„Wir müssen alle mehr arbeiten!“ – „kommunistische Propagandalügen“ werden wahr
1. Der Kampf um den Normalarbeitstag
Im Kapital gibt Marx die Antwort des Kapitals auf die Frage, wie lange der Arbeitstag dauert, schonungslos wieder: „Der Arbeitstag zählt täglich volle 24 Stunden nach Abzug der wenigen Ruhestunden, ohne welche die Arbeitskraft ihren erneuerten Dienst absolut versagt.“[1] So sah die Arbeitswelt zur Zeit von Marx tatsächlich aus und wurde erst durch den Kampf der Arbeiterbewegung um den Normalarbeitstag in ihrer Geltung eingeschränkt. 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden Freizeit, 8 Stunden Schlaf lauteten die Vorstellungen des Proletariats, die ohnehin äußerst bescheiden sind und nichts weiter als die Reproduktion ihres Lebens ermöglichen sollen. Durch die unbeschränkte Freiheit des Kapitals bei der Bestimmung der Arbeitszeit war ja auch die Reproduktion der Arbeiter als Klasse gefährdet, wie die schlechte Gesundheit junger Männer zeigte, als diese auf ihre Tauglichkeit für militärische Dienste untersucht wurden. Aber was sind schon 8 Stunden Freizeit anderes als Zeit zur Pflege und Reproduktion der Arbeitsfähigkeit? Schließlich muss ja auch der Weg zur Arbeit hin und zurück in dieser Zeit bewältigt werden, dann die Zubereitung und der Verzehr von Nahrung, hygienische Maßnahmen wie Körperpflege und die Sorge für gesunde Lebensbedingungen durch saubere und gelüftete Wohnungen. Viel mehr als ein Spaziergang zur Entspannung der von der Lohnarbeit belasteten Glieder und zur Förderung eines gesunden Schlafs wird in dieser „Freizeit“ wohl kaum unterzubringen sein. Wenn man sich auch noch um Kinder kümmern soll, wird es natürlich noch schwieriger, sich diese „Freizeit“ einzuteilen.
Zur Durchsetzung dieser bescheidenen Forderung mussten die Arbeiter zu Kampfmaßnahmen wie Streiks greifen, erfolgreich waren diese aber erst, als der bürgerliche Staat ein Einsehen in die Notwendigkeit beschränkter Arbeitstage hatte, weil unter den bis dahin geltenden Arbeitsbedingungen der Bestand der Lohnarbeiter und damit eine wesentliche Bedingung kapitalistischer Produktion in Gefahr war. Ob die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit jemals tatsächlich zu der erwähnten Aufteilung von jeweils 8 Stunden für Arbeit, „Freizeit“ und Schlaf geführt hat, weiß ich nicht, aber die Arbeitsbedingungen scheinen zumindest erträglicher geworden zu sein, denn immerhin konnten lohnabhängige Menschen im 20. Jahrhundert sogar ein gewisses Alter erreichen und lebten zumindest lange genug, um den Nachwuchs an Lohnarbeitern hervorzubringen, der für die Fortsetzung kapitalistischer Produktion erforderlich war. Teilweise mussten dafür auch „Gastarbeiter“ zugeführt werden, inzwischen sucht der Staat die Migration jedoch auf jenes Ausmaß einzuschränken, das zur Kompensation schrumpfender Geburtenraten benötigt wird. Die Lebenserhaltung zumindest als Klasse haben die Lohnarbeiter im Großen und Ganzen dank der Einführung des Normalarbeitstages sowie der sozialen Einrichtungen hinbekommen, die ohnehin die Verfügbarkeit von Lohnarbeitern für den Zugriff des Kapitals sicherstellen sollten. Nur das Kapital hat immer schon unsäglich unter „starren Arbeitszeiten“ gelitten und dagegen gewettert, dass ihm diese den flexiblen Einsatz seiner Beschäftigten verbaten. Dafür hat der bürgerliche Staat natürlich Verständnis aufgebracht, ist doch mittlerweile genug Ersatz an Arbeitskräften vorhanden, die durch gesundheitlichen Verschleiß frei gewordene Stellen übernehmen können. Wenn es nämlich ohnehin nur darum geht, irgendwie am Leben bleiben zu können, sind auch geringere Intervalle zwischen den Arbeitsschichten zumutbar.
