„Bauernlegen“ – im Kapitalismus ein Fortschritt, im Kommunismus ein Verbrechen

Peter Roseggers Kritik des Tauschwerts und des „Bauernlegens“

Manche Intellektuelle sind der Auffassung, dass es nichts bringe, zur Unterhaltung Werke der sogenannten „schönen Literatur“ zu lesen. Wenn Lesen schon allein dem Genuss dienen soll, wären am ehesten noch Kriminalromane angebracht, denn die seien immerhin recht spannend. Es gibt aber genügend Beispiele der Weltliteratur, die weit interessanter als die Spannung in Krimis sind und darüber hinaus geradezu als Zeitreisen dienen können. Dazu gehört auch Peter Rosegger, der völlig zu Unrecht den Ruf hat, eine Waldheimat-Idylle auszupinseln, eine falsche Welt voller Kitsch zu präsentieren und dadurch auch noch bei Lesern, die in diese verlogene heile Welt eintauchen, die Flucht vor der Wirklichkeit zu begünstigen. Dabei sind selbst die Geschichten vom Walbauernbuben alles andere als kitschig, auch wenn sie das Landleben aus einer Kinderperspektive schildern, noch viel mehr trifft das aber auf Roseggers Romane zu. Sein Werk „Der Gottsucher“ ist alles andere als eine religiös-beschauliche Studie, erinnert vielmehr an die vom rauen Landleben gezeichneten Figuren eines Pier Paolo Pasolini oder der Gebrüder Taviani samt der damit verbundenen rohen Gewalt einer verzweifelten Revolte. In seinem Roman „Jakob der Letzte“ setzt sich Rosegger mit dem Bauernlegen auseinander, das Parallelen zur ursprünglichen Akkumulation aufweist, der Voraussetzung des Kapitalismus, wie wir von Marx wissen. Hier kauft ein Finanzkapitalist und Bodenspekulant den Bergbauern ihre Gehöfte samt Grundstücken ab, um das Land zunächst für seine Jagdgesellschaften zu nutzen. Die Bauern ziehen in die Städte und müssen schnell erkennen, dass sie nicht lange von ihrem vermeintlichen Vermögen, das ihnen der Verkauf ihrer Güter eingebracht hat, zehren können, weil es in kürzester Zeit durch Mieten und Lebenshaltungskosten aufgebraucht ist und die Lohnarbeit, zu der sie nun genötigt sind, nicht genug einbringt. Ihre ehemaligen Bauernhöfe hatten sie besser versorgt und der Aufwand dafür war keineswegs härter als die Anforderungen der Lohnarbeit gewesen. Und weil das Wild nun dem Jagdherrn gehört, darf Jakob, der sich als letzter verblieber Bauer dem Verkauf seines Hofes widersetzt, auch keines erlegen, selbst wenn es den natürlichen Reichtum seiner Wirtschaft schädigt. Sogar seinen Hofhund muss er entfernen, weil dessen Gebell das Wild verscheuche. Einzig eine Entschädigung wird ihm für jene Schadensfälle zugestanden, in denen er nachweisen kann, dass diese vom Wild verursacht worden sind. Dann wird ihm bezahlt, was er bei Verkauf der Güter erhalten hätte, die von den Wildtieren vernichtet worden sind. Inwiefern ihm damit nicht wirklich geholfen ist, zeigt der Autor an den Worten seiner Romanfigur, die eine Kritik des Warenwerts offenbaren, welche wohl kaum jemand erwartet hätte:

„Die Wildschäden wurden ihm richtig allemal vergütet. Abgeschätzt wurden sie von Jägern, Jagdliebhabern und anderen Leuten, die unter der Gnade oder unter dem Drucke des Kampelherrn lebten.

Die Hirschen haben ihm das Kraut gefressen. Was ist ein Kohlkopf wert? – Um vier Kreuzer, meinten die Schätzmänner, könne man sogar draußen in der Krebsau die schönsten Kohlköpfe haben. An zweihundert Stück, wenn man’s hoch nimmt, seien gefressen, macht acht Gulden. Bar bekam der Jakob das Geld auf die Hand ausgezahlt. Dieser hielt das Papier in der flachen Hand so hin und sagte: ‚Was mache ich damit? Draußen im Tal mag man den Kohl so kaufen, aber wer führt mir ihn herein, wo alle Wege zerrissen sind! Oder wachsen jetzt im Spätherbst die Kohlköpfe zu Altenmoos, wenn ich dieses Papier ansäe? Ihr lieben Herren, für mich hat der Kohl einen anderen Wert, als für euch. Für euch ist er nur Zuspeis, für mich ist er auch Braten, mit Verlaub.‘“[1]

