In Wirklichkeit ignoriert dieses Urteil die Zerstörung des natürlichen Reichtums durch die kapitalistische Produktionsweise, die gegen ihre eigenen Grundlagen rücksichtslos ist, wenn sie nicht der Staat daran hindert. Wer dieses Zerstörungswerk der menschlichen Natur zuschreibt, dem bietet sich als Alternative der Weg der schönen Seele an, die durch asketischen Rückzug bis zur Selbstvernichtung dem unheilvollen Wirken ihres menschlichen Daseins Einhalt gebieten will. Umgekehrt lässt sich auch der Schluss ziehen, dass es keinerlei Zurückhaltung und auch keinerlei Maßnahmen zur Kultivierung des Bodens bedürfe, weil das menschliche Leben es nicht vermeiden könne, zum Krebs der Erde zu werden.

Ein anderer Übergang der Bestimmung des Menschen als Krebsgeschwür besteht darin, dass deswegen jede Gewalt gerechtfertigt sei, weil sie ja ohnehin nur den „Krebs der Erde“ beseitigen würde. Niemand brauche daher Skrupel bei der Anwendung von Gewalt und beim Morden zu haben, weil ja dadurch ohnehin nur als schädlicher Krebs wuchernde Menschen sterben! Allerdings ist diesem Standpunkt die Vernichtung dieser Menschen noch nicht der Zweck, sondern nur eine unbeschwert hingenommene Begleiterscheinung, die Menschen dieser Haltung als nicht weiter bedauerlichen Kollateralschaden bei der Durchsetzung ihrer Interessen betrachten. Diesen Schaden zum Zweck zu machen, ist jenen vorbehalten, die sich der Bekämpfung dieses Krebsgeschwürs verschrieben haben und dadurch Mutter Erde zu retten versuchen. Statt nur als schöne Seele durch asketischen Lebenswandel ein Vorbild zur Schonung von Mutter Erde abzugeben, wollen sie jene „schlechten Menschen“ vernichten, die sich ihrem Schutzprogramm entziehen und so weiterleben wie bisher. Beispiele dafür sind militante Veganer, welche die Menschen gerne jenen Schlachtungsmethoden unterwerfen würden, die in der kapitalistischen Fleischproduktion herrschen. Diesen schlechten Menschen würde jede Grausamkeit als gerechte Strafe gebühren, denken solche hartherzigen Subjekte, die in ihrem Kampf gegen das vermeintlich Böse genau zu jenen Gestalten werden, die sie zu bekämpfen glauben. Wer über diese moralischen Charaktere der schönen Seele, der skrupellosen Gleichgültigkeit und der hartherzigen Bösartigkeit ausführlicher unterrichtet werden will, sei auf die entsprechenden Seiten in meinen Büchern verwiesen: Ewig lockt die Bestie, S. 92–104, und Das narzisstische bürgerliche Subjekt, S. 62–68.


[1] Emil M. Cioran: Vom Nachteil geboren zu sein, Frankfurt am Main 1979, S. 136

[2] Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt? Antworten auf die Fragen meines Sohnes, Kindle E-Book, München 2024, S. 119

[3] Ebd., S. 47

[4] Ebd., S. 41

[5] Ebd., S. 159

[6] Birgit Mahnkopf: „Von der Globalisierung zur Geopolitik – Herausforderung für Europa“; https://www.youtube.com/watch?v=UjONY7kvQVo (Zitat ab 1:10:39); aufgerufen am 1. 9. 2026

[7] Jean Ziegler: Wie kommt der Hunger in die Welt?, a. a. O., S. 13; vgl. auch S. 44

[8] Ebd., S. 136

[9] Ebd., S. 138

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