2. Der flexible „Normalarbeitstag“
Flexibilität in der Ausdehnung der täglichen und wöchentlichen Arbeitszeit ist nun gefragt, denn es müssen doch nicht immer jeweils acht Stunden „Freizeit“ und Schlaf notwendig sein, um am nächsten Tag wieder frisch und munter bei der Arbeit zu erscheinen! Dafür muss vielmehr auch eine Ruhezeit von elf Stunden zwischen den Arbeitsschichten ausreichen, solange diese verkürzte Ruhezeit durch entsprechend längere Ruhezeiten innerhalb von vierzehn Tagen ausgeglichen wird. Im Gastgewerbe und in Krankenhäuserin ist sogar eine Verkürzung des Intervalls zwischen den Arbeitsschichten auf acht Stunden zulässig. In dieser „Freizeit“ geht wohl wenig mehr als nach der Einnahme einer Mahlzeit todmüde ins Bett zu fallen und hoffentlich sofort einzuschlafen. Dem deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz geht das aber noch nicht weit genug, er würde ja am liebsten das Arbeitszeitgesetz vollkommen abschaffen und dem Kapital wieder jene paradiesischen Zustände verschaffen, die Marx geschildert hat. Er will also die von Kommunisten kritisierten und als „Propagandalügen“ zurückgewiesenen Notwendigkeiten kapitalistischer Produktion wieder durchsetzen, die jahrzehntelang missachtet worden seien und deswegen „unseren Wohlstand“ gefährden würden; dass dieser „Wohlstand“ sich bestenfalls jener Missachtung verdankt, gilt natürlich nicht, sondern zeigt nur, wie sehr das Arbeitsvolk verwöhnt worden ist. Das Mathematik-Genie Merz rechnet ihm das genau vor, schließlich machen ein Acht-Stunden-Tag und eine Vierzig-Stunden-Woche ja nicht einmal ein Viertel der 168 Stunden einer ganzen Woche aus.[2] In dieser Rechnung bezieht Merz natürlich das Wochenende ein, nimmt man es heraus, entsprechen 40 Stunden genau einem Drittel der dann verbleibenden 120 Stunden von Montag bis Freitag, also genau jenem von der Arbeiterbewegung ersehnten Normalarbeitstag von acht Stunden.
Das ist anscheinend im Zug des Verdrängungswettbewerbs des weltweit agierenden Kapitals nicht mehr hinzunehmen, weswegen die wöchentliche Normalarbeitszeit auf mindestens 48 Stunden erhöht werden müsse: „Anstelle des 8-Stunden-Normalarbeitstages soll es bald eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden als Richtlinie geben, unter der auch deutlich längere Arbeitstage möglich sind.“[3] Wichtig ist hier vor allem, dass die längeren Arbeitstage ohne Anspruch auf Überstundenzuschläge zu leisten sind. Am liebsten wäre dem deutschen Bundeskanzler vermutlich ohnehin, dass die Menschen Arbeitszeitkonten führen, wenn schon das Arbeitszeitgesetz nicht vollkommen abgeschafft werden kann. Dann könnten sie mit der Verheißung gelockt werden, in jungen Jahren geleistete Überstunden auf diesen Konten zu akkumulieren, die durch einen entsprechenden Ausgleich im Alter abgegolten werden, während der Staat daran die Berechnung knüpft, dass dieses Alter angesichts solcher Überlastung eher selten erreicht wird. Wenn Merz zugleich behauptet, dass die Deutschen einfach mehr arbeiten müssten, um ihren „Wohlstand“ erhalten zu können, könnte sich schon jedem die Frage stellen, worin dieser Wohlstand dann noch bestehen soll. Gemeint ist damit ja nichts weiter als der Umstand, dass mehr Lohnarbeiter auf den Sozialstaat angewiesen sind, als für eine Reserve jederzeit disponibler Arbeitskräfte erforderlich ist. Da das Kapitalwachstum die Verdrängung bezahlter Arbeit durch gestiegene Arbeitsproduktivität nicht mehr im Ausmaß früherer Jahrzehnte ausgleicht, reicht die Lohnsumme der verbliebenen Arbeitskräfte nicht aus, um die Alimentierung der überschüssigen und in diesem Ausmaß ohnehin nicht benötigten Arbeitslosen zu finanzieren. Da muss natürlich wieder mehr Kapitalwachstum her, um im internationalen Konkurrenzkampf erfolgreich zu sein, denn darin besteht offensichtlich der „Wohlstand“, für den eben mehr und flexibler gearbeitet werden muss. Dann beschäftigt das Kapital auch wieder mehr der nun auch verbilligten Arbeitskräfte.
3. Spaß mit dem totalen Arbeitstag
Um den Notwendigkeiten für das Wachstum des Kapitals gerecht zu werden, muss sich auch die Mentalität des schon viel zu lange verwöhnten „Gesindels“ ändern, das seine Arbeit trotz aller Mühen endlich wieder nicht als Fluch, sondern als spannendes Abenteuer und als Spaß begreifen soll: „Arbeit ist doch keine unangenehme Unterbrechung unserer Freizeit!“ (Merz, zit. n. SZ, 1.5.25) „Arbeit ist ein Teil unserer Lebenserfüllung, Arbeit ist ein Teil unserer Lebensgrundlagen. Damit verdienen wir den Lebensunterhalt und den Wohlstand unserer Familien. Wir müssen wieder eine andere Beziehung zur Arbeit haben. Es kann doch auch Spaß machen!“[4] Wenn man den Zwängen schon nicht entrinnen kann, dann ist es doch wohl vernünftiger, diese wenigstens zu genießen, als darunter zu leiden! Alles nur eine Sache der Einstellung. Und wenn das Genick durch ununterbrochene Bildschirmarbeit steif wird, hat das immerhin den Vorteil, dass der Kopf wie von selbst aufrecht bleibt! Lässt die Sehkraft der Augen nach, nimmt man wenigsten nicht mehr so genau das Elend wahr, von dem man umgeben ist! Man muss eben immer auch das Positive suchen, alles hat seine Vor- und Nachteile! Und vielleicht braucht man auch bald gar keine Wohnung mehr, weil es ohnehin keinen Sinn ergibt, den Arbeitsplatz zu verlassen, an den sein Leben lang gefesselt zu sein noch ein Glück ist, angesichts der Elendsgestalten, die das Kapital zur Überbevölkerung erklärt hat, weil keinerlei Bedarf an ihnen besteht. Auch für eine effiziente Organisation der Nahrungsaufnahme kann man sich auf das Kapital verlassen und ist schon wieder eine Sorge los: „Es knickert ab an der Mahlzeit und einverleibt sie womöglich dem Produktionsprozeß selbst, so daß dem Arbeiter als bloßem Produktionsmittel Speisen zugesetzt werden wie dem Dampfkessel Kohle und der Maschinerie Talg oder Öl.“ Und für das bisschen Schlaf, das ein derart von den Anstrengungen der Nahrungsbeschaffung befreiter Mensch noch benötigt, bedarf es wahrlich keiner eigenen Behausung mehr: „Den gesunden Schlaf zur Sammlung, Erneurung (sic!) und Erfrischung der Lebenskraft reduziert es auf so viel Stunden Erstarrung, als die Wiederbelebung eines absolut erschöpften Organismus unentbehrlich macht.“[5] Gemessen daran erscheinen selbst die Zumutungen, die Merz gerade für seine Bürger vorbereitet, als „Wohlstand“, auch wenn er diesen keineswegs bewahrt, sondern erst durchsetzt! Vielleicht muss sich der mit „modernen“ flexiblen Arbeitszeiten ausgestattete Bürger nur vorstellen, dass es noch schlimmer sein könnte, um in einer Arbeit Freude zu finden, deren Ertrag vor allem in Mühsal und einseitiger Belastung besteht, wenn er schon sein ganzes Leben dafür einrichten muss.
4. Eines der „reichsten Länder“ braucht mehr Arbeit
Wenn deutsche Bürger sich über das angebliche Privileg, einem der reichsten Staaten untertan zu sein, freuen sollen, so müssen sie sich wohl kräftig verarscht vorkommen, dass dieses „reiche Land“ von ihnen mehr Arbeit fordert. Daraus könnten sie aber auch den Schluss ziehen, dass dieser Reichtum nicht ihnen dient, sondern kapitalistischen Unternehmen und dem Staat, der den kapitalistischen Reichtum als Quelle seiner Machtentfaltung nutzt. Zu einem der reichsten Staaten gehört Deutschland also deshalb, weil die Masse seiner Bürger für dessen Reichtum arbeitet und für das Wachstum dieses Reichtums sowie die Macht der damit verbundenen Staatsgewalt nun noch mehr arbeiten soll. Schließlich muss damit auch der Krieg in der Ukraine finanziert werden, welcher die Herrschaft der EU und Deutschlands gegenüber der russischen Föderation ausbauen soll. Ein Staat, der sich solche Kriege leisten kann und will, ist natürlich nicht arm, nimmt aber die Armut seiner Bürger in dem Maße in Kauf, in dem sie für die Aufrechterhaltung und Durchsetzung seiner Gewalt erforderlich ist.
Die Wahrheit dieser „kommunistischen Propagandalüge“ wollen die Bürger aber auch nicht akzeptieren und laufen stattdessen in Scharen zur AFD über, die ihnen Hoffnung macht, dass diese Wahrheit nur das Werk einer verblendeten Staatsspitze sei und sich unter der Führung der AFD als haltlos erweisen würde. Das ist den Damen und Herren der Regierung Deutschlands zwar ein Ärgernis, weil die AFD derzeit keinen Nutzen für Deutschland im Krieg gegen Russland zu erkennen behauptet, aber das kann sich ja noch ändern, wenn die AFD tatsächlich Regierungsverantwortung übernimmt. Und wenn die Alternative dazu der Aufstand der Bürger gegen die Staatsräson Deutschlands ist, dann leben dessen Führer doch noch lieber mit der „Alternative für Deutschland“ statt einer „Alternative zu Deutschland“.
[1] Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, in: Marx-Engels-Werke (MEW) 23, S. 280
[2] Arbeiten wir zu wenig für Merz?, https://www.youtube.com/shorts/jIzYEy-GqPs, aufgerufen am 10. 6. 2026; den verdienten Spott für seine Aussage erhält Merz hier: Friedrich Merz findet 40 Stunden Arbeit die Woche sind zu wenig, https://www.youtube.com/shorts/O98Nb3KXv00, aufgerufen am 10. 6. 2026.
[3] Armut, Rente, Arbeitszeit – Der Herbst der Reformen, in: Gegenstandpunkt 4-25, München 2025, S. 95
[4] Friedrich Merz, zit. n.: Armut, Rente, Arbeitszeit – Der Herbst der Reformen, a. a. O., S. 96
[5] Karl Marx: Das Kapital, a. a. O., S. 280