Diese Kritik des Bauern Jakob an seiner Entschädigung zeigt sehr schön, was Marx unter dem abstrakten Reichtums versteht, der den Wert einer Ware bildet. Der Wert repräsentiert eben vom jeweiligen Aufwand zur Produktion eines Gutes nur den Durchschnitt, und da spielt es keine Rolle, ob die Kohlköpfe des Bauern gar nicht für den Vertrieb „in der Krebsau“ geeignet, weil dafür auch gar nicht bestimmt gewesen wären. Ob Waren einen langen Transport erfordern oder nicht, wie viel individuelle Arbeit oder Aufwand darin steckt, das alles bestimmt nicht deren Wert, davon wird abstrahiert, weil es die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit ist, die den Wert einer Ware ausmacht. Dieser an sich nicht so komplizierte Sachverhalt wird von bürgerlichen Ideologen natürlich gerne ignoriert, damit sie ihren Strohmann kritisieren können, dass die Arbeitswertlehre schon deswegen nicht stimmen könne, weil dann ja jeder mehr für einen Gebrauchswert verdienen würde, für dessen Herstellung er mehr Zeit benötigt. Abstrakte Arbeit ist die vom individuellen Aufwand abstrahierende, daher durchschnittlich in einer gegebenen Gesellschaft gemäß deren Produktionsbedingungen notwendige Arbeitszeit. Eine bäuerliche Ökonomie der Subsistenz wie jene des Bauern Jakob, in der nur geringe Mengen der eigenen Produktion verkauft werden, um jene Geräte anzuschaffen, für deren Herstellung es an Ressourcen mangelt, hat ihr Ziel nicht im Verkauf ihrer Güter. Diese haben darüber hinaus ein viel größere Bedeutung als den Tauschwert, sodass Jakob mit dessen Abgeltung sich nicht angemessen entschädigt sieht. Schließlich sind sie für die Aufrechterhaltung seines Produktionskreislaufs nötig, dienen vielleicht als Saatgut, aber auch zur Pflege und Kultivierung des Bodens, der nach den von Wildtieren verursachten Schäden erst wieder hergestellt werden muss. Für ihn, sagt Bauer Jakob daher, „hat der Kohl einen anderen Wert“, eben den eines spezifischen Gebrauchswerts und nicht den eines davon abstrahierenden Tauschwerts. Einfach nur den Wert zu ersetzen, den der Kohl als Ware gehabt hätte, negiert den Wert, den dieser für die bäuerliche Subsistenz hat. Schließlich müsste der zu ersetzende Kohl erst zu Jakob gebracht werden, wodurch erstens Transportkosten entstünden, was aber zweitens gar nicht möglich ist, nachdem „alle Wege zerrissen sind“. So liegt der Boden brach, den die Hirsche verwüstet haben, denn das Geld lässt sich nicht als Saatgut nutzen.

Das „Rad des Fortschritts“

All das interessiert den bürgerlichen Sachverstand nicht, für den nur der Warenwert zählt. Das ist auch die Ursache für den zerstörerischen Umgang mit den natürlichen Voraussetzungen der Produktion, die schließlich dem kapitalistischen Wachstum keine Schranke setzen dürfen. Deswegen lautet der Einwand gegen die Belastung kapitalistischer Unternehmen mit Maßnahmen des Umweltschutzes ja auch, dass dadurch Arbeitsplätze und damit auch die auf diese angewiesenen Menschen vernichtet würden, um eine doch ohnehin nicht bewiesene Gefahr für die zukünftige Existenz der Menschheit abzuwenden. „Was wäre denn besser daran, bereits jetzt zugrunde zu gehen anstatt in einer fernen Zukunft?“, lautet der entsprechende Einwand. Ein schönes Beispiel dafür, dass sich die Menschen der bürgerlichen Gesellschaft eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen können, was Mark Fisher als „kapitalistischen Realismus“ bezeichnet hat. Diesen „Realismus“ beweist bereits ein Zeitgenosse von Rosegger, der in seiner Rezension vom 9. 11. 1888 auf dessen Kritik des Bauernlegens erwidert: „Wer wollte aber deshalb den Staat verurteilen, zu dem einseitigen Agrikultur-System eines früheren Zeitabschnittes der Gesittung zurückzukehren und damit im Wettkampf der Nationen um ihr Dasein vorneweg zurückzutreten? Es haben eben alle Stände, alle Gesellschaftsklassen hart zu ringen, um sich oben zu behaupten, und sie alle sehen in ihren Reihen Tragödien sich abspielen, wie jene Jacob (sic!) des Letzten, und Ruinen rings um sich, wie der alte Reuthofbauer, wenn er auslugte nach den verfallenen Hofstätten seiner einstigen Nachbarn. Das rollende Rad der Zeit fordert wie der indische Götterwagen seine Menschenopfer […].“[2] Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt haben den Titel ihres Buches „Die kleinen Holzdiebe und das Rätsel des Juggernaut“[3] mit gutem Grund gewählt, nachdem der Ursprung der Bezeichnung „Juggernaut“ auf genau diesen Götterwagen verweist. Sehr deutlich zeigt sich hier auch, „dass Menschenopfer nur deswegen einen Einwand gegen Kommunisten darstellen, weil man bei diesen den politischen Zweck nicht teilt, für den diese Opfer erbracht worden sind“, wie ich in meinem Buch „Die Tugend des Kapitals“[4] geschrieben habe.

