Foucault will kein Hegelianer sein

Wien, 21. 5. 2020

Hegel sieht in der Geschichte der Menschheit eine List der Vernunft wirken, da zunächst scheinbar sinnloses Leid sich in der Rückschau als Beitrag zum Fortschritt der Vernunft erweisen würde. Damit hat er das Problem der Theodizee gelöst, das sich die Frage stellt, wie menschliches Leid mit dem Glauben an Gott vereinbar sei. In seiner Besprechung von André Glucksmanns Buch „Die Meisterdenker“ wehrt sich Foucault gegen diese Versöhnung mit Leidenserfahrungen im Sinne Hegels. Er will intolerant sein „gegen die theoretische Rechtfertigung und die ganze schleichende Beruhigungsarbeit, die der ‚wahre‘ Diskurs Tag für Tag leistet“. Seine Wut über das Leiden in der Welt, seine „Wut über die Tatsachen“ will er nicht mehr mit folgender Aufforderung abspeisen lassen: „Macht nichts, eine Tatsache für sich allein wird nie etwas sein; höre, lies, warte; das wird sich ferner, später, höher erklären.“[1] Um dies zu erreichen, habe man sich der Frage zu stellen: „wie nicht mehr Hegelianer sein?“[2] Massaker zu legitimieren und damit Hegelianer zu sein, sei nämlich die Kernkompetenz der Philosophie seiner Zeit. Eine solche Legitimation wirft Foucault den Marxisten vor, wenn sie den Stalinismus zu einer Verirrung und zu einem „Lesefehler“ erklären, dem durch die Befassung mit den Texten von Marx und Lenin beizukommen sei. Diesen hält Foucault mit Glucksmann entgegen, „daß der Stalinismus die Wahrheit, die ein ‚wenig enthäutete‘ Wahrheit eines politischen Diskurses war, der derjenige von Marx und anderer vor ihm vielleicht gewesen ist“.[3] Kurz: Der Stalinismus habe nur unverhüllt zum Vorschein gebracht, was bei Marx nicht in dieser Deutlichkeit zu finden, aber dennoch bereits vorhanden sei.

Glucksmann behauptet, es sei wichtig zu akzeptieren, dass die Schriften von Marx mit staatlicher Gewalt vereinbar seien und sich zumindest nichts darin finden ließe, was einen deutlichen Einspruch gegen solche Gewalt darstelle. Das mag vielleicht damit zu tun haben, dass sich für Marx ein Einspruch gegen solche Gewalt von selbst versteht und er sich daher gar nicht mit dem Gedanken befasst hat, dass der Sozialismus zu Säuberungsaktionen und Gulags führen könnte. Es ist meines Erachtens hier überhaupt keine Beziehung zwischen den Schriften von Marx und dem Stalinismus zu erkennen, weder eine positive noch eine negative. Auch wüsste ich nicht, weswegen eine Erklärung des Stalinismus zu einer Aussöhnung mit diesem führen müsste. Wenn die falschen Urteile kritisiert werden, womit der Stalinismus seine Gewalt legitimiert hat, ist er vielmehr nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch widerlegt.

Der Stalinismus lässt sich als Produkt einer bürgerlichen Geistesverfassung erklären. Mit seinen Umerziehungslagern scheint der Stalinismus der Behauptung Recht zu geben, dass die menschliche Natur nach Kapitalismus verlange. Der naturbelassene Mensch bedürfe demnach erst einer Erziehung, einer „Kultivierung“. Erst der tugendhafte Mensch, der nicht auf seinen Eigennutz achtet, wäre der neue Mensch, den es für eine sozialistische Gesellschaftsordnung brauche. Diese Wertschätzung der Tugend weist jedoch bemerkenswerte Übereinstimmungen mit bürgerlichen Moralvorstellungen auf. Auch in der bürgerlichen Gesellschaft ist es nämlich eine allgemein verbreitete Klage, dass es zumindest den anderen Menschen an Tugend mangle. Nicht die Gegensätze der Konkurrenz und nicht die Notwendigkeit, sich bei Strafe des Untergangs als Privateigentümer behaupten und durchsetzen zu müssen, werden für menschliches Leid verantwortlich gemacht, sondern ein Mangel an Tugendhaftigkeit. Die Pflege ihres Erfolgs als Privateigentümer würde schon zum allgemeinen Vorteil führen, wenn sich nur alle anständig an die Regeln hielten, lautet das Urteil. Es lässt sich daher fragen, ob die Säuberungsaktionen, für die der reale Sozialismus berüchtigt ist, nicht durch ebensolche Moralvorstellungen motiviert gewesen sind. Denn wie sonst käme man auf den Gedanken, dass man neuer Menschen bedürfe, wenn doch die Zwänge nicht mehr existieren, die dafür verantwortlich sind, dass der eigene Erfolg mit dem Misserfolg der Konkurrenten einhergeht? Wenn man jedoch der Auffassung ist, die Gegensätze der bürgerlichen Gesellschaft wären das Resultat mangelnden Anstands, dann liegt natürlich der Gedanke nahe, dass es vor allem auf die Durchsetzung dieses Anstandes ankäme, um diese Gegensätze abzustellen. Dann scheint die Säuberung geboten, die auf die Reinheit der Tugend achtet und zunächst auf die Gesinnung der Menschen abzielt, bei scheinbar „Unbelehrbaren“ aber auch deren Vernichtung anstrebt.

Mit dieser Kritik nicht nur der Gewalttaten, sondern der diese motivierenden Urteile ist auch keine Versöhnung verbunden, im Gegenteil, sowohl gegen diese Taten als auch gegen ihre Ursachen ist diese Erklärung unversöhnlich. Da für Foucault aber Erklärung und Versöhnung zusammenfallen, bleibt ihm nur die Demonstration seiner Wut über die Tatsachen, die durch keine Erklärung zu bezähmen ist, weil dies Verrat an den Opfern sei. Es kommt ihm daher darauf an, seine persönliche Betroffenheit und Unbestechlichkeit zur Schau zu stellen. Er macht sich nicht durch Erklärungen, die in Wirklichkeit Rechtfertigungen von Gewalt seien, die Hände schmutzig. Da gibt er doch viel lieber den antikommunistischen Ressentiments des Westens Recht, der zu dieser Zeit mit den Gulags des Stalinismus seine Leichenberge in Vietnam rechtfertigte.

Angesichts Foucaults Wut über die Tatsachen stellt sich auch die Frage: Hätte seine Wut nicht auch dazu führen können, für Säuberungen gegen die Urheber jener Tatsachen, die diese Wut veranlassten, einzutreten? Ist es nicht immer solche Wut, die zu Gewalt und Vernichtung führt?


[1] Michel Foucault: Die große Wut über die Tatsachen. Über „Les Maitres Penseurs“ von André Glucksmann, in: Ders: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit, Berlin 1978, S. 217

[2] Ebenda, S. 218

[3] Ebenda, S. 220

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