Gegen den Fortschritt des Kapitals dürfen „kleine Unannehmlichkeiten“ hingegen kein Einwand sein, dafür ist ein Bauernsterben schon hinzunehmen, weswegen es wohl eine große „Ungerechtigkeit“ darstellte, als 1968 in Österreich die Bauern dagegen protestierten, vor allem auch „gegen Landwirtschaftsminister Schleinzers viel kritisierte, aber kaum kritisierbare Aussage, dass ein Anteil von 20 Prozent landwirtschaftlich Erwerbstätigen zu hoch sei“.[5] Zu hoch ist dieser Anteil natürlich nur gemessen an einer kapitalistisch konkurrenzfähigen Volkswirtschaft, die ja keineswegs in der Lebenserhaltung ihrer Bürger ihr Maß hat. Aber selbst wenn fortgeschrittene Produktivität weniger Arbeitskräfte erfordert, macht sich diese nur im Kapitalismus als Vernichtung von Existenzen, in diesem Fall eben als Bauernsterben geltend. Der Protest der Bauern richtet sich hier gegen den Verlust ihrer Einkommensquelle, denn eine neue zu finden, ist im Kapitalismus ja keine ausgemachte Sache und mit großer Unsicherheit verbunden. Im Kommunismus würden sich Produktivitätsfortschritte vernünftigerweise in geringerer Arbeit zur gesellschaftlichen Reproduktion auswirken, es stünden Kräfte für weiterführende Tätigkeiten zur Verfügung, die einer besseren Lebensqualität dienen könnten. Stalin betrieb die Entkulakisierung allerdings als Maßnahme des Klassenkampfs, dadurch kam zwar hier die eben angeführte kommunistischen Logik nicht zur Geltung, aber statt dem „harten Ringen aller Gesellschaftsklassen“ um Selbstbehauptung erliegen und sich der Herrschaft des stummen Zwangs im „Wettbewerb der Nationen“ beugen zu müssen, entband der unmittelbare staatliche Zwang im Gulag immerhin von der Notwendigkeit, eine neue Einkommensquelle aufzutreiben. Dafür haben bürgerliche Ideologen aber keineswegs jenes wohlwollende Verständnis wie für die Nöte und Drangsale einer um ihre Durchsetzung in der imperialistischen Konkurrenz ringenden Nation. Was im Kapitalismus als Fortschritt gilt, dem sich nur Steinzeitmenschen und Dinosaurier widersetzen würden, wird daher dem Kommunismus als Verbrechen zur Last gelegt. Das ist nicht nur beim Bauernsterben so, sondern auch bei anderen Gewaltaffären, wo jeder antikommunistische Dissident als Märtyrer gefeiert und dessen Behandlung als Verbrechen gegen die Menschheit beurteilt wurde und wird, während die Opfer der imperialistischen Weltordnung als Normalität, bestenfalls als bedauerliche Notwendigkeit gelten, in der Regel aber dem selbst verschuldeten Scheitern schwacher, der Konkurrenz nicht gewachsener Subjekte zugeschrieben werden.


[1] Peter Rosegger: Jakob der Letzte. Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen (hg. von Daniela Strigl), Wien – Graz – Klagenfurt 2018, S. 269 f.

[2] Z. K. Lecher: Rezension des Romans Jakob der Letzte, in: Peter Rosegger: Jakob der Letzte, a. a. O., S. 330

[3] Ole Nymoen/Wolfgang M. Schmitt: Die kleinen Holzdiebe und das Rätsel des Juggernaut, Berlin 2024

[4] Die Tugend des Kapitals, Wien 2020, S. 96

[5] Roman Sandgruber: Das 20. Jahrhundert. Geschichte Österreichs, Wien 2003, S. 